Function well.

von Flo

Es lässt sich nicht ausschalten: Morgens um 10 ein Blick über den Hörsaal oder durch die Straßenbahn. Menschen, überall. Ein einfaches austauschbares Konzept, Augen, Haare, Arme und dergleichen mehr, unterschiedliche Formen, im wesentlichen das Gleiche.

Und unvorstellbar eigentümliche, große, eigenartige Ausprägungen. Je größer, je näher man steht. Das kann man sich vor Augen halten, nahe eben, wann immer man will – im Kopf behalten kann man es freilich schwer, denn eine Minute früher oder ein paar später sind es wieder nur austauschbare Gegenpole; Die im Weg stehen, niesen, Fahrkarten kontrollieren, dumme Fragen stellen. Austauschbare Bilder eines Konzeptes; Socken wären schwerer untereinander frei zu wechseln.

Was in der Straßenbahn funktioniert, funktioniert auch auf die Gesellschaft bezogen – Politik und das Leben werden für Menschen gemacht. Aber begreifen kann man alle diese Menschen, die sich in einem modernen Staatsgebilde aufhalten schwerlich gleichzeitig. Die wenigsten hat man überhaupt je einmal gesehen; wir leben eben in “imagined communities”.

Und jene von ihnen, die ferner stehen tendieren dazu für uns abstrakt zu werden: Man versteht das von ihnen, was man mitbekommt. Menschen, die in der Straßenbahn im Weg stehen sind Imwegsteher, solche die keine Arbeit haben Arbeitslose. Es stecken hinter beiden tiefere Geschichten; erfassen kann man sie nicht. Und so tun Menschen eben das, was zu tun ist, damit es gerade besser funktioniert – soweit das von drinnen jeweils zu überblicken ist: Jenen ein wenig drücken, damit er nicht länger den Halten-Knopf blockiert, und jenen, damit er wieder arbeitet.

Ein natürlicher Vorgang, der kaum durchbrochen werden kann. – Ein wenig Revolte gegen das Unvermeidliche hilft meistens auf die größten Sprünge.

Die meisten beginnen ihr Leben an einem Ort, an dem sie unvorstellbar große, eigentümliche Persönlichkeiten sind. Die meisten fühlen sich dort wohl, wo sie das heute noch sind. Nahestehen und Großsehen hilft dem Wohlbefinden. Voraugenhalten auch – drängeln müssen Menschen in der Straßenbahn vielleicht; großen, besonderen Gegenübern wird man aber vielleicht zumindest nicht die Ellbogen in die Rippen rammen.

Die Art, wie wir uns und unsere Gesellschaft verwalten tut erstaunlicherweise meist das Gegenteil: Wir werden zweckgebunden ausgebildet, nicht für „unseren“, selbstgewählten Zweck, sondern für eine Funktion in der Gesamtmaschinerie. Das Äquivalent wäre: Sitze nicht zum Sitzen, sondern zum Nichtimwegstehen in der Straßenbahn – bequemer wird das nicht.

Um Menschen gerecht zu werden müsste man anders organisieren. Stattdessen wird die Gangart verschärft: Wer nicht funktioniert wird zunehmend geschoben und gedrückt. Verringerung der Sozialleistungen, Ruf nach Arbeit zu jedem Preis, Ende des Kündigungsschutzes: Der Mensch wird ungeachtet seine Eigen-artigkeit, und seiner Fähigkeiten „zugänglich“ und „erschwinglich“ gemacht, unter seinen Bedürfnissen und Plänen hindurch, um seinen Teil zu erfüllen, an dem Prinzip, das Wirtschaft oder Markt heißt: Als überaus austauschbares, kleines Konzeptteil, das irgendwann seinen Zweck erfüllt hat.

Eine Gegenbewegung wäre sicher nicht, die Arbeit einzustellen – schließlich leben wir trotzdem in einer Sozialgemeinschaft, in denen die einen Individuen für die anderen bezahlen. Der Ansatz ist anders: Sich selbst so zu verstehen, wie man behandelt werden möchte: Sich einen Zweck suchen, der über das Funktionieren, das Konsumieren und Erledigen, hinausgeht. Und ihn verfolgen, wer auch immer knufft und drückt. Sichtbare eigene Ideen und Aufgaben machen Menschen sichtbar einzigartig – Schluss mit der Manövriermasse.

Metadaten:

Ein Kommentar.


    Fatal error: Call to undefined function is_wpuser_comment() in /www/htdocs/w008468a/fallenlegen/_fl1/wp-content/themes/wearemagazine_2/comments.php on line 30