Octave, tiefer!

von Mario

Bild: alamode film

Ich habe so meine Lieblingsbücher. Bücher die ich vor einiger Zeit gelesen habe. Und an die ich mich immer noch gerne erinnere, nicht unbedingt an die Details literarischer oder erzählerischer Brillanz, mehr an die Stimmung die diese ausgelöst haben. Und während die Geschichte in meiner Erinnerung immer mehr in Details zerfällt und die meisten dieser Details sogar verschwinden, bleibt die an diese Erzählungstrümmer geknüpfte positive Erinnerung konstant. Die Pointe von “Schiffbruch mit Tiger”, der ewige Anfang von “Wenn ein Reisender in einer Winternacht”, Fausts Monolog mit dem Waldgeist oder der borstige Steppenwolf, sie alle lassen eine bestimmte Stimmung anklingen. Bei 39,90 von Frédéric Beigbeder war das die freudvoll orgiastische Lust an der dreisten Selbstzerstörung Ocatves.

Des Octaves, der den Leser, als Hauptfigur von 39,90, einmal in den Kreativenhimmel und wieder zurück in die Gosse geführt hat; lachend, weinend, frech, kaputt, reststolz und immer auf Koks. Ein sprachlich opulenter, infernalischer Trip: Ocatve ist der Starkreative von Rossery & Witchcraft, einer der Agenturen im weltweiten Werbehaifischbecken, über kurz oder lang wird er wohl zum AD – Art Director – und damit zum Chefkreativen der Agentur aufsteigen und so könnte seine Geschichte mit diesem Satz und einer Nase Koks erzählt sein, aber Ocatve ist nicht nur Werber sondern auch Mensch. Natürlich unterbrochen von Werbepausen. Ein sich, wenn er gerade nicht das koksende Ekel gibt, nach Liebe und Geborgenheit sehendes Individuum, das langsam an seinem Wissen verzweifelt, dass es genau diese Sehnsüchte sind die er und seine Kollegen täglich stimulieren und instrumentalisieren. Und weil so ein langsames Verzweifeln, das Adjektiv deutet es an, eher zeitraubend und unspektakulär ist, wird Ocatve von seiner schwangeren Freundin Sophie verlassen.

Bild: alamode film

Was, neben reichlich Koks, seine Sinnkrise dramatisch verschärft. Kein Wunder, schließlich war seine kalte Reaktion auf Sophies Mitteilung, dass sie von ihm schwanger ist, der Trennungsgrund. Gleichzeitig nähert sich auch sein Agenturdasein einem Höhepunkt, seine Ideen sollen der Agentur den Großauftrag eines französischen Lebensmittelriesen sichern. Doch der erste Pitch – die Vorstellung des Entwurfs – entpuppt sich als Reinfall; Octaves Ideen sind zu rebellisch und provokativ. Natürlich unterbrochen von Werbepausen. Man einigt sich auf einen simplen Schönwetterspott, nach einem kurzen Stopp in der Entzugsklinik jettet Ocatve nach Miami um den Dreh des Spots zu überwachen. Alles läuft glatt, zu glatt, deshalb dreht Ocatve noch ein Trashvariante des Spots für Cannes. Anschließend brechen er und zwei Kollegen bei einer reichen Rentnerin ein und geben ihr die Schuld am Übel in der Welt. Als die Frau sich zu rechtfertigen versucht, erschlägt sie einer von Ocatves Begleitern. Zurück in Frankreich wird Ocatve zum AD befördert, da sein AD aD sich umgebracht hat. Zusammen mit Octaves Ex-Freundin Sophie. Kurz darauf kommt es wegen dem Rentnermord zur Anklage und Ocatve landet im Gefängnis.

Der Film Natürlich unterbrochen von Werbepausen. um nun auch darauf einmal zu sprechen zu kommen, weicht von der Buchhandlung nicht unwesentlich ab, so bildet der Vorausblick auf Ocatves Selbstmord am Ende des Filmes eine erzählerische Klammer. Die jedoch durch das direkt nach dem Selbstmord und einer kurzen Einblendung gezeigt Alternativende gesprengt wird. Und auch der Mord in Miami bekam ein anderes Gesicht: Ocatve, sein bester Freund und ein Model überfahren nun zugedröhnt eine Passantin. 39,90 – der Film – inszeniert sich selbst in exakt den Bildern der von ihm kritisierten Werbewelt. Einzig einige kurze Schnitte in Legehennenbatterien und Schlachthäuser brechen mit allzu konventioneller Werbeästhetik. Und selbst das sollte Konsumenten in den Jahrzehnten nach United Colors of Benetton nicht mehr schocken. Auch dass Ocatve die Kamera bisweilen direkt adressiert, ist kein im brecht’schen Sinne wahrnehmbarer Durchbruch durch die vierte Wand mehr, zu oft schon wurden lächelnde Mütter über Schokoriegel befragt. Und so nähern wir uns dem Grundproblem das 39,90 schon als Buch hatte und als Film noch viel mehr hat: Beide sind ein Teil der Welt die sie kritisieren.

Bild: alamode film

Einer Welt die geschickt die subtilsten und gröbsten Stilmittel, die schönsten und die hässlichsten Bilder nutzt um ihre Botschaft, ihr Produkt und sich selbst zu verkaufen. Natürlich unterbrochen von Werbepausen. Man kann die Überhöhung einer drastischen und grotesken Industrie, das subtile Mittel der Ironie, das 39,90 an Stelle schwerer Geschütze wählt als eben solches sehen und loben. Man kann 39,90 aber ebenso für dieses darstellende Anbiedern kritisieren, statt Werbekritik nur kiloweise Koks und ein paar Treppenwitze über Kreative, verpackt in 90 ansonsten brave Minuten. Erwiedern könnte man, dass ja eben dieses Oberflächliche die Werbung ausmacht, dass eine Persiflage sich der Werbung bis zur Mimikry annähern muss, um ihre Perversion zu entlarven. Und auch darauf könnte man sicher eine Entgegnung finden. Es ist aber schlussendlich gar nicht so interessant ob Film wie Buch versuchen eine perverse Industrie anzuprangern oder vielmehr die Empörung und die Groteske gezielt nutzen um sich zu vermarkten.

Viel interessanter ist doch die Beobachtung die man macht, wenn man einen Schritt zurücktritt. Denn egal ob braver Kokswitz oder erschütternde Werbekritik, egal ob Buch, Zeitschrift oder Film, 39,90 bleibt ein Teil dieses Werbekomplexes. Das Buch bekam ein schönes Cover, Anzeigen, Lesungen und Rezensionen. Der Film bekam Trailer, Plakatkampagnen, Previews und wieder Rezensionen. 39,90 reitet also an gegen eine Erfindung, eine Idee, eine Windmühle der es sogar gelingt die Kritik an der eigenen Perversion zu verkaufen. Pervers, oder?

Trailer | Deutschlandverleih: Alamode Film | 39,90 (im Original 99 francs) bei imdb

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