Baumräume.

von Flo

Wir leben in Stadt- und Land-Räumen, die wir selten bewusst ermessen – zweifelsohne brauchen die aber einen Rahmen aus Holz – und Laub. Man bemerkt die Dinge, wenn sie fehlen.

Der polnische Autor Andrzej Stasiuk, der fraglos-gute Kontakte zur Süddeutschen Zeitung unterhält (zahlreiche Features und Beiträge belegen das), aber diese Publicity durch seinen bildreichen, stimmungshaften Stil außerdem überaus verdient hat… er beginnt seinen Erzählband „Über den Fluss“ mit einer Kindheitserinnerung: Es geht hinab, den längst vergangenen Weg aus einem polnischen Dorf zur außerhalb gelegenen katholischen Kirche. Es geht über staubige Straßen, entlang einer Allee, man tappt mit in Pfützen, spürt warme Sonne und kühlen Schatten vergangener Jahrzehnte und Zustände auf der Haut, ermisst die verschwimmende Zeit, vergessene Gewohnheit. – Tatsächlich beschreibt Stasiuk über die erste Seite hinweg in größter Indirekte nur Bäume und wie sie auf ihre Umgebung wirken. Der Text aber ist plastisch; man geht diesen Weg wirklich mit.

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Bäume werden Kindheitserinnerung

Eine Schlussfolgerung aus diesem Absatz? Bäume, das größte, ruhigeste Stück Natur unserer Räume, bestimmen unsere Wahrnehmung; sehr. Und: Sie werden Kindheitserinnerung. Im doppelten Sinne.

Bei Seite lassen kann man die schwere Keule des Waldsterbens – auch so eine Kindheitserinnerung aus den 80er-Jahren. Dem Wald geht es, eigentlich, gut. Auch wenn man politische Probleme wie das vor nicht allzu langer Zeit verlorene Volksbegehren aus Liebe zum Wald (gegen die Pseudo-Privatisierung des bayerischen Waldes) nicht vergessen sollte: Wir Mitstadtplaner sägen selbst an unseren Ästen, wo wir gestern im Schatten gesessen sind, oder schwelgend in Büchern lesen.

Länger keinen Baum mehr gefällt?

Ohne die Beobachtung geografisch verallgemeinern zu können: Wenn ich als Kind, trotz Waldsterben, aus dem Fenster gesehen habe, gab es in meinem Heimatort, ein paar Häuserreihen weiter, und rund um den Fluss, im Sommer dichtes Laubdach zu sehen; alte Laubbäume, deren Gattung ich heute immer noch nicht bestimmen könnte. Wenn es geregnet hat schien das ganze Laubwerk noch weiter aufzuquellen, ein wogendes Meer grünen Laubes; ein „Regenwald“, fast im Sinne des Wortes. Hielt man sich dort auf: Zudem dichtes Unterholz, mannshoch, an der Böschung zum Fluss hinab. Oder Richtung Stadt ein Parkplatz, umstanden von riesigen Bäumen; die Landstraßen oft gesäumt von Laubriesen.

Gute Gründe für leere Räume

Viel ist davon nicht mehr übrig. Das ländliche „Paradies“ sieht nach einer Dammsanierung, einem Umgehungsstraßenbau, einigen Neubauten und der Ersetzung des Parkplatzes durch ein Parkhaus aus wie… ein Wohngebiet. Man blickt durch Häuserfluchten und sieht: Häuser. So wie irgendwo zwischen Castrop-Rauxel und Rüsselsheim. Ohne damit den urbanen Raum Westdeutschlands abwerten zu wollen. Ähnliches lässt sich in München mitverfolgen. Just fielen vor meinem Fenster einige alte Bäume einem Tiefgaragenbau zum Opfer.

Und plötzlich entsteht eine erschreckend austauschbare Umwelt. Aus einer raschelnden, schattigen Voralpenwelt wird eine Wohnsiedlung; aus der zeitvergessenen Arbeitersiedlung eine Asphaltwüste in Zeilenbauweise. Nichts raschelt, nichts wächst. Nichts blüht, nichts nimmt die Sicht. Nichts lebt mit einem. Nur blanker Stein; zum Kopfanstoßen!

Eklatant: Für jede dieser Baumfällungen – die gemessen an der versiegelten Fläche und dem Flächenfraß in Bayern sicher keine Einzelfälle sind – gab es gute Gründe. Jede hat das Leben ein bisschen leichter gemacht: Keine Überschwemmung, kein Stau, kein Parken im Regen. Und auch jedes Einkaufscenter am Waldrand ist weniger Autofahrt, mehr Nähe, mehr Arbeitsplätze.

Infrastruktur gegen Raum.

Also… Infrastruktur gegen Raum? Eine seltsame Kampfaufstellung. Aber: Ja. Mit jedem Stück Komfort unserer Räume nehmen wir ihnen ein wenig Authentizität, etwas Leben. Mehr roher Beton, (immerhin!) mehr kleinwüchsige Bäumchen an haltsichernden Gerüsten; meist die Wurzeln in einem Betonraster. Frischer Beton, das wird das nostalgische Bild unserer Jugend, vielleicht. Und die dicken Bäume, mit den asphaltsprengenden Wurzeln – schon in die Kindheit abgeschoben. Diese großen, langsam lebenden, in ihrem stoisch-jahrzehntelangen Vorhandensein zeitenverbindenden Raumrahmen: vergessen; Anachronismus.

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“…wird ohne Bäume aus einer zeitvergessenen Arbeitersiedlung eine Asphaltwüste in Zeilenbauweise. “

Raum besteht nicht nur aus Verbindungswegen und zweckausgewiesenen Gebieten; er lebt auch in die Höhe und in die Tiefe, die Akustik und die Haptik – in die Athmosphäre unserer Zimmer und die Köpfe. Nicht jeder gute Grund für Infrastruktur ist noch gut genug, wenn er auch zu einem Argument gegen „Raum“ werden muss. – Und nicht jeder ausgleichende Fake reicht aus! – ist an einem Sommertag jede alte Eiche an einer Kreuzung ein Stück mehr Wahrheit als eine Armada gestützter Bäumchen vor einem Supermarkt. Und jede 4×5 Meter Wald mehr Inspiration und beruhigendes Rauschen, als arrangierte Kulturen in einem Englischen Garten. Warum eigentlich immer vorgeben mehr zu sein, als man ist?

Im Rückblick erscheint die waldsterbende Kindheit aus den 80ern schon ähnlich fern wie Stasiuks kommunistische Wanderung zur Kirche – keine Tiefgaragen, kein Beton, irgendwo wachsen Sträucher wild, und am Bahnübergang sprengt eine Linde den Asphalt… Sprünge, Risse und Gestrüpp sind nicht wirklich die Umgebung unserer gewünschten Oberflächenglätte. Ein Anachronismus.

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