Schwedische Gardinen: Skål

von Mario

Die Wellen – donnern nicht gegen Uto. Das Meer – hasst Uto nicht. Uto! Ist dem Meer egal. Es zieht vorbei und nur einige, verlorene Wellen schwappen gegen diesen kargen Brocken Fels.

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Sie kitzeln, jede einzelne Welle kitzelt Rinnthanen in den Kniekehlen. Er kann nichts tun, sich ihnen entgegenstemmen, sie branden nicht gegen ihn an, sie schwappen nur und kitzeln. Und mit jedem kitzelnden Schwappen saugt sich Rinnthanens Hose ein wenig mehr voll und werden seine Beine ein wenig gefühlloser, vom eiskalten Wasser. Irgendwann, wenn sie ganz gefühllos geworden sind, wird eine kleine Welle gegen ihn schwappen, ihn gleichgültig umwerfen und er wird im kniehohen Wasser ertrinken.

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Am ersten Tag hatte er noch gedacht er würde hineinwaten und losschwimmen. Stundenlang war er da gestanden und hatte auf das Meer geblickt. Seine Jacke ein einsamer grüner Fleck auf den vom Schnee weiß gesprenkelten und vom Schmelzwasser tiefschwarzen Felsen. Ein einsamer grüner Fleck auf dem “Polis” geschrieben stand. Er langweilt ihn, aber es geschieht ja sonst nichts. Die Polizei und die Presse sind längst abgerückt, die Leiche haben sie mitgenommen. Einige Möwen sind noch hier, ein paar Rentner und alle haben nichts gesehen. Einmal waren sie in Stockholm. Jeder der drei Politiker hatte drei Anwälte mit je drei Assistenten und eine hübsche Pressesprecherin dabei. Die Rothaarige, die war nett. Vielleicht sollte er sie besuchen fahren. Er steht immer noch da, knietief in der gelangweilten, schwedischen See. Andersson nimmt einen letzten Schluck Whisky, dann reisst er sich los und geht die, fünfundzwanzig er hat sie gezählt, Felsstufen zum Haus hinauf. Rinnthanen lässt er allein. In einer Stunde wird er kommen, seine Hose trocknen und Füße wärmen. Andersson nimmt die leere Flasche mit ins Haus, die letzten Wochen hatte er sie gegen die Hauswand gedonnert, gestern ein Fenster im ersten Stock erwischt, die Möbel in dem Zimmer sind schon leicht vereist und es zieht empfindlich.

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Als der völlig durchfrorene Rinnthanen das Haus endlich erreicht steht Andersson bereits nur mit Jeans bekleidet und schwitzend vor dem offenen Kamin in dem er ein Feuer entfacht gegen das die Gluten der Hölle wie ein Wegwerffeuerzeug wirken. Nachdem der Holzstoß an der Nordwand des Hauses konstant groß bleibt verfeuert er wohl nach und nach die Einrichtung des Hauses.Es gibt sicher Vorschriften die besagen, dass Einrichtungsgegenstände von Mordopfern für Polizeibeamte tabu sind. Rinnthanen beschließt nichts davon zu wissen. Lächelnd und möglicherweise auch leicht lallend kommt Andersson auf ihn zu. Das, er zeigt auf einen Berg Flaschen den er in gebührendem Abstand zum Kamin aufgetürmt hat, seinen die letzten Reste der Hausbar und des dazugehörigen Vorratskellers und deshalb müsste er, Rinnthanen, heute endlich mittrinken. Es gibt sicher Vorschriften die besagen, dass Alkoholvorräte von Mordopfern für Polizeibeamte tabu sind. Rinnthanen beschließt nichts davon zu wissen. Lächelnd greift er sich eine Flasche, Skål!

