Save Me From…

von Flo

Im Prinzip könnte man sie, die Kings Of Convenience, zu den eindrucksvollsten Punk- und Hardcoreerscheinungen unserer Zeit zählen: Hardcore wegen der so bedingungslosen Umsetzung eines einmal gefassten Konzepts: Zwei Akustikgitarren und zwei Stimmen. Ich erinnere mich an die Geschichte jenes norwegischen Musikjournalisten, der nach einem Auftritt der Band entnervt stammelte, er benötige nun dringend einige Stunden Beschallung mit Motörhead. – Punk wegen des offensichtlichen Desinteresses an kommerziellen Überlegungen: Wir sehen eine Band, deren längste Tour durch Deutschland (einen der wichtigsten auch ihrer musikalischen Märkte) der letzten Jahre ausschließlich über die Stationen Heidelberg und Dortmund führte, die stattdessen Konzertreisen durch die Polarregionen Skandinaviens, Mexiko und Ostasien spielt; Youtube sei mein Zeuge. “Fuck you”, sagt das, “wir machen Musik für den Saal vor dem wir stehen. Und dort wo es uns hinzieht.” Plattenfirmenhaare sträuben sich. Man verkauft keine Platten, dort, wo man sein will.

Quiet is the new riot?

Das ist natürlich, um größere Wogen der Empörung zu vermeiden, erstmal Unsinn. Die Kings Of Convenience sind in ihrer Musik selten politisch und nie aufrührerisch. Wenngleich ich den Gedanken soviel Akustik, leise Töne und menschliche Stimme seien Rebellion, womöglich gar ein gesellschaftspolitisches Statement, nicht so ganz bei Seite schieben will… Jedenfalls handelt sich um eine Popband, die selbst Großmüttern bedenkenlos zumutbar ist.

Und ein wenig mehr eben doch: Nach Jahren der vereinzelten Auftritte in Tromsö, Kiruna und Mexiko City traten Erlend Oye, der ewig erstgenannte, und Eirik Glambek Boe im August in Stockholm auf. Und als vor dem Nalen, einigermaßen mondän zwischen Kungs- und Hamngatan gelegen jener Frühabend hereindämmert, der den ersten Kings-Auftritt in für Mitteleuropäer zivilisiert erscheinenden Regionen bringen soll… Da ist die Szenerie vor dem Saal keine völlig gewöhnliche.

Stockholm besitzt eine breite Basis an X-Pats, das sich bietende Bild ist dieser aber wahrscheinlich nicht geschuldet. Auf der Schwelle vor den Eingang sitzend, ein Schild mit der Frage nach Eintrittskarten zu Füßen, ergeben sich Gespräche mit, in dieser Reihenfolge: Niederländern, Franzosen, Italienern, Deutschen, noch mehr Italienern und einigen Polen. Eine wahre Pilgerflut, die in Landessprachen parlierend die kleine Straße vor dem Club blockiert. Wenn es schon nicht Punk ist… So ist es dem Anschein nach zumindest singulär, und von immenser Bedeutung für die Hörer, so unverschämt beruhigend und human zu klingen. Wert, eine kleine Europareise zu tätigen. Ein Privileg, das – in größeren Dimensionen – sonst gealterten Größen, Undergroundstars und Chartstürmern zukommt. Oder solchen generationenkristallisierenden Legenden, wie es sie seit den Enden von Nirvana und Oasis (sic.) eigentlich nicht mehr gibt.

…wie ein halbes Orchester.

Das Nalen ist ein hoher Saal über hochglanzpoliertem Parkett für etwa 600 Besucher; die Protagonisten sehen nicht allzu groß aus, auf seiner Bühne. Auf der demnächst immerhin das halbe Orchester Calexicos Platz finden wird. Die Aufmerksamkeit fokussiert sich trotzdem: Schnell und mit Macht auf die Band. Publikum (und Musiker) sind so andächtig ruhig, dass das Kaugummikauen der asiatischen Besucherfraktion leicht zum akustischen Störfaktor wird.

on stage.

Die Band ist gut gelaunt, diskutiert die Setlist, schaut sich bei neuen oder schwierigen Parts gegenseitig auf die Finger, schaukelt dann und wann spielend die Musik zwischen den Gitarren aus kürzester Entfernung auf. Erlend Oye ist, natürlich, weiterhin der Entertainer, pantomimiert Songtexte, spielt – tatsächlich einigermaßen virtuos – „Mundposaune“ und tanzt zu, natürlich, I’d Rather Dance With You. Neue und alte Songs teilen sich das Set zu etwa gleichen Teilen. Und gerade bei jenen älteren Songs manifestiert sich der Eindruck, dass es eigentlich sein Kompagnon Eirik ist, der die fassenderen Gitarrenparts spielt, die wichtigeren Texte mit der noch etwas weicheren Stimme singt. Singing Softly To Me etwa, das vom ruhigeren der beiden Ruhigen gesungen, noch einmal den ganzen balsamisch wirkenden Punk der Lärm- und Zweckverweigerung zusammenführt. “I want a puzzle with pieces missing”. Anders angeschlagene, rhythmierte, transponierte Gitarren machen aus alten Bekannten wie I Don’t Know What I Can Save You From neue Schönheiten mit alten Seelen – oder wäre eine solche Modifikation bei einem anderen Konzert gar nicht aufgefallen?

Die indirekte Revolution: Erzählen, was gebraucht wird.

Wichtiger, und noch eindrücklicher Auch viel Neues wird gespielt, eventuell noch dieses Jahr soll ein neues Album erscheinen: Im Ohr bleibt einer der namenlosen Songs, der sich, glücklicherweise, auch auf Youtube findet: “I see you changing girl, from day to day”, und die unprätenziösen, melancholisch gerade klingenden Gitarren. Auch das ein schöner Ausdruck der mikroskopischen Fixierung auf das Leben jetzt. Auf die kleinen Menschen-Zellen, die in unserem Leben so groß sind. Herbstabende. Und viel bossanova-haft leichtfüßiges samt perlender Westerngitarren wird zu hören sein, wenn man dem Nalen-Abend glauben darf.

on stage II.

Das rettet dann einmal mehr nicht die im Lärm vergessene Revolution; das funktioniert so direkt mit Sonnen- und Liegestuhlmusik wie Bossanova nicht. Aber es reduziert den Lärm, für eine Weile. Und erzählt, als musikalischer Ausdruck, der so offentlich so sehr über ganz Europa gebraucht wird, viel über das, was eigentlich gebraucht wird: Nicht das, was gekauft wird, und schreien muss, um gekauft zu werden. Das liegt auf der Hand.

Fotos: Flo.

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