Sol Lucet Omnibus

von Matthew

Meistens sind schlechte Kritiken ein entscheidener Grund nicht einen Film anzusehen. Der kritische Mensch von heute denkt sich aber auch vielleicht manchmal (nach dem Kantianischen Motto, “sapere aude” oder „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“), dass man eigentlich immer seine eigene Meinung dazu bilden und nicht nur immer den Eliten vorbehaltlos Glauben schenken sollte, und sieht ihn sich trotzdem an. Und findet sich an einen sonst ereignislosen Samstag im Kino wieder. Eine Privatvorstellung auf großer Leinwand ist auch was schönes.

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Sunshine” (GB 2006, Inhaltszusammenfassung auch hier) ist zunächst ein visuell-kräftiger Science-Fiction-Film mit “Hoffnungslos allein im Weltraum”-Psychothriller-Komponente. Das gab’s schon bei “2001″. Oder “Alien”. Oder “Event Horizon”. Aber egal, wir wollen nicht pingelig sein. Der Ausgangspunkt der Handlung ist nach klassischer Genre-Manier halbwegs plausibel, aber gleichzeitig so phantastisch, dass die gesamte Vorstellungskraft gefesselt werden kann:
Die Sonne stirbt. In einem letzten Versuch entsendet die Erde ein Raumschiff mit den unheilverkündenden Namen “Icarus II”, dessen 8-köpfige Mannschaft mit der Aufgabe vertraut ist, die Detonation einer kolossalen Sprengladung in Innern des Sterns durchzuführen. Somit soll die Kernfusion neuentfacht, und die Sonne zu neuem Leben verholfen werden. Aber die Mission verläuft nicht ganz nach Plan… (trailer)

Viel Reiz steckt natürlich immer im Detail. Im Gegensatz zu den meisten Spielfilmen fordert die sehr realitätsverliebte Umsetzung intensive Diskussion geradezu heraus. Vor allem der Anfang gestaltet sich fast wie ein Dokumentarfilm, und das heißt man kann sich für die Einzelheiten interessieren, die verschiedenen Technologien, warum gerade diese Leute für die Mission gewählt wurden, und auch gewagtere Elemente wie den fast süchtig machenden Anblick der Sonne, der dem Begriff “Sonnenanbeter” noch nie gekannte Prägnanz verleiht.

Doch gerade diese authentische Wirkung lässt die Grenzen zwischen Erzählung und Wirklichkeit deutlich hervortreten. In einer mediendurchdrungenen Gesellschaft muss man fast täglich bei so mancher Konfrontation mit fiktionalen Gegebenheiten einen Sprung in diejenige Wahrnehmungswelt, diejenige Seifenblase machen, in der das Erlebte keine Konsequenz für die eigentliche Befindlichkeit hat; dieser Prozess ist für den erfahrenen Medienwandler fast vollkommen unbewusst und automatisch. Nur so kann man im einen Moment Teilnehmer am projektiertem Massaker sein, im anderen freundlicher Fußgänger, der eine Passantin nach der Uhrzeit frägt oder seinem Freund von dem Wunder der Liebe erzählt. Aber in gewissen Phasen des Films muss selbst der abgebrühteste Bilderjunkie diesen Schutz aktiv suchen, wenn das Unwirkliche unverhofft und überraschend doch kommt, so schnell, das es wirklich wirkt (und womöglich auch sein könnte). Man kommt um ein leises “Es ist nur ein Film” nicht herum, wenn die Crew, das Schiff der mysteriös gescheiterten Vorgängermission untersuchend, sich durch meterhohe Staubmassen einen Weg bahnt, und ihr nüchtern-stockender Dialog im Dunkeln bezeugt, “Wusstest du, das Staub zu 90% aus menschlicher Haut besteht?”

Natürlich kommt auch dieser Film nicht ohne Gewalt aus. Dafür aber ohne Sex, was überraschend genug ist. In dieser Konstellation ist natürlich die männliche Publikumsreaktion interessant zu beobachten: ernsthafte Bedrohung wird wirkungsvoll emotional übertragen, ohne das auflockernde Elemente sich anbieten. Das heisst also: reine Angst. Von allen Gefühlen darf der gesellschaftlich geformte Mann vor allem eins nicht zeigen: Furcht. Und so lohnt es sich bei diesen Szenen sein männliches Mitpublikum genauer zu betrachten. Absichtliches Wegsehen ist Tabu; ein zufälliges Augenreiben oder ein ablenkendes Räkeln ist schon eher möglich. Vor allem aber, fällt eins auf: Mann schützt sein Gesicht. Die typische “Kopfstütze-mit-gespreizten-Zeigefinger-wo-die-Hand-das-Auge-gerade-nicht-verdeckt”, die unauffällige “Mund-Kinn-Umklammerung” – stimmt bei genauer Betrachtung zeitlich genau mit den spannungsgeladensten oder ekelerregendsten Szenen überein. Denn irgendwann läuft auch dieser Film (leider) auf die übertriebene Überlebenskraft eines bösartigen Einzeltäters hinaus. Ohne Haut. Das gabs schon bei Hollow Man. Oder Terminator. Aber egal, wir wollen nicht pingelig sein.

Denn: Film ist die Poesie unserer Zeit. Verklärt gesehen: was brauchen wir Bücher und Gedichte, wenn wir Youtube haben? Wenn unsere Phantasie zwar groß, aber niemals so schnell und lebendig wie die bewegten Bilder es sind? Keine Elegie für das geschriebene Wort an dieser Stelle; es kommt, zum Glück auf den Betrachter an. Doch die wirklich gemachte Vision von einem Schiff aus zehntausenden, funkelnden Spiegeln, und das unbeschreibliche, allesumhüllende Leuchten dieser magischen Sonne – das ist ein Gedicht, dass in Lebenskraft und Wirkung seinesgleichen sucht.

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Dieser Film hat meinen Horizont erweitert. Durch schiere, schöne Bildgewalt und Erweckung meiner Vorstellungskraft. Durch Relativierung unserer Existenz in diesem Universum und durch unendlich expandierte Perspektive. Und sieht man danach auch genauso aus wie zuvor – man ist doch ein anderer Mensch geworden. Aber das ist nur meine – eine Meinung. Wer will denn heute schon etwas glauben, das er nicht mit eigenen Augen gesehen hat?

Photographic Material:

a) Copyright 2007, 20th Century Fo x, all rights reserved. Used with permission.

b) Copyright Matthias Roche, 2007. All rights reserved.

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