Kindergarten.

von Christoph

Manchmal geht es in der Politik zu wie in einer großen Familie. Da gibt es einen – je nach Regierungskonstellation mehr oder minder – patriarchalischen Familienboss, eine bösen Onkel, der immer an allem schuld ist (meistens der Finanzminister), eine große Schwester, die erfahrungsgemäß alles besser weiß (Sozialministerin) und diverse andere Charaktere. Manchmal verdrehen sich aber auch die Rollen. Dann wird aus dem Außenminister statt des eloquenten großen Bruders der ungeliebte Onkel mütterlicherseits, den am Familienfest alle meiden. Dann wird das Ganze eher zum Kindergarten.

Manchmal allerdings ist das Wort Kindergarten unzutreffend. Da bleibt einem der Atem weg, wenn einer der Brüder die Vollvideoüberwachung des heimatlichen Gartens will und das scheue Verliebtheitsgeflüster der großen Schwester mit ihrem ersten Freund am Telefon abhören will. Pure Neugierde. Oder besprechen die beiden doch einen Anschlag? Auf die Sittlichkeit? Der allgegenwärtige Bruder schafft es mit seinen Vorstellungen sogar, die Familienbande zu sprengen. Was eigentlich sonst alles aushält (Papas schwarze Koffer vor langer Zeit), wird plötzlich zur Wackelpartie. Ein Bruder läuft aus dem Ruder.

Der Bruder hatte vielleicht eine schwere Vergangenheit und hat es nun geschafft, das ganze Haus in Aufruhr zu versetzen. Keiner traut keinem mehr, die Fronten verlaufen quer durch die Familie. Da könnte man auf die Idee kommen, dass hinter all dem Aktionismus eine unverarbeitete psychische Belastungssituation stehen könnte. Der Bruder steht unter Stress, hat in seinem Leben schon so einiges erlebt und agiert nun mit einer Art Verfolgungswahn. Alle Besucher des Hauses werden als Fremde abgestempelt, hinter jeder Ecke des Hauses warten Terroristen. Alle Bewohner des hauseigenen Gartens werden unter Generalverdacht unter Aufhebung der Unschuldsvermutung gestellt. Ein Bruder, vor dem man Angst haben kann. Aber auch ein Bruder, der Hilfe benötigen kann. Ein Bruder, der in einer Welt aus weiß und schwarz lebt und für sich entdecken sollte, dass es auch Farben gibt.

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