Politikum in Frack und Gläsern.

von Flo

Lund, ich schrieb bereits davon, ist eine nette Studentenstadt im Süden Schwedens. Frühjahrsamstags abends ist die ungewöhnliche feierkulturelle Konfiguration des Ortes in den Straßen ablesbar: Im milden Aprillicht hängen die mutigeren der zahlreichen Wohnheimsbewohner ihre Füße aus den Fenstern und von den Balkonen in die frühjahrskalte Luft und warten auf die Wirkung der ersten Spätnachmittagsbiere; die wattstarken Anlagen in den Küchen und Gängen werden erst moderat vorgewärmt. Abgesehen von einigen Kinder auf polierten Fahrrädern sind die Straßen und Gassen dann leer. Wer sich jetzt nicht auf einen Abend in einer der Nationen* oder eine mittelschwer zerstörerische Korridorparty vorbereitet, der wohnt sowieso – aus tiefster Überzeugung – im nahen Malmö. Oder er gehört zu der Gruppe der Universitätsangestellten, und liest gerade Magazine für akademische Bedienstete, an vorhanglosen Fenstern in einem der schmucken Häuschen entlang der Kopfsteinpflastergässchen.

* Ein Überbleibsel aus der Gründungszeit der Universität, als Studenten aus ganz Schweden den dänischen Einfluss aus dem frisch eroberten Süden des Landes drängen sollten. Die Nationen als Landsmannschaften waren der gemeinsame Rückzugsort in der Ferne: Für einen Abend Pause vom gutturalen Lallen der Einheimischen; ein Glas Bier bei göteborgischem Krächzen oder norrländischem Schweigen. – Heutzutage sind diese Nationen Stützen des Nachtlebens; sie verkaufen Alkohol zum halben schwedischen Laden-, früher am Tag selbst gekochte 3-Gänge-Lunches zum Straßenpreis eines kleinen Falafels, und sind, je nach Ausrichtung und Zuschauerzuspruch Ersatz für 2 kleine Bundesstraßengroßraumdiscos, oder einen Indie-Club mit beschränktem Budget. Inklusive zugehöriger kulturstiftender Funktion. Mitglied muss bis heute jeder irgendwo sein; das war rückblickend der zuverlässigste Weg jeglichen Verbindungs- und Burschenschaftscharakter auszumerzen. Es gibt sogar Smålands Nation, sozialistisch, feministisch, politisch aktiv.

Rein dürfen allerdings ausschließlich Studenten. Das ist aber im Wesentlichen, auch dem Autor dieses Artikels, egal. Solange es schließlich Alkohol zum halben Preis gibt.

Es ist ungewohnt, um diese Zeit Tageslicht zu sehen: Die Nationen öffnen ihre Pforten erst um 22 Uhr. Der hartgesottene Schwede erreicht sie nicht vor halb zwölf, gleichwohl sie um zwei bereits wieder schließen. – Eine andere Tradition lebt ebenfalls fort, liefert den letzten Grund an einem Wochenendabend durch die leeren, sonnigen Straßen zu schleichen. Zumindest einmal in einem Austauschstudentenleben: Bälle. Jede Nation veranstaltet ein bis zwei solcher, die dann kleines Armadas befrackter junger Schweden anziehen. Das sieht für das kontinentale Auge etwas befremdlich aus, aber auch so, wie in Schweden alles aussieht: Reflektiert, domestiziert, sozial verträglich.

Beginn gegen 7 Uhr; Mit einem Vor-Essen. Kerzen auf den Tischen brennen, der Kreis der Anwesenden ist noch klein, draußen flutet immer noch Vorabendlicht das Pflaster. Ab und an schleichen kurzbehoste Jugendliche durch den Innenhof und betrachten von außen interessiert die illustre Gesellschaft aus Menschen im feinen Zwirn: Es gibt nobles Essen. Kleine Portionen in die seltene Nussarten gemischt sind. Es ist mir etwas flau, ich beschuldige die Nüsse. Tatsächlich wirken eher die Eindrücke, und formen Fragen in Hinterköpfen. Die drinnen, wir draußen, so anders: Was ist der Sinn des Speisens von Essen, das der Normalmensch nicht isst, in Klamotten, die der Normalmensch nicht trägt? Die die dort draußen nicht tragen? Amüsement, zweifelsohne, Ausschluss des Alltags. Seiner Probleme. Distanzierung davon. Distanzierung auch von denen, die aus verschiedensten Gründen nicht über die Alltagswelt heraus kommen können?

Ich will nicht urteilen, und esse die Melonenstücke aus der Sauce des Hauptgerichts. Distanzierung, auch in derart äußerlicher Form geschieht ständig: Das Tragen eines Tocotronic-T-Shirts ist Manifest, und ein wenig Blamierung derer, die nicht den Slang der Indie-Szene beherrschen. Fußballtrikots und Schals im Stadion. Joschka Fischer in Turnschuhen im hessischen Landtag. Der Unterschied ist die Distanzierungsrichtung: Im Stadion, mit meinem Band-T-Shirt, distanziere ich mich „horizontal“: Ich bin anders als ihr; ich bin Haching, nicht Bayern, ich bin Indie, nicht Metal: Aber wir schauen uns in die Augen. Wir spielen das gleiche Spiel. Wir, in den Anzügen und geliehenen Fracks, distanzieren und “vertikal”, spielen nicht das gleiche Spiel wie die da draußen.Glaube ich, und weiß, dass das hier alles unbewusst ist. Pierre aus Marseille hat die Ärmel hochgekrempelt und paddelt mit dem Löffel in der Suppe.

