¡Oígame compay! “Havana Lounge – Live from Buena Vista” Juli/07

von Matthew

bvsc.jpgDe Alto Cedro voy para Marcané
Llego a Cueto, voy para Mayarí

- “Chan Chan” von Compay Segundo / Buena Vista Social Club

Immer in Bewegung bleiben. Nie zur Ruhe kommen, nie die Suche aufgeben. Nicht vergessen, was du deinem Herz versprochen hast, und nie von dir sagen lassen, dass du dich mit deinem Schmerz verkrochen hast. So lautet die Botschaft des Buena Vista Social Club, die noch für kurze Zeit mit anderen kubanischen Musiklegenden ihr Musik-Programm “Havana Lounge” Deutschland vorstellig machen.

“Buena Vista Social Club”, das sind Worte immer wieder durch kulturelle Diskussionen im Kleinen geistern – so, als wären sie schon immer eine feste Größe gewesen. Tatsächlich handelt es sich um eine relativ neue und fast willkürliche Erscheinung, obwohl einiger ihrer Sons schon fast 80 Jahre alt sind, und die noch lebenden Mitglieder noch um einiges älter. Son – das ist kein Tippfehler, sondern eine einmalig besondere Musikgattung die sich im Kuba der 1930er und ’40er entwickelte, als traditionell kubanische, afrikanische und lateinamerikanische Musikformen aufeinander trafen, die eine ebenso einmalig kurze internationale Blütezeit durchlebte.

Erst kurz vor der Jahrtausendwende, als der an musikalischen “Grass Roots” interessierte amerikanische Gitarrist Ry Cooder Havana besuchte, suchte er ein paar alte Hasen aus der Son-Szene auf, und, von dem Anspruch und der Bewegtheit des Stils fasziniert, regte er die Produktion eines gemeinsamen Albums an: “Buena Vista Social Club”, benannt nachdem altehrwürdigen Stadtteil Havanas. (Preisfrage: Wieviel tausend Dollar Strafe musste er für diesen Verstoß gegen den US “Trading with the Enemy Act” zahlen?) In nur 6 Tagen aufgenommen, gelangte es durch Mundpropaganda auch an den deutschen Regisseur Wim Wenders, der sich kurzerhand entschloss dieses Phänomen in einem Dokumentarfilm festzuhalten. Ein Film, der diese Menschen und ihre Musik weltberühmt machen sollte (auch wenn es für den Oskar nicht ganz reichte). Und so hätte letztendlich nicht viel gefehlt, und diese Musik wäre von der Welt schlichtweg übersehen worden. Nur ein paar Zufälle und glückliche Ereignisse stehen zwischen den gefeierten Höhepunkt von Musikkultur und der absoluten Vergessenheit.

Doch im Konzert ist von Vergessen keine Spur. Da ist die reinste Lebensfreude – wobei – Konzert ist ein Wort, dass der Situation nicht ganz angemessen ist. Die Musik wird zwar in ein Konzertsaal gepresst, und die Deutschen sitzen und klatschen brav, wenn auch zaghaft mit, wo es angemessen scheint.

Exkurs: Die Deutschen sind natürlich nicht die einzigen, denen ein etwas eigenes Hörverhalten und etwas Versteiftheit stereotyp nachgesagt wird – bis in die 70er und 80er Jahre waren etliche amerikanische Filmregisseure (u.A. George Lucas) zunächst entsetzt, als sie den Premieren ihre Werke in Japan beiwohnten. Der Grund – das japanische Publikum zeigte keine Gefühlsregungen, lachte nicht über die Witze, und musste zum Applaudieren nach der Vorstellung erst animiert werden. Erst im Nachhinein wurde klar, dass der Film eigentlich begeistert aufgenommen wurde, aber störende Geräusche zu machen wäre einfach unhöflich gewesen. Still sitzen und Eindrücke aufnehmen – alles andere war in Japan unvorstellbar. Diese Dogma lockerte sich aber dennoch zunehmend, dieses und andere Missverständnisse zwischen den beiden Kulturen wurden nach und nach aufgeklärt.

