Curtains for Two

von Matthew

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Eigentlich mochte er Nächte wie diese. So greifbar, energiegeladen und doch plastisch, wie schwarzer Samt der die Welt durchstreicht. Nur für einen selbst sichtbar, natürlich. An den man sich am liebsten eng anschmiegen möchte, um den grellen Tag zu vergessen, aber man kann es nicht, denn der Moment würde in sich zerfallen und durch die Hände fließen, in die dreckigen Gullis der Realität…

Hmm. Inspirierend. Erstaunlich was einem zu so später Stunde noch so einfiel. Da war wieder dieses kribbeln, die neue Entdeckung, die Inspiration. Durchaus genug um ein Stück daraus zu machen, mit irgendeinen absichtlich unscheinbaren, abgestandenen, fast kitschigen Titel, “Moonlight Serenade” oder so… ja das war gut. In Gedanken hörte er schon den beruhigenden Kontrabass, die leise Klavier-introduction, und das melancholisches Schmettern einer einsamen Trompete. Und dann… Musik…! Dieses Gefühl verlebendigt! Seine Hand griff unwillkürlich nach der zerschlotterten Westentasche um den Gedanken ins grelle Licht der Realität zu zerren und festzuhalten – bevor er sich erinnerte, und die Kontrolle über sie und seine Gedanken wieder erfasste. Und seufzte. Das würde wohl kaum noch nötig sein.

* * * * *

Eine samtschwarzene Nase roch an der schwül-stickigen Nachtluft – und genoss den Duft. Endlich Essen! Die Ratte eilte auf ihr neuentdecktes Festmahl zu, dass im wesentlichen aus Vorhängen bestand. Getrocknete Seetangvorhänge, der letzte Schrei – und damit viel zu Yuppie für die neuen Bewohner eines Apartments in Williamsburg. Sie waren erst kürzlich auf natürliche New Yorkerische Art entsorgt worden: am nächstbesten Platz liegengelassen, wo keiner zuguckte. Wahrscheinlich keiner zuguckte. Der Ratte war all dies natürlich herzlichst egal. Sie kümmerte sich nicht um die Abfalltiere, so lange sie ihr nicht zu nahe kamen. Auch das Abfalltier, das wenige Meter mit Blechdosen um sich warf, beachtete sie vorerst nicht weiter. Es gab doch Essen!

* * * * *

Er fragte sich, warum er denn überhaupt nach New York gekommen war. Damals war es für ihn ausser Frage gewesen, und der höchste aller Wünsche: Musiker in New York sein! Die Szene! Die Menschen! Die Stadt! Aber schon nach den ersten Wochen kam in ihm die Frage auf, was denn daran so besonders sei. Mehr Leute die weniger zu tun hatte (und insgeheim gern albern kicherten, zumindest im übertragenen Sinne, so für sich, auf ihre Art, als würden sie es besser Wissen, oder sich um alles andere eine Dreck scheren, verdammte Hipster), aber… keine Tiefe, keine Differenzierung, kein… Geschmack. Keine Farbe. Fahl. Leute die ihn nicht verstehen konnten oder wollten, keine Beachtung hatten für ihn, für… ja für wen denn eigentlich? Er hatte geschworen seinen alten Namen abzulegen, der mit der Monotonie seiner Brutstätte verhaftet war, und nachdem was passiert war konnte er seinen Neuen, sorgfältig ausgesuchten, auch nicht mehr tragen. Der Mann ohne Namen. Nur fühlte er sich ganz und gar nicht mehr als Mann. Eher wie ein kleiner, verlorener Junge, dem die Welt zuviel geworden war. Es tat weh das zuzugeben. Also, der Junge ohne Namen. Nur den gab es schon, als Figur in einer Kindergeschichte und, oh Graus, sogar als möchtegern Musikgruppe. Also, Er war Niemand. Nur hatte schon Odysseus diesem Begriff jegliche Anonymität beraubt, von Terence Hill ganz zu schweigen. Also war Er gar nichts. Nur ein “Ich”, ein “Er”, ein Fragment einer Person, ein Hirngespinst. Voll Trübsal zerkaute er diese Erkenntnis, und dachte dabei an den Philosophieunterricht, noch zu Schulzeiten, als alles zwar schlecht war, aber die Zukunft noch Hoffnung hatte. “Oùda oùden eidos. Das nichts nicht-et. Ich auch.” Sagte Er. Und seine Gedanken kreiselten weiter.

* * *

Die Ratte pausierte. Da war dieser dieser Geruch! Aufgeregt rannte sie zur Dose hinüber, die das Abfalltier weggeworfen hatte. Tatsächlich! Blut, wenn auch etwas vertrocknet. Aber kein Fleisch? Wirklich nicht? Blut bedeutete doch immer Fleisch. Konsterniert suchte Die Ratte kurz die nähere Umgebung ab, um nochmal ganz sicher zu gehen.