Später erst zeigt der Abend seine ganze erlebnishafte Kraft: Die Gruppe schwedischer und internationaler Austauschstudenten trifft im Ballsaal des Grandhotels ein; über dick verplüschte Treppen, unter Kronleuchtern. Es taumeln bereits die jungen und älteren Honoratioren der ausrichtenden Helsingkronanation durch die Gänge: Teure Fracks, Balken von Orden; Grüppchen rotwangiger Jünglinge und Mädchen stehen auf Treppenabsätzen und intonieren laut schwedische Trinklieder; dazwischen grauhaarige Männer mit runden Brillen. Jungs in Uniformen und Mützen lachen; über das Tanzparkett schieben sich Reihen von Walzertänzern, zu den Klängen einer Brassband im 20er-Jahre-Stil; der Leiter unserer Gruppe findet Bekannte und gesellt sich hinzu; erklärt die Gepflogenheiten. – ich bin beruhigt zu hören, dass die Orden nur die Zugehörigkeit zu vergangenen Festgesellschaften darstellen, amüsiert, das sie käuflich zu erbwerben sind, und gleichzeitig zutiefst erstaunt… über die Distanz, Gräben und Höhenunterschiede, die gelegt werden durch das Singen eigener Lieder, das Aufenthalten an diesem Ort, die Hierarchie der Orden, die Kleidung – zwischen den behandschuhten Prinzessinnen und den Pinguinen in Lackschuhen die ihnen folgen, bin ich jetzt im krawattenlosen Cordanzug und mit dem obersten offenen Knopf meines Hemdes hoffnungslos underdresst. Überhaupt, das 20er Jahre-Setting, es scheint die ganze hierarchische Struktur, den Ausschluss der Rest-Welt überhaupt erst zu rechtfertigen. Ich passe nicht dazu, und ihr – kommt hier nicht rein.

Die Grenze des für einen deutschen Gutmenschen-Studenten metaphorisch erträglichen überschreitet der letzte Ortswechsel des Abends: Vom Grand Hotel zu AF-Borgen, der Heimat des Studentenwerkes, zieht die Gesellschaft. Die Uniformierten tragen Fahnen, einzelne andere Fackeln, es wird wieder gesungen. Die Menschen der Lunder Innenstadt, um diese Uhrzeit meist betrunken, sind Zaungäste: Zivilisten, schießt es mir durch den Kopf. Tatsächlich sind nun sie in zivil, und wir uniformiert. Vor dem eher alternativen Café Ariman lachen studentische Dreadlocks über unseren Treck. Auch das, eine Art eigene Standortbestimmung.

Schweden scheint mir tatsächlich immer, ich schrieb es: Reflektiert, domestiziert, sozial verträglich. Das Fahren dicker Autos ist verpöhnt.

In Malmö hat man mir einmal gesagt, Lund fühle sich elitär. Ich hab es, im Gedanken an meine eigene Erfahrungswelt, nicht wirklich verstanden: Die verrückten Indie-Jungs und Mädels in Blekingska Nationens „Indigo“-Club, veganes Abendessen bei Smålands, die moderne, offene Uni, das heitere Leben mit Falafel und Hummus-Sandwich auf den alten Gassen. Tatsächlich konserviert Tradition, und nicht nur diese, offensichtliche, etwas in die Gegenwart. Neben wertvollem Wissen auch Strukturen, die wir überwinden wollten. Das lustige Treiben beim Essen und in den Ballsälen mag in harmlosem Denken stattfinden; es schafft ein Gruppenbewusstsein und Zirkel, die, wären sie in Schweden weiterverbreitet, wahrscheinlich nicht die sozial offene Gesellschaft zulassen würden, die sie zu sein scheint: Tatsächlich mag aber selbst die scheinbare soziale Gleichheit auf hohem Niveau, die Städte wie Lund (oder auch München) bieten, sowieso auf Kosten derer stattfinden, die sich die Mieten nicht länger leisten können.

Ausschluss des Anderen findet ständig und überall statt; meinetwegen selbst durch überkomplizierte Sprache oder Diskussionen, etwa hier. Und die einzige mir bekannte Lösung für dieses Problem ist, sich die eigene Wahl und den Grad der Handlung, zwischen preishalbiertem Bier, Ballbesuch, komplexer Diskussion und den Auswirkungen auf das eigene Denken, die Selbsteinschätzung, in ausreichenden Intervallen zu verdeutlichen. Nicht richtig oder falsch; nur wach bleiben. Gerade dort, wo es sich normal anfühlt. Unterhalb der Ball-Grenze.

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