Der Moment

von Christoph

„Warum bis morgen?“
Der Küchenboden unter ihren Füßen war kalt, als sie in die dunkle Küche ging, um sich noch einen Kaffee zu kochen. Müde stand sie vor dem hohen Regal und hielt sich an der Tasse fest. Müde. Schlafen. Das war alles, was sie wollte.

Als sie den Kaffeelöffel vom Boden aufhob und voller Ärger auf das verstreute Pulver blickte, beschloss sie, den Kaffee Kaffee sein zu lassen und setzte sich an den Küchentisch. Der Stuhl hinterließ nach dem Zurückschieben eine kleine Spur auf dem dunkel eingefärbten Boden und an ihren Füßen klebte wie Sand das Kaffeemehl. Sie stütze müde ihren Kopf auf die Arme und diese auf den Holztisch. Erstaunt stellte sie fest, dass es draußen begann, hell zu werden. Sie blickte zur Uhr, fand sie aber nicht. Liegt am Schreibtisch, dachte sie still bei sich, und wunderte sich ein wenig, dass sie genau wusste, dass das Ticken sie vorhin so gestört hatte, dass sie die Uhr entnervt in ihr Bett geworfen hatte. Komisch. An was man sich so erinnert, ohne es zu wollen. Jemand, der ihr in diesem Moment gegenüber gesessen hätte, hätte sehen können, wie ihre Mundwinkel bei dem Gedanken nach oben gezuckt waren, aber es war niemand da, der es sehen hätte können. Das dunkle Haus lag still da und sie saß allein am Tisch.

„Ach, das wird schon wieder“, hatte sie gestern noch gesagt. Gestern. Das schien so weit weg. Und eigentlich war es ja auch schon vorgestern gewesen. Sie hatte den Vorwurf blödsinnig, albern und hysterisch gefunden. Sie habe sich geändert. Ihre Arbeit sei ihr zu wichtig. Das hatte sie gesagt. Aber – jetzt? Jetzt war es so. Sie saß irgendwann in der Früh in der kalten Wohnung, in einer Küche voller Kaffeepulver am Boden und einem viel zu großen Tisch und sah ein, dass sich ihr Bezugssystem geändert hatte. Und war allein.

Der Tisch war eine verrückte Idee gewesen. Sie wollte sich für einen durchgearbeiteten Sommer voller Arbeit belohnen und hatte diesen Tisch bestellt. Ohne daran zu denken, dass er in der lichten Weite des Ladens vielleicht viel verlockender aussah als in ihrer kleinen Küche. Sie hatte sich den Tisch bestellt, er war geliefert worden und voller Frust hatte sie noch am selben Abend die Beine mit der Säge des Taschenmessers um ein paar Zentimeter gekürzt. Wieder hätte ein unbekannter, dunkler Beobachter bei diesen Gedanken ihr Lächeln sehen können, wenn er da gewesen wäre. Aber er war nicht da. Sie war allein und dachte darüber nach, ob drei Zentimeter wichtig wären.

Was war überhaupt wichtig. Kaffeepulver am Boden? Alberne Vorwürfe? Die Arbeit, die morgen fertig sein musste? Ihr Bezugssystem war mit der Zeit gewachsen, hatte sich an vielen verschiedenen Konstanten festgemacht und in dieser Nacht schien es ihr so, als ob eine der wichtigen Tragesäulen des Netzes erschüttert worden wäre. Irgendwo in der Nacht donnerte die erste S-Bahn des Tages vorbei und weckte sie aus ihren Gedanken. Der Beobachter hätte gesehen, wie sie über das Geräusch erschrak und sich verwundert in ihrer eigenen Küche umsah. Umsah, als sähe sie sie zum ersten Mal. Aber es war niemand da.

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Ein Kommentar.


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