Gezeichnet.

von Christoph

Historische Themen im Spielfilm-Kino sind immer eine zweischneidige Sache – einerseits wird eine einseitig belegte, subjektiv empfundene Möglichkeit, wie es gewesen sein könnte, als absolute, objektive Wahrheit dargestellt und vom Zuschauer so empfunden, andererseits ein Einblick in Themenkreise ermöglicht, die dem eigenen kulturellen Empfinden unzugänglich scheinen. Vollends komplex wird das Thema, wenn – wie in der filmischen Umsetzung des Comics „Persepolis“ – der Film gezeichnet wird. Wird hier eine an sich ernste Geschichte im Stile des „Lustigen Taschenbuches“ in ein vollends irreales Stück umgewandelt?

Diese Frage lässt sich sehr leicht beantworten: Nein. Im Gegenteil. Der klassische Arthouse-Film, der die Geschehnisse um die Revolution im Iran von 1979 widerspiegelt, ermöglicht einen vollkommen anderen Zugang zu den dargestellten Personen und Ereignissen: So fand ich die gezeichnete Darstellung der kriegerischen Auseinandersetzungen des Krieges mit dem Irak viel näher gehend als beispielsweise zum Vergleich die vielen Toten im „Untergang“. Durch den Verzicht auf eine realistische Darstellung wird dem Film gleichsam der erlernte Verzicht auf Wahrheitsstatus gegenüber allem, was im Kino läuft ermöglicht: Ein Durchschnitts-Film ist durch die schiere Masse an Kriegsdarstellungen, mit denen wir überflutet werden einfach nur ein Film. Der Verzicht auf ausdrückliche Gewaltszenen, bei denen das Blut nur so spritzt, die Reduktion auf einfache, eindringliche Comic-Bildersprache ermöglicht es den Zeichnern, den Film den Zuschauern deutlich näher zu bringen als dies anders möglich wäre.

Auch die Hinrichtung tausender von Regimekritikern wird so eindringlich dargestellt, wie es mit einer spielfilmischen Umsetzung niemals möglich wäre.

Die Perspektive des Filmes ist interessant – ein Mädchen erlebt den Umbruch vom Schah-Regime, die Zeit der Revolution und im Folgenden die Zeit, in der die Revolutionswächter zunehmend restriktiver in das Leben der Bevölkerung eingreifen. Währenddessen wächst auch ihre Persönlichkeit, beginnend mit Reißnägelattacken auf das Fahrrad eines ungeliebten Mitschülers hin zu illegalen ABBA-Albenkäufen bis zur aktiven Entscheidung für das Exil. Diese Vermischung von persönlichem Lebenslauf (dessen persönliche Bedürfnisse jeder an sich wieder finden wird) und historischer Realität macht den Film besonders.

Der Film schafft es aber dennoch, immer ein Gefühl der Hoffnung zu transportieren. Auch in der beklemmenden Situation unter den streng islamischen Revolutionswächtern gibt es persönliche Freiräume und Möglichkeiten, sich unabhängiges Denken zu bewahren. Schlussendlich begeisterndster Charakter des Filmes ist sicherlich das personifizierte Aufstehen gegen die Ungerechtigkeit in Form der Großmutter. Sicherlich kein Film für einen netten Abend mit Chips und Cola – aber ein eindringliches, bestürzendes und dennoch menschliches Stück Filmkunst.

Persepolis. Frankreich/USA 2007 (Deutschland: 22. November 2007). 95 Minuten.

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