TV Noir oder von Gitarren erzählen

von Mario

Wer sich des gleichzeitig Musikhörens und Lesens mächtig fühlt, kann sich ja dieses Lied zum Artikel anhören. Sonst eben davor oder dannach zurücklehnen.

Über das Hangeln von Link zu Link als neugierig stöberndes Fortbewegen in der Unendlichkeit des Internet hatte ich fern jedes festen Bodens ja schon einmal philosophiert. Ich tue dies immer noch gerne. Man sitzt also in Schweden und will deutsches lesen. Da surft man mal wieder über jetzt.de. Trifft dort auf ein seltsam angeteasertes Interview mit einem Sven van Thom. Liest das erste und das letzte Drittel. Überfliegt die Mitte und schaut sich eines der dort verlinkten Videos an. Sieht da nen verpixelten Kerl im Hintergrund sitzen. Klickt auf den Link und landet auf tvnoir.de. Stöbert ein wenig und, tatsächlich es ist Tex. Für den Aiblinger schließt sich da der Kreis.

Bild: tvnoir.de / screengrab

Der Nicht-Aiblinger erfährt erst einmal, dass dieses Aibling, Bad und ein beschauliches Städtchen in Oberbayern ist. Da spielte eben jener Tex diverse Male in einem Jugendtreff und eben auch einmal an meiner Schule. Gitarre und Gesang, vielleicht ein bisschen Nachdenken und eine geschenkte CD oben drauf. Ist im Grunde ja nur als Herleitung wichtig, da aber irgendwie schon. Um die Stimmung zu erklären. Kommt. Weiterstöbern. tvnoir.de ist eine Wochenschau für, von und mit Singern Sängern und Songwritern. Wie den Herrn Tex eben, der das Ganze scheinbar angeleiert hat und moderiert. In einem Kreuzberger – wo auch sonst – Café ist bei der Liveshow jeden ersten und dritten Sonntag ein Gast zu gast. Im Internet kommen bisher leider nur Schnipsel an; Momente in gediegenem MiniDV schwarz-weiß. Gefühlvolle Gitarren und Gesang. Manchmal auch Geplapper oder Gelesenes zwischendurch.

Eigentlich und hauptsächlich geht es aber wohl um Musik. Jungs, Mädchen, Männer und Frauen. Zum Beispiel der schon erwähnte Sven van Thom oder Philipp Poisel. Oder, Eva Briegel im Solo und im Duett mit Tex. Ohne großes Arrangement oder Drumherum. Ein, zwei Mikros; ein, zwei Künstler auf ein, zwei hohen Stühlen, mit Gitarre, echten Stimmen und feinen Texten. Die hier auf, im Jahre 27 nach MTV, ungewohnte Weise im Mittelpunkt stehen. Alles tritt zurück um den Sängern und Schreibern auf den Stühlen Platz zu machen. Keine Kamera die wild umherzucken muss um knalligbunte Bildchen zu liefern, kein durch drei Verstärker und fünf Effektgeräte gejagter Kunstssound, kein Actioncutting. Einfach nur ein kaum oder nicht geschnittener Clip, in schwarz-weiß und mit roh abgegriffenem Ton. Keine Kamerafahrt durchs frenetische Publikum und kein Mittelpunktsmoderator, nur ein Klatschen hier und ein Lachen da und Tex.

Bild: tvnoir.de / screengrab

Diese Rohform ist vielleicht weniger einem ästhetischen Ideal oder formalen Minimalismus als vielmehr einem engen personellen wie finanziellen Rahmen geschuldet. Trotzdem ist es wohl die ehrlichste und beste Möglichkeit von diesen Menschen zu erzählen. Und das Internet ist der perfekte Ort für diese Art des Berichtens, Erzählens und Darstellens. Ein riesiges Sammelsurium von größeren und kleineren Nischen. Webspace, Domain und Traffic sind günstig oder man lässt gleich fremdhosten, das Blog bei wordpress.com, die Bilder bei Flickr und die Videos auf youtube. Ich glaube das nimmt eine ganze Portion Druck von solchen Projekten. Keine Quoten die erfüllt, kein Startkapital das zurückbezahlt werden müsste. So ist Zeit für die im Kleineren, im Stilleren großartigen Dinge. So ist Platz um einfach von einem schönen Abend voller Kultur zu erzählen.

Bild: tvnoir.de

Ein wenig kann man erahnen, wie es live war und wäre. Wenn man Martin Gottschild beim Lesen aus seinem “Tagebuch” zuhört. Charmant, leicht unsicher erzählte Anekdoten aus einem Tourleben. Von Frankfurt am Main. Der Parade der Kulturen. Dem Restaurant Honigpferd. Navigationssystemen auf Abwegen. Berliner Elektrokollektiven. Und Ups – Der Pannenshow um ein Uhr nachts. Ja, das ist nicht groß. Das ist klein, einfach, reduziert. Wie Schwarz-grau-weiß eben. Ein Mikrokosmos in den man eintauchen kann. Und wenn man sich ein wenig treiben lässt, dann entdeckt man sie vielleicht, die kleinen, großartigen Momente. Ein Schmunzeln über kleine Absurditäten, nette Momente und Pointen vor dem Punkt.

Über schöne Sätze vor, nach und in rohen Liedern. Kann man sich als Berliner live oder im Fernsehen (Offener Kanal Berlin) freuen. Wir warten noch ein wenig und freuen uns demnächst über vollständige Folgen auf tvnoir.de.

Metadaten:

2 Kommentare!


    Fatal error: Call to undefined function is_wpuser_comment() in /www/htdocs/w008468a/fallenlegen/_fl1/wp-content/themes/wearemagazine_2/comments.php on line 30