Unklar ist jedoch, wie die Japaner das Verhalten von Präsident Bush (senior) verarbeiteten, der sich beim Staatsbesuch Februar 1992 in den Schoß des japanischen Premierministers übergab. Manche kulturelle Unterschiede bleiben wohl immer ein Rästel.

Aber das was dargeboten wird, ist doch etwas Anderes. Die Bühne wird zum lebendigen Strassenviertel. Leute gehen und kommen, aber die Musik, die hört nie auf. Und was für eine Musik:
Man mag sich zu Anfang einer Veranstaltung doch manchmal die Frage stellen: lohnt es sich wirklich? So viel Geld auszugeben um dazusitzen und Leuten zuzuhören, dessen Musik man kaum kennt? Wenn man dasselbe, in unserer Ära, wo mann Zeit und Raum selbst zu bändigen weiß, daheim mit viel weniger Aufwand in nahezu gleicher Qualität sehen und hören kann?

buena_vista_social_club.jpgDieser Zweifel kann nicht lange bestehen. Denn mit den ersten Takten kommt wider aller Gedanken etwas was man Kribbeln, mangels besser Worte, nennen könnte: die Bewegung, diese Töne melancholisch und energetisch sprudelnd zugleich, fahren unter deine Haut. 13 hochbegabteste Musiker weben an einem Tuch, an dem Moment, der jetzt ist und nie mehr sein wird, der dich umwirbt und umhüllt und trägt und mehr ist, als nur Schallvibrationen in eine großen Zimmer. Und auch wenn man (auch mit Spanischkenntnissen) nicht versteht, was sie singen: die Botschaft ist klar.

Immer in Bewegung bleiben. Nie zur Ruhe kommen, nie die Suche aufgeben. Nicht vergessen, was du deinem Herz versprochen hast. Und nie von dir sagen lassen, dass du dich mit deinem Schmerz verkrochen hast.

Und es ist nicht die rührende Virtuosität, die bisweilen geboten wird, die die Deutschen knackt und aus ihren Sitzen hinaus zerrt. Es ist Madame Teresita Garcia Caturla, selbst schon 77, die ihre Hände hinausreicht und das Publikum nicht loslassen lässt. Wäre es andere Musik, wäre das kitschig – aber auf kubanisch ist es das einzig angemessene. Sie ist geduldig mit ihren alemanes, fordert sie einzeln und direkt zum intimen Tanz auf, führt sie auf Polonaise durch den Saal und auf die Bühne – und am Ende steht das ganze Haus. Sie wirft ihren symbolischen (aber auch materiell wirklichen) Brautstrauss den Leuten zu, der ihr aber stets zurück geworfen wird. Jetzt ist nicht die Zeit für Bindungen und Verpflichtung. Jetzt ist Zeit für Freiheit. Alle schauen zu? Egal! Wer sitzen bleibt ist selber schuld. Wir tanzen, weil unser Herz es befiehlt. Wir können nicht anders. Das ist Musik.


Videos (die das Gleiche, aber auch überhaupt nicht das Gleiche wie eine Livevorstellung sind):Buena Vista Social Club in ihrer ursprünglicher Zusammensetzung, mit Ry Cooder, Auszug aus dem Film von Wim Wenders http://www.youtube.com/watch?v=BoQNj2tlZhg http://www.youtube.com/watch?v=6JEdf7XsV5g

Viva youtube? Dasselbe Lied aus dem aktuellen Programm aus diesem Jahr, von den noch lebenden Mitgliedern zusammen mit u.A. den Afro Cuban All Stars, in Belgrad. (Die auffallend männliche Perspektive ist beim Video zu entschuldigen; interessant ist der Zusatz gegen Ende des Liedes der Compay Segundo, den mittlerweile verstorbenden Gründungsmitglied und Komponisten würdigt) http://www.youtube.com/watch?v=leWA3_ISwas

Und wer hätte es gedacht? Gleich zwei verschieden Myspace-Seiten, wenn man das wesentliche auf einem Blick haben will, erstes ausfühlicher, zweites mit Tourdaten.
http://www.myspace.com/buenavistasocialclube (fallen/legen props an denjenigen, der erklären kann warum hier ein Lied von Coldplay aufgelistet ist!?!?)
http://www.myspace.com/buenavistasocialclub

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