Von Mailand erzählen

von Mario

Foto: Mario

Während im Mailand diesseits der Alpen die grantelnden Bayern unter drückender Schwüle ächzen, erfrischt das Mailand jenseits der Alpen genau zu unserer Ankunft ein kühler Schauer.

Im Mailand jenseits der Alpen. Gibt es Krankenwägen die klingen wie die Gitarren und Pistolen mit welchen italienische Kinder während des Essengehens zu spielen ermuntert werden. Oder Gitarren und Pistolen die klingen wie Krankenwägen.

Im Mailand diesseits der Alpen. Fragt man sich am Flughafen ob hier nicht einige aus unschuldigem Geltungsdrang mit einem Ipod Touch statt mit einem Iphone telefonieren. Oder Apple über Münchens mittlerem Management eine Jahresladung abgeworfen hat.

Vier Tage sind viel zu wenig um eine Stadt kennen zu lernen. Man kann sie in diesen vier Tagen weder komplett begehen, noch sehen, geschweige denn wirklich erleben. Man könnte das wohl auch in vier Wochen nicht, in vier Monaten oder Jahren vielleicht. Und weil es also zu lange für einen “Trip” dauern würde, diese Stadt kennen zu lernen, lässt man sich auf seiner Reise führen. Durch Bücher, von Menschen die einem erzählen was sich lohnt, man will schließlich etwas Lohnendes zu erzählen haben.

Dort erscheinen Orte wie der Duomo Santa Maria Nascente, der Dom von Mailand. Dessen Dach gegen ein, für diese Stadt, geringes Entgelt begangen werden kann. Ein wirklich beeindruckender Ort, unzählige aufwendig gearbeitete Marmorspitzen, -figuren und -geländer säumen das Dach. Bilden Wege, Räume und Plätze – reich und hingebungsvoll geschmückte Orte sakrosankter Verehrung, für gewöhnliche Menschen unerreichbar und keinem anderen Zweck als dem Gotteslob gewidmet. Trotz hunderter Touristen ein beeindruckendes Zeugnis einer vom 21. Jahrhundert vollkommen verschiedenen Geisteshaltung.

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Gegenüber und ebenfalls auf einem Dach gelegen ein Zeugnis wesentlich moderneren und weltlicheren Gedankenguts: Das Restaurant und Cafe des La Rinascente. Eine Art KaDeWe Mailands. Wie auch die Innenstadtboutiquen voller Menschen die unbezahlbares mit einem Lächeln erwerben. Schöne Dinge und schöne Orte – wie eben ein Platz in den Korbstühlen auf der schattigen Terrasse des Cafes – voller noch schönerer Menschen. Nein, wirklich, diese Menschen sind wirklich schön und reich und wohl auch glücklich in dieser Welt, ganz ohne Hintersinn oder Ironie. 6€ Coperto – also nur Gedeck, ohne Speis oder Trank – und du bist ein Teil davon.

Ein wenig abseits der vor Modeboutiquen glitzernden Altstadt liegt das ehemalige Künstlerviertel Brera. Schön, teure Restaurants und nett, billige Bars. Die einen versuchen es wieder mit 6€ Coperto, die anderen mit 6€ für ein Getränk und all you can eat. Man hat immer die Wahl und deshalb kann man das auch einfach so stehenlassen. Denn egal wo man sitzt, man hat immer einen guten Blick auf die Menschen die das Spannende an Mailand sind: Die schwarzen Straßenhändler, immer auf dem Sprung und über die Kombination aus Handy und pfeifen immer über den Standort der Carabiniere informiert. Einer paradoxerweise ebenso materialistischen wie gemütlichen Gruppe mittel alter Italiener.

Und so machen die Straßenhändler trotz eines nicht unerheblichen Laufpensums ihre Geschäfte; Mit uns zwar nicht im Brera, aber im Naviglia Viertel: 60€. 30? 45. 25? 35. 20? 20 + 5€ Boyfriend? Okay. Einer Prinzessin TamTam waren sie dann doch nicht gewachsen und die “total tolle Tasche” unser. Und auch sonst, ein interessantes Viertel, der ehemalige Hafen dieser 15. Hafenstadt Italiens. Entlang der Kanäle die hier über Jahrhunderte endeten und aus einer Binnen-, eine Hafenstadt machten entdeckt “die Szene” gerade die alten Lagerhäuser. Und noch ist hier alles vertreten, eine bunte Mischung wackeliger Stühle, knallpinker Ledersofas und Karten mit Preisen auf Anfrage. Das meiste halbprovisorisch auf den Straßen, wie gesagt: Noch ist’s toll.

Und so findet man das Lohnende, Spannende und Inspirierende manchmal dort wo auch die Bücher es vermuten, und meistens dort wo man nur zufällig ist. Bei der ebenso öffentlichen wie kostenlosen Generalprobe zu Andrea Bocelli auf dem Piazza vor dem Duomo ebenso, wie in den Gassen hinter den Boutiquen oder dem Aufbau des Jahrmarktes im Navigila. Und manchmal sind es nicht die Orte, sondern die Menschen die besonders sind. Besonders bizarr, kreativ, unmöglich oder expressiv. Wenn sie ihr Innerstes in Mode fassen und nach Außen kehren. Gerade in Mailand, der Stadt der Mode im Land der Selbstdarsteller.

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