Sammler.

von Flo

In den Wochen nach dem Jahreswechsel scheint die Sonne nicht oft, das liegt in der Natur dieser Zeit. Die immer ein wenig länger vorkommt, als sie ist; eine Art beinahe verdrängter Nach-Winter, ein Appendix, wenn nach Weihnachten die schneehoffnungsbeladene Faszination eigentlich vorüber ist.

Tut sie es doch, das Scheinen, aus einem blass blauen, immerhin blauen, Himmel, steht sie schon kurz nach Mittag tief am Horizont. Blendet durch Häuserfluchten, über die Asphaltbänder der Landstraßen; lässt feuchte Häuserfassaden und Hügelzüge beinahe fahl schillern. Die Zeit der rötlich brennenden, Langschatten werfenden Gegen-Stände beginnt erst später am Tag.

Eine Konstellation, die ihren Ursprung irgendwo in der träge wirbelnden Relation der Gestirne findet, man kann, gewissermaßen, immer wieder die Jahres-Uhr nach ihr stellen, oder aber: Eigentlich ist sie nach ihr gestellt.

Sitzt man in der Mittagszeit in dem Raum einer Lehranstalt, gleich welcher Ranghöhe, so er nur über Fenster verfügt (was im Jahre 2008 beileibe keine Selbstverständlichkeit darstellt), stehen Dozenten und Lehrer, wie sicher auch Vorgesetzte in Bürogebäuden in den geometrischen Lichtformen die Fensterrahmen auf sie werfen, und schirmen ihre Augen, das Holz der Einrichtung scheint nach dem Winterschlaf das erste Mal wieder zu arbeiten, und Körner von Hausstaub schweben langsam im Licht zu Boden; wirbeln, wenn einer sich bewegt. Und sieht man heute diese Szenerie, dann klingen dutzende vergangene Anordnungen von Menschen, Räumen, zeitlichen Abfolgen und Februarlicht die man erlebte mit durcheinander.

Milan Kundera schreibt in seiner – mit noch mehr Worten nicht zu preisenden – Unerträglichen Leichtigkeit des Seins von den Harmonien auf der Klaviatur des Lebens; die man in jungen Jahren mit Bildern und Erlebnissen verknüpft. Die später nurmehr wieder aufgerufen wird, wenn man ähnliches sieht. – Vielleicht sind diese Harmonien auch Teil einer Galerie: Februarsonne, gedämpfte Schritte, in der Grundschule, in der Oberstufe, auf einem Feld, im Hörsaal einer Universität, 1.500 Kilometer von zu Hause.

Mehr wenn Sonnenlicht sehenswerte Bilder zeichnet, als wenn Tage grau sind, bin ich dabei Galerien mit Bildern zu füllen; (leider) nicht auf Fotopapier oder in binären Codes, dafür inklusive Gerüchen und Emotionskontexten. Reihen von Aufnahmen, die sich untereinander verknüpfen, und sich bald gegenseitig beinhalten. Es klingt: Die Vergangenheit und die Gegenwart, die bald Vergangenheit sein wird. – In einer unwidersprochenen Annahme gehe ich davon aus, das sei Teil des Lebens, Bilder aufnehmen, sammeln, bewahren, gesehen haben. Um später zu erinnern, wie man war.

Wirklich allein stehe ich mit dieser Annahme nicht, denkt man an gängige Reisekonzeptionen, etwa. Orte, „die man schon einmal gesehen haben muss“, die Fotos, die zu Millionen getätigt werden. Reisen könnte, wie leben, eine sehr gegenwärtige Idee sein: An einem Ort sein, weil es dort für diesen Moment angenehm ist – wenn es so wäre, könnte man aber vielleicht auch darauf verzichten zu reisen; angenehm könnte es schließlich überall sein. Ein leichter Hinweis darauf, dass es doch ein Stück mehr um das Bilder sammeln geht. Um das Alben anlegen.

Tatsächlich fahren wir umher und machen Fotos und Aufnahmen; wollen nichts vergessen, das Leben leben, und stopfen uns dabei die Taschen mit Momenten voll, die wir, vielleicht, genauso wenig wie all das ersparte Geld am Ende irgendwo mithin nehmen können. Und ob es etwas bringt, diese mehr oder minder vergilbten Bilder herumzureichen, sieht jemand anderes überhaupt etwas auf ihnen? – Kant hat sein ganzes Leben in Königsberg verbracht. Ob er es tat, weil er sich aus Anblicken nichts machte, oder weil er den Marktplatz in 80 Variationen eines 15. Februar erinnern können wollte, das ist nicht bekannt. Er hat jedenfalls nichts davon geschrieben.

Leben scheint jedenfalls einem Herumstreichen zu gleichen, einem mit den Momenten und Kontexten schwingen, ein wenig für jetzt, und viel für später. Was immer es mit dem Sammeln auf sich hat, für jetzt und für später – womöglich ist es richtig, wenn man es so selbstverständlich tut, und trägt seinen Sinn in sich selbst. Je richtiger, je weiter die Dinge entfernt sein werden, und die, die man damals sah. Den Kopf auf die Hand stützen, aus dem Fenster oder in den Raum sehen, und den ganzen gegangenen Weg im eigenen Rücken fühlen. Mit all den Momenten und Menschen mit denen man an den gleichen Stellen, der frühlingshaften Gestirnformation vorbeigekommen ist. Wofür es auch gut war: Ich will wissen, wie es war.

Fotos: Flo

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