Die Wasserkochergesellschaft.

von Flo

Wir tun Dinge, die ganze Zeit. Oft gerade so gut, dass es reicht. Auch einmal so, dass es nur so aussieht, als hätte es gereicht. Wenn wir alle nur so tun, können wir den Laden nicht zusperren, wäre das nicht an der Zeit?

Der Titelterminus mag verwirren: Wer kocht hier mit Wasser? Eigentlich: Jeder; so wird es im Haushalt gehandhabt. In unserer Sprachgewohnheit aber vornehmlich die anderen: Tun sie das dort, in den Sätzen die wir sprechen, dann werden unruhige, selbstzweifelnde Geister beruhigt: „Was immer die tun, es passiert auf Basis handelsüblicher Zutaten – die hast auch du vorrätig, fließend warm und kalt. Und der Rest ist Übung.“ Ein aufmunterndes Tätscheln über den zweifelvollen Kopf.

Ein tröstliches Wort ist selten verkehrt – das „Wasserkochen“, das ständige, kann allerdings auch seine ernüchternde Seite zeigen, wenn es in der Praxis bedeutet: Über besondere Tricks und Zutaten verfügt hier keiner. Am größten ist die Ernüchterung wenn irgendwann das Ausmaß klar wird: Wenn mit Wasser nicht nur die Nudeln gekocht, sondern auch noch Gourmetsuppen gestreckt werden, und langsam einsichtig wird, dass das Erwärmen von Wasser völlig reicht, um eigentlich überall dort draußen zu bestehen: Mittelmaß reicht auch.

…Mittelmaß reicht auch.

In die Praxis: Ein Sinnbild ist der Dozent, der auf Nachfrage ins Schlingern gerät. Die Decke an Wissen, aus der diese Lehreinheit genäht war, hat genau bis zu den Zehen gereicht. Aber nun besser nicht zupfen… Dabei dachte man, der Mann habe schon kraft seiner Lehrbefähigung jederzeit ausreichend Qualitätsstoff parat.

Wird so eine Kocherei offenbar: Die eigene Reaktion geht just den gleichen Zweischritt, den schon der Gedanke der Wasserkocher- Redewendung ausgelöst hat – es beginnt mit einer komplizenhaften Verbundenheit; wie oft wurde man selber besser nicht tiefergehender befragt, in mündlichen Prüfungen oder Referaten. Knappe Decken nähen wir alle gerne, wenn die Zeit knapp ist – und gibt es nicht immer etwas anderes zu tun? Nach dem Komplizentum die Genugtuung: Bringen kann man es auch noch zu etwas, und es wird gar nicht weh tun, bis dort hin. Es reicht… eben auch so.

Später erzeugen solche Beispiele, stimmlich nachbearbeitete Musiker, notgebriefte „Experten“, Diagnosen nachschlagende Ärzte, sich vor Arbeit drückende Sachbearbeiter Ernüchterung. Überall fällt der Welt die Maske des Geheimnisvollen, des bewundernswert Kunstfertigen vom Gesicht. Wird das Leben vom zielgerichteten Anetwasarbeiten zum vertuschenden Gewurschtel. Ein kleines Schauspiel zum Zweck des Totschlagens einzig wertvoller Zeit.

…immer dazwischen.

Trost und Ernüchterung. “Das kann ich auch”. Aber gleichzeitig droht auch jede Fassade des Könnens bei jedem Gegenüber zum Potemkinschen Dorf zu werden: Eine prachtvolle Front vor windschiefen Baracken. Irgendwie ist das nicht die Welt, die man sich einmal vorgestellt hat. Das Dilemma, das einen gerne nachgeben lässt: Mehr zu können als nur Wasser aufzukochen, schmerzt: Denn irgendein schwer
lastendes Gewicht zieht einen immer hinunter zu den Sofas und Couchen dieser Welt, wenn man gerade 700 Seiten tief nach ein bisschen fundamentalem Wissen lesen müsste. Warum ist losgehen, auf diese ständige Suche, so schwer?

Gegen das Wasserkochen.

Ein beruhigend einfacher Ausweg aus dem Dilemma existiert: Routine. Die wenigsten Menschen schaffen es mehrmals den gleichen Blindflug zu tun, ohne sich nicht absichtlich oder unabsichtlich ein Stück des Weges einzuprägen. Womöglich aber die einzig ernsthafte Antwort, irgendein ein etwas charmanterer Bastardsohn der Rational Choice-Theorie: Möglichst wenig nur ausreichend zu tun heißt meist, möglichst viel zu tun, dessen Ergebnis einem selbst am Herzen liegt. Es gibt nichts schweres, als sich umfassend in einem uninteressanten Feld auszukennen, und wenig leichteres als alles über ein Herzensthema zu wissen.

Ein gesellschaftlicher Auftrag. Eine Wassersuppe.

Dass jeder das tue, was er am besten kann, und hier verbirgt sich ein Stück Glauben an diesen überhandwerklichen Funken aus dem Bauch, der das auszeichnet, was wir wirklich begeistert tun/können, das empfahl Aristoteles der Gesellschaft. Und das ist vielleicht noch der Gedanke der uns am Besten über das Fortschreiten unserer vorsichhinwurstelnden Gemeinschaft helfen kann. Dazu bedarf es jedoch zweier erfüllter Voraussetzungen: Nicht nach dem zu suchen, was den größten Gewinn oder die größte Sicherheit abwirft, sondern das eigene Leben dergestalt wertzuschätzen, es damit zu verbringen, was man am besten kann. Im Kontrast zu einem Umkehrschluss womöglich, der hieße, die Sicherheit oder das Geld so sehr zu schätzen, dafür das eigene Leben dran zu geben. Und die Aufhebung des Zwanges, irgendetwas zu tun, einfach des Tuns willen – wo soll da die Muße für etwas richtiges bleiben? Geht dieser Arbeitsbeschaffungszwang nicht direkt von der Suchzeit nach gehaltvolleren Zutaten ab?

Womöglich. Oder es ziehen nur die Gewichte. Der antithetische Zweifel mit dem letzten Löffel dieser Wassersuppe: In einer Tauschwirtschaft reicht auch das Erhitzen von Wasser zum Überleben.

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