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Sie sind schon eine Weile betrunken als Andersson sich wankend erhebt und Rinnthanen bittet ihm zu folgen. Widerwillig rappelt der sich auf, einige Flaschen kippen um, sie klingen leer, sind es wohl auch und schlurft hinter Andersson ins Freie. Die Sterne leuchten unscharf, der Schnee mattweiß und unten am Meer steigt dicker weißer Dampf aus einer kleinen Hütte in die eiskalte Nachtluft. Andersson hat die Sauna angeheizt. Beglückt stolpert Rinnthanen hinter ihm her, eine Flasche linker und eine rechter Hand, von Vorschriften weiß er nun wirklich nichts mehr, er könnte sie wohl nicht mal mehr buchstabieren. Nachdem sie einige Zeit still gesessen und getrunken haben fragt ihn Andersson ob er denn schon kapiert hätte warum sie hier seien. Natürlich hat er es kapiert, an dem Tag als erst die Presse und als diese außer Sichtweite war auch das Heer der Polizeiexperten abgezogen waren. Sie waren ein Alibi, ein Alibi in einem Mordfall. Einem Mordfall, den niemand klären konnte oder wollte, zumindest nicht, so lange sich einige Provinzpolitiker hinter ihren Anwälten, Pressesprecherinnen – ja, Andersson sollte die Rothaarige besuchen – und mächtigen Verbindungen versteckten. Erst sprach Rinnthanen leise davon, dass er sich nicht verarschen ließe und alles durchschaut hätte, dann wurde er lauter und lauter und schließlich brüllte er es Andersson ins Gesicht. Der lachte nur und gluckste “Natürlich… natürlich…”, riss die Tür auf, packte ihn und warf Rinnthanen nach draußen in den eiskalten Schnee. Dann schwankte er zurück nach oben zum Haus.

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Ein dampfender, nackter Rinnthanen – ein schwedischer Komissar sturzbetrunken und wütend schnaubend mitten im Schnee. Lachend trottete Andersson die Treppe hinauf. Rinnthanen pfefferte einige Schneebälle hinter ihm her, zwei vielleicht auch drei trafen, doch Andersson wollte sich nicht wehren, er genoss lieber die dumpfen Treffer und die brennende Kälte der scharfen Eiskristalle auf seinem Rücken. Kurz bevor Andersson die Verandatür erreichte, beendete Rinnthanen sein Bombardement und folgte ihm schnaufend und keuchend auf seinem Weg zum Haus. In der Verandatür stehend blickte Andersson zurück und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen, schwitzend, schnaubend, nackt. Er ging nach oben, holte je einen Bademantel, einen Kugelschreiber und einen Stapel Papier, ging ins Arbeitszimmer, drückte dem unschlüssig herumstehenden Rinnthanen einen Kugelschreiber und einen Bademantel in die Hand, setzte sich an den großen Schreibtisch und begann zu schreiben. Rinnthanen stellte sich neugierig neben ihn. Andersson schrieb in großen Druckbuchstaben.

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Doch, als Rinnthanen sich vorbeugte um besser lesen zu können, zog er ihm das Blatt weg, tippte eine Nummer in das urplötzlich aufgetauchte Faxgerät, drückte auf den grün leuchtenden Startknopf und lies das Blatt hindurchschnurren. “Was machst du da?” Schweigen. “Ich?” Direkt. “Nein, das Faxgerät.” Schweigen. “Es faxt.” Direkt. “Natürlich du!” Schweigen. Und geschäftiges kritzeln. “Ich schreibe…” Direkt. “Das seh ich!” “… einen Polizeibericht.” “Worüber?” “Über unseren Toten.” “Aha.” “Und, was schreibst du? Dass er tot ist?!” “Das auch.” “Und sonst?” “Was mir gerade einfällt.” Schweigen. Langes Schweigen. “Gut, ich mache mit.” Die beiden schrieben ungefähr dreiundzwanzig Berichte, in welchen drei Wikinger, fünf haitianische Ölbarone, zwölf Trolle, drei verstorbene Oberbürgermeister Stockholms und ein Drache mehr oder minder an der Ermordung des Herr XXX teilnehmen. Und faxten sie an zufällige Stockholmer Nummern. Dann gingen sie zu Bett. Andersson schlief sofort ein, Rinnthanen bemerkte es an seinem ruhigen Schnarchen das Rinnthanens Wachliegen und die Deckeanstarren untermalte. Sie würden den Verkehr regeln. Irgendwo am nördlichsten Ende Schwedens. Er beschloss nichts davon zu wissen. Und schlief ein.

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