Der Staat – das bin ja ich.

von Mario

Die erste Aufregung hat sich gelegt. Um die öffentliche Verhaftung des Klaus Zumwinkel. Ein angesehener Manager öffentlich ab- und vorgeführt durch Polizei und Staatsanwaltschaft, solch populistisch Purzelbäume schlagen sonst nur die russischen Kollegen. Doch hat sie – wie jede Medaille – auch etwas Gutes, die mediale Hinrichtung des Klaus Zumwinkel (interessante Aspekte hierzu greift das ecoblog auf). Wohl eher weniger die von den Steuerfahndern herbeigesehnte Selbstanzeigenwelle als viel mehr eine neue Gerechtigkeitsdebatte. Wenn schon nicht bei Anne Will – bei der man vergeblich hoffte, dass die Problematik der Null-Bock-Mentalität der oberen zehntausend Sozialschmarotzer in Punkto Steuerzahlungen ebenso intensiv vertieft worden wäre wie die behauptete Null-Bock-Mentalität der arbeitslosen Restbevölkerung, stattdessen wurde das Problem schnell zum “gesamt gesellschaftlichen” erklärt, wer nicht in die Tiefe will geht eben in die Breite – dann wenigstens hier.

Natürlich ist Steuerhinterziehung ein gesamtgesellschaftliches Problem und damit ist das in die Breite gehen der Diskussion sachlich natürlich richtig, fachlich von Frau Will aber grundfalsch angepackt. Gerade in dieser illustren Runde und angesichts des fast schon ekelhaft selbstgefälligen Utz Claasen hätte man durchaus tiefer bohren können und diskutieren können ob die Schwere der Verfehlung nicht nur mit der Höhe des hinterzogenen Betrages sondern auch expotentiell mit der – von unseren Herren Managern sonst bei jeder Gelegenheit beanspruchten – gesellschaftlich wichtigen und angesehenen Stellung steigt. Es macht nämlich sehr wohl einen Unterschied ob Lieschen Müller ihren Handwerker schwarz bezahlt oder eben ein Klaus Zumwinkel Geld in Liechtenstein versteckt. Denn, die nicht ganz astreinen Geschäftchen einer Frau Müller sind vielleicht im jeweiligen Dorfviertel oder Stadtteil Thema, nicht jedoch in einer deutschen Gesamtöffentlichkeit. Und so hat ohne großes darum herum Gerede das Handeln eines Klaus Zumwinkel – und all seiner Kollegen “da oben” – durch seine Öffentlichkeit eine wesentliche Vorbildfunktion und wiegt eine Verfehlung umso schwerer.

Und eben wegen dieser gesamtgesellschaftlichen Bedeutung der “einzelnen, schwarzen Schafe” aus der Industrie sollte man sich diesen intensiv widmen, anstatt sofort auf eine aus Gemeinplätzen bestehende Werte- und Moraldiskussion auszuweichen. Wie formulierte diese Woche Bruder Barnabas auf dem Nockerberg so schön: “Das ist kein Neid mehr, das ist die blanke Wut!” Wut angesichts der Selbstbedienungsmentalität und der unglaublich dreisten neo-liberalen antistaatlichen, schlussendlich auch antisolidarischen und gegengemeinschaftlichen wirschaftsliberalen Ideologie in deutschen Führungskreisen. Der Staat ist eben nicht – wirtschafts- und neo-liberaler Lesart entsprechend – ein besserer Wegelagerer dessen Häschern es zu entkommen gilt, der Staat ist die institutionalisierte Fürsorge einer Gemeinschaft für ihre Mitglieder, einer Fürsorge aller für alle! Wer Steuern hinterzieht betrügt nicht nur sich selbst, sondern auch seine Nachbarn, denn der Staat das sind wir. Der Staat das bin ja ich.

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