Die Freiheit und die Meinung.

von Flo

In einem jungen Menschenleben gibt es jene Phase, in der Wörter nur Laute ohne Bilder und Verstehen sind, und das „Dahinter“ unbekanntes Terrain. Eine Meinung spürt man dennoch, früh gefärbt aus den Äußerungen der Eltern, der Bekannten, des Fernsehens. – Warum bei dem Wort „Mittelohrentzündung“ die Gesichter verzogen werden, wird aber früher oder später nachvollziehbar werden, oder dass “Leverkusen” eine Stadt mit einem Fußballverein bei Köln ist.

Mimikinduzierte Bauchschmerzen.

In anderen Belangen bleibt es länger schwer, mehr als nur aufgenommene Stimmungen zur Grundlage der eigenen Meinungsbildung zu machen: Meldungen vom Anstieg der CO2-Emissionen und bedrückte Mienen im Fernsehen machen uns ein vages Gefühl von Bauchschmerzen – es wird etwas damit auf sich haben, auch wenn wir es nicht genau nachvollziehen können. Wenn andererseits befunden wird, die Privatisierungsoffensive der Bundesregierung sei auf einem guten Weg, dann neigt sich der Kopf leicht in Wohlwollen. CO2, das klingt nicht gut, Privatisierungen schon besser: Eine gute Sache, immerhin sei sie auf einem guten Weg. – Manchmal ist es bis ins höhere Alter schwer, über solche Bauch- und Athmosphärenmeinungen hinauszukommen.

Der Glaube des geringeren Widerstandes.

Meist ist es dann leichter, das zu glauben, was eben das Mittagsmagazin, die Freunde, die Volksparteien oder die Wirtschaftsexperten meinen – je stärker und gefestigter die Meinung von außen ist, umso schwerer, eine eigene zu haben, umso schiefer die Blicke für, oder sogar umso abwegiger der Gedanke an eine solche. – Gleichwohl ist Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik nicht nur Magie und Klimachemie, sondern im täglichen Leben zu spüren und zu fassen. Was immer gut oder schlecht läuft, in unseren täglichen Lebensumwelten: Es hat Gründe. Und gar nicht so selten können wir sie sehen.

Meistens wird Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik nach Idealen ausgerichtet; wohl oft die oberste intuitive, unhinterfragte Entscheidung. Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Sicherheit und viele mehr wären da im Angebot, und selten sind alle gleichzeitig zu haben – eines davon setzen wir zuoberst, meistens als common ground von außen; unhinterfragt. Grundlagen unserer Gesellschaft. Wo es um Menschen geht, ist das zur Zeit Sicherheit, wenn es um Wirtschaft geht Freiheit. Ein nobles Wort, an das wir gerne glauben – nur, wer wird freier, wenn etwa privatisiert und liberalisiert wird?

Freiheit! – Für wen?

Auf jeden Fall der Markt, manchmal auch sehr indirekt die, die nachher etwas direkter bestimmen dürfen. Auf Aktionärsversammlungen, statt bei Bundestagswahlen. Und, gegebenenfalls die, die jetzt ihr neues Geschäft eröffnen dürfen. – Dem Rest wird im Prinzip etwas ganz anderes versprochen: Mehr Wohlstand. Und, vielleicht, die Wahl zwischen mehr Pizza im Tiefkühlregal. Respektive bunteren Briefmarken oder schnelleren Zügen. So tief reicht die Umsetzung des Ideales der Freiheit, bis in die unteren Regionen der Tiefkühltruhe – und so gerne nehmen wir den tatsächlich versprochenen “Trade-off”, Wohlstand. Denn der, sagt eine andere unhinterfragte Meinung, ist das wichtigste. Wie abwegig wäre es, eine andere zu vertreten?

Was gewinnen wir nun, wenn wir Teile unseres Gemeinschaftsraumes verkaufen, „Privat“-Schilder daran hängen, und künftig Eintritt verlangen?

Zuerst gibt es ein bisschen Gewinn für alle, den Verkaufserlös, und vielleicht sinkt der Bierpreis ein wenig, kommen neue Möbel in die Schankräume. Faktisch aber können sich womöglich gar nicht alle Bier kaufen, oder wollen keines trinken, sie sind die ersten, die nichts gewinnen, auch nichts mehr gewinnen können, denn an die Gemeinschaft abgegeben wird vom Gewinn künftig nichts mehr.

Freiheit – mehr als nur Pizzabelag und die Farbe von Briefmarken?

Tatsächlich geht für viele sogar mehr verloren, als nur ein meist eher bescheidener gemeinsamer Wohlstand: Nämlich, überraschenderweise, Freiheit, einmal anders: Wir können nicht länger bestimmen, wie die Räume in denen wir große Teile unseres Lebens verbringen gestaltet werden: Es wird von wenigeren schneller gearbeitet werden müssen, weniger ausbezahlt werden, und die Marktschreierei lauter, und wer künftig noch eingelassen wird: Nicht in unserer Hand. Der Grund ist der, aus dem die Privat-Schilder überhaupt aufgehängt wurden: Die Suche nach Wohlstand, und die Freiheit: Aber eben derer, die unsere Räume jetzt besitzen, und deren Gäste wir jetzt sind, und die selber eigentlich nur Gehetzte im Lauf nach Effizienz und Gewinn sind: Derer, die in sie investiert haben, und derer, gegen die sie im Wettbewerb antreten. Die Freiheit das tägliche Leben, nicht nur das Brieflayout tatsächlich zu gestalten fällt auf eine sehr kleine Gruppe zurück, und auf die “Naturgesetze” des Marktes: Schwer zu beeinflussen.

Zeit, abzuwägen.

Die entscheidende Frage: Ist billigeres Bier, 20 Cent weniger Briefporto oder innovative Bahnsonderpreise, dieser ganze neue bunte “Wohlstand”, wert unsere Freiheit das Tempo unserer Arbeit mitzubestimmen, zu bestimmen wer eingelassen wird oder mitfahren darf, und die Möglichkeit, zwischen Gewinn und Solidarität auszubalancieren, aufzugeben? Ist es dieser Wohlstand wert, ihm 12 Stunden am Tag abgehetzt hinterherzurennen? Eine offene Frage – aber eine Frage. Vielleicht Zeit für abwegige Meinungen. Für eigene, jedenfalls.

Bahnhofsschalter in Holzkirchen, Oberbayern: geschlossen.

Foto: Flo

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