* * *

Er hatte sie fast bis zum Schluss aufbehalten. Nicht den scharfen Alu-Deckel, natürlich, mühsam aus der rechten Hand gezogen, einmal sich ausversehen den Schmerz zuzufügen reichte vollkommen. Aber die Dose. Als Symbol. Für was, wusste Er nicht. Seine Niederlage vielleicht. Die Hoffnungslosigkeit dieser Welt und ihrer Menschen. Irgendwas tiefsinniges. Er war noch zur Klinik gegangen. Als sie erfuhren, dass er nicht versichert war, hatten sie ihm ein Pflaster gegeben und weiter geschickt. Er tastete an seinem Ringfinger. Immer noch taub, und kaum bewegungsfähig. Genau wie bei Robert Schumann. Wie ironisch. Der Großmeister der Klavierkünste im 19. Jhd. hatte es trotz dem Verlust seiner vollständigen Fingerfertigkeit zu außerordentlichen Leistungen und Werken gebracht. Aber Er war nicht Schumann. Schumann und die anderen Genialen – die konnte es in seiner Zeit nicht mehr geben. Wer würde denn auch zuhören, solange es Idol und Superstar und die anderen Massenveranstaltungen gab? Er war nur der, der Er war. Und nicht einmal das mehr. Als Pianist ohne Hände, die Spielen könnten, in einer Stadt, die zwar gerne ein Auge zwinkernd zudrückte, aber manchmal auch beide verschloss wenn man selber nichts beitragen, nicht funktionierendes Teil vom Ganzen sein konnte. Was wollte Er überhaupt noch hier?

Bilder blitzen in seinen Gedanken auf. Von der Late-Nite-XXX-Show, pünktliche um zwölf Uhr im verfallenen Red-Roxy-Kino, der diese Praxis vermutlich so schon vor 30 Jahren verfolgte. Sein letztes Geld. Einem Begehren gehorchend, das stärker war als jedes andere, sich aber auf diese Art nie erfüllen liesse. Es war nur ein Ersatz.

Er wollte jemanden dieses Gefühl der Glückseligkeit geben, das er auf den vielen Gesichtern gesehen hatte, und jetzt immer wieder vor sich sah. Ob durch Sex oder nicht war schliesslich völlig egal. Aber in wirklich, nicht so wie auf der Leinwand, oder in den amorphen des Nachtlebens. Jemanden Lieben dürfen. Können? Jemand … jemand…

Und er sah dass obwohl er nun auf der anderen Seite der Welt war, sich im Grunde überhaupt nichts geändert hatte. Shit.

Niemand wusste, dass er hier war. Er hatte ernste, feierliche Worte für diesen Moment vorbereitet, aber mehr als ein leises, “Ach, fuck,” brachte Er in diesem Moment nicht mehr hervor. Er hatte einen spontanen Abschiedsbrief schreiben wollen, aber der trockene Kugelschreiber schien genausoviel Lust dazu zu haben, wie er selbst. Er stellte sich vor, was passieren würde, wenn sie davon erführen. Diese Menschen aus seinem alten, grauen Leben. Wo Er noch Wernher hieß. Er hoffte, dass sie sich schuldig fühlen würden. Ja, das hoffte er. Schliesslich waren sie daran schuld. Irgendwie, ganz sicher. Und alle, die ihn nie beachtet hatten, sich abgewendet hatten, obwohl er sie so offenherzig angeschwiegen hatte. “Ach, fuck.” Und als Halblüge auf Halblüge zum allerletzten Mal zu einem umzingelnden Trümmerhaufen gestapelt war, wandte Er sich um und verschwand in das gähnende Schwarz des Überlaufrohrs, mit der Pille, die angeblich nach Mandeln schmecken sollte, fest in der linken Hand.
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Die Ratte horchte auf. Bewegung. Wendete sich zum Vorhang und erstarrte, die Situation überprüfend. Und schon war es vorbei.

Das letzte was die Ratte sah war das weit offene, mit chemisch-durchtriebenen Wahnsinn erfüllte Auge eines Abfalltieres das samt Körper viel zu schnell auf ihn zukam. Und der Vorhang ging zu.

Post Scriptum: Zu beachten bleibt noch, dass die Ratte, obwohls sie einen Großteil ihres Lebens im Vorraum einer Kirche verbrachte, in diesem Moment nicht anfing, für ihr Seelenheil zu beten. Ratten brauchen den Himmel nicht. Sie haben ihn schon gefunden, zwischen Nest und Müllhalde. Nur das Abfalltier wünscht sich den großen Staubsauger von oben, der den ganzen Dreck wegmachen soll.

In der Hosentasche zuckte und regte sich ein Haufen Plastik und Silizium. Mit einer Botschaft die weniger Minuten früher alles hätte ändern können. “Bliss!” – Glückseligkeit – fing die Botschaft an. Doch der Vorhang blieb zu. Die Glückseligkeit konnte keine Zugabe mehr geben.

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