Riot on a never-empty street.

von Flo

Wo entsteht unsere (Um-)Welt? Zu glauben, Dinge und Produkte entstünden an Schreibtischen, oder in bewerkzeugten oder maschinenbefugten Händen draußen in den Fabrikhallen oder Straßen, das wäre leichtgläubig. Oder zumindest zu kurz gedacht. Alles von Menschenhand geschaffene, was wir sehen oder hören, fühlen, ist Ergebnis und Abbild eines Gedankens. – Mehr oder minder treffend und kunstfertig umgesetzt. Immer das Ergebnis einer Vor-Stellung jedenfalls.

Irgendwann entstand das Paradigma, Magazine, die einem guten Zweck gewidmet sind, müssten aufrüttelnde Boten des schlechten Gewissens sein, Plattformen der vorstädtischen Sozialkritik, oder wenigstens über amateurhaftes Äußeres Mitleid erregen. Aber wer identifiziert sich – über den springengelassenen Groschen hinaus – mit guten Zwecken, wenn sie sich so hausbacken gebärden?

Sozialkonstruktivismus strikes again.

Keiner wohl, und trotzdem funktioniert die Sache. Die einen fabrizieren leidend oder übermotiviert im Funzelschein ihrer Schreibtischlampe ihr kleines Stück Weltverbesserung, die anderen kaufen es – aus genau dem schlechten Gewissen, dem bewussten Altruismus oder dem Mitleid, das erregt werden soll. Und tragen einen Stein in der Tasche mit nach Hause, der vielleicht pflichtschuldig durchgelesen wird, und dann möglichst bald vergessen. – Die frischeren der vierzehn deutschsprachigen, in der internationalen Street Papers Organisation verbundenen Obdachlosenmagazine geben sich immerhin nicht direkt langweilig. Eher harmlos. Boulevardesk. Wieder bleibt der Leser indifferent. – Wohltätigkeit hat den Ruf ein zähes Business zu sein, und genau das bleibt es auch. Es hilft viel – aber es könnte so viel schöner sein.

Auch im reichen Schweden stehen Obdachlose mit Zeitschriftenpacken an den Straßenecken, mitten im skandinavischen Aprilregen, und wer sich pflichtschuldig vor Malmös Centralstation einen schweren Stein Schuldgefühl oder Langeweile in die Tasche stecken lässt… Fällt aus allen Erwartungen – jemand ein Satteldach auf dieses Museum gebaut! Oder die Zugtür in die Mitte des Waggons gesetzt. Dieser Stein kann fliegen.

Fliegende Steine. // Zusammen was zusammengehört.

36 Seiten schweres, unlackiertes Papier, auf dem Cover unüberladene Fotokunst, irgendein Innenhofwinkel; mehr: Ein Titelthema, ein vager Ausdruck, zu dem jeder Assoziationen besitzt: Hier „ondskan“ („Das Böse“), ein ander Mal „kunskaper“ („Fähigkeiten/Erkenntnisse“) – irgendetwas dekonstruierbares, scheinbar fest gefasstes aus unseren Leben. Immer mit dem Leben in sozial schwächeren Gefilden verknüpfbar. Subtil. Man ist sich nicht ganz sicher: Belehrt schon ein Interview mit einem ausgestiegenen Informatiker eines Waffenproduzenten? Oder die Frage ob es Extremsituationen sind, die das Böse hervorrufen? Wenn, dann hat man es nicht gemerkt.

Genau einen Fuß will das Magazin in der Lebenswelt der Obdachlosen haben, sagt Chefreakteurin Maria Dahmén. Linien ziehen ist erwünscht, nicht aber die Zurschaustellung „anderer“ Lebenswelten – Gegenstand einer Betrachtung des „Andersartigen“ zu sein, das stigmatisiere eine Gruppe, statt sie näher zu bringen.

Große Porträts, Collagen, Anschnitte, Illustrationen, Stadtüberblicke ziehen sich durch das Heft, flattern locker durch es hindurch, in der Mitte setzen Künstler das Thema jeweils bildlich um – und hier wird es interessant: „Aluma“, so heißt das Heft, wird von – größtenteils freischaffenden – Künstlern und Autoren gemacht, die eine ziemlich freie Ausdrucksplattform finden. „Größtes Argument jemanden für eine Arbeit in Aluma gewinnen zu können ist nicht der finanzielle Lohn, sondern die Gestaltungsfreiheit, die wir bieten können. Das macht es uns leichter.“ Ziel solle es sein ein Produkt mit Qualität zu schaffen, dass man um seiner selbst willen kauft – der Verkäufer als respektierter Zwischenhändler eines vollwertigen Erzeugnisses. Keine journalistischen Almosen, kein Jammerblatt. Wenngleich sich der Lerneffekt immer durch die Hintertür schieben soll. Subtil.

Auch die Obdachlosen selbst dürfen mitwirken: Je einer interviewt jede Woche einen selbstgewählten Gast, begleitet von einer Journalistin. Auch das ein treffender Gedanke: Jeder soll das tun, was er kann. Aber weil er es gewinnbringend kann, einen Blickwinkel hinzufügen, und nicht als milde Gabe.

Finanziert wird das Magazin größtenteils aus eigenen Mitteln; lediglich 270.000 Kronen, 27.000 Euro, steuert die Stadt Malmö für zwei Jahre bei – beschäftigt werden von diesem und dem durch Verkauf erwirtschafteten Geld Dutzende Verkäufer, ein Büro, dessen Vorraum auch als Treffpunkt für Obdachlose funktioniert, zwei Festangestellte, die Honorare der Freischaffenden und: 12 Ausgaben journalistischen Freiraums, ein bisschen Werken an gesellschaftlichen Perspektiven und Wahrnehmungen; und etwas Platz für Layout und Bild an sich. Letztens fand sich ein „Cover“, das sich bis auf die Rückseite des Heftes erstreckte.

Möglich macht es die Lücke die sich durch das Arbeiten an einem guten Zweck ergibt – an dem viele Magazine vor allem schwitzen und schuften. Möglichkeit und Fluch Wohltätigkeit:

- “Wir verkaufen 22.000 Exemplare pro Ausgabe, bei schlechtem Umsatz vielleicht einmal 15.000 – das sind gute Zahlen! Von so einer Reichweite träumen andere Magazine. Aber viel Feedback kriegen wir nicht – viele denken, die Verkäufer hätten die Zeitung geschrieben, und sie müssten sie aus Mitleid kaufen. Der Inhalt wird oft gar nicht wirklich wahrgenommen. – Dafür sind wir so frei, wie wir wollen. Wir können alles probieren. Und ab und zu wird durchaus sichtbar, dass wir damit auch etwas erreichen.”

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