Darum

von Tiger Rembrand

Man ist andauernd am Warten. Die Momente, in denen man sagt, so könnte es jetzt bleiben, sind im Verhältnis zu der Masse an Zeit, in der man auf genau solche Momente wartet, winzig klein. Das erklärt dann wohl auch den Umstand, warum man bei rot über die Ampel fährt oder eine Bank überfällt, weil man den Hausmeisterjob mit 36 Jahren einfach scheiße fand. Einstellungssache wirst du meinen, aber ich behaupte, nein, das ist so… Ich soll positiv denken? Wozu denn, die 30er Zone vor der roten Ampel ist so oder so langweilig gewesen. Vom Hausmeisterjob ganz zu schweigen. Die Einstellung ist eine Einbildung, die einem hilft, die Zeitspanne des Wachseins nicht damit zu vergeuden, die kleine Filiale deiner Bank zu überfallen, nur damit du in einem endlosen Moment des Glücks in deiner Hängematte schaukelst. Vorausgesetzt, du hast es bis zum Strand geschafft. Natürlich weißt du ganz einfach nicht, dass deine positive bescheidene Lebenseinstellung Einbildung ist.

Mal angenommen, du hast den Jackpot aus Allem, was du für dein ganz persönliches Wohlbefinden benötigst. Was ist dann? 1. Diese Frage ist pseudopsychologisch, ausgelutscht, interessiert nicht wirklich, da schon x-mal gestellt. Lesen Sie bitte „Per Anhalter durch die Galaxis“. 2. Diese Frage ist irrelevant, da dir dieser Zufall niemals widerfahren wird und die meisten sich ganz sicher nicht damit beschäftigen, was ihren perfekten Zustand, der ja wie gesagt sowieso nie eintreten wird, wieder zu Fall bringt. 3. Diese Frage ist die Fragen aller Fragen. Sie ist nicht beantwortbar. Wäre sie beantwortbar, könnte man im gleichen Zuge den Sachverhalt klären, wozu du da bist. Lautete die Antwort „Nichts.“, was ist dann nichts? Ein endloses Ich-will-Konzert? Du wirst an das Problem stoßen, dass du irgendwann einmal schon alles gewollt hast. Das dürfte dann wohl die Langeweile sein. Schade, hat sich der ganze Aufwand mit Spielzeugwaffe ins Paradies auf Erden zu streben gar nicht gelohnt. Da fällt mir auf, das Selbe kommt heraus, wenn man die Frage „Was dann?“ mit „Alles.“ beantwortet. Beides nicht zufriedenstellend, wir wollen uns nicht langweilen! Wäre die als Frage der Frage deklarierte Frage optimal beantwortbar, hätte man das perfekte Lebensziel. Dazu wärst du dann da. Betreue dich selbst und katapultiere dich möglichst intelligent und effektiv in deinen friedvollsten Seelenzustand. Und wenn man nicht mal das ominöse perfekte Lebensziel hat? Da kann man direkt verstehen, warum manche Jugendliche mit diversen Mittelchen einfach auf Nichts warten. Da haben wir es. Die Antwort, warum die Kinderlein bei uns zugrunde gehen.

Perspektivlosigkeit. Richtig, der Strom kommt aus der Wand und ich hab damit  ferngesehen. Da haben die das gesagt, das mit den Jugendlichen. Zusammengefasst: Wir haben das manifeste Problem, nicht das optimale Ziel erreichen zu können, falls wir nicht schon so desillusioniert sind, dass wir gar keines haben. Entweder aus Utopie oder Unmöglichkeit.  Das ruft die Bescheidenheit auf den Plan. Je kleiner das Ziel, desto eher erreichbar, aber desto kleiner das Licht. Wer will denn bitte ein kleines Licht? Der Mensch ist einfach nicht so, er hat schon immer nach Höherem gestrebt; wenn nicht, dann säße man immer noch mit seinem Holzstock am Lagerfeuer in der Höhle und fände es einfach geil. Wie hoch höher ist hat die frostige Alltäglichkeit gezeigt und ist eine Frage des Charakters, des Umfeldes, der emotionalen und intellektuellen Bildung, der Möglichkeiten, des Aussehens, des Ehrgeizes, der Talente. Naja, diese Feststellung ist nicht neu. Auch aus dem Fernsehen. Oder so. Das heißt logischerweise, wer unten anfängt, hat es weiter, als einer der mit 30 Millionen einsteigt ins Lebenskarussel. Und wie schnell sich das dreht. Aber wir haben ja bereits festgestellt, dass ein Ich-Will-Konzert nicht glücklich macht: Der springende Punkt ist es, es sieht für jeden nach glücklich sein aus. Wer die Knete hat ist happy. Der Satz „Geld macht nicht glücklich“, der jetzt unbedingt erwähnt werden musste und viel zu oft heruntergeleiert wird, ist von Grund auf falsch. Für meinen Weg steil nach oben brauche ich Geld. Geld, du weißt schon, das ist der Ersatz für Güter. Kein Euro, kein Döner, keine Frau, keine Kamele. Du kennst das Spiel. So gesehen besteht die Welt aus lauter Nachmachern. Mit Geld hast du genau das, was der andere hat, und nein, du schaffst es sogar, selbst zum Nachbar zu werden. Bist du jetzt glücklich? Ja, klar bist du das; Hallo, du hast dich pro-fi-liert! Herzenssachen, wirst du sagen, sind dagegen reine Glücksfragen. Paradox, dieses Glück. Einerseits bestimmbar, andererseits unberechenbar.

Wenn man das alles so zerkleinert in Gedanken, drängt sich einem die Frage nach dem „Warum?“ auf. Warum rennen wir nicht alle splitternackt herum, trinken aus Flüssen und essen Fallobst. Korrekt, im Winter gibt es kein Fallobst. Jedoch, die eigentliche grundlegende Problematik ist die des Unterschiedes. Nicht jeder Apfel, der vom Baum fällt, ist gleich. Der Unterschied ist der Unterschied. Und wenn ich den verfaulten bekomme, und mein nackter Nachbar den halbverfaulten, will ich den selbstverständlich auch haben. Ich gehe mal davon aus, diese Zusammenhänge bestimmt schon einer vor mir entdeckt und niedergeschrieben hat. Der Mensch kombiniert mit seinen Wesenszügen, ausgesetzt im Leben ist der Herd allen Übels. Und noch viel schlimmer ist, dass er Nachdenken kann. Wer denkt, richtet an. Beurteilung, Verurteilung gepaart mit den 7 Todsünden (man kann im Ansatz nachvollziehen, warum), die auf den menschlichen Abgründen und den naturgegebenen Tücken des Hirn-Benutzens fußen, ergeben ein Konzept, das jeden menschlichen Karren an die Wand fährt. Es muss zwangsweise zu Klassenunterschieden kommen, zu Utopisches-Lebensziel-Habern, Desillusionierten, Wissenschaftlern, koksende Rockstars bis hin zu Hare Krishnas. Wenn wir alle die gleichen Bedingungen hätten, die gleiche Denkweise, alles gleich, sogar die Anordnung der Pflastersteine des spießigen Vorgartens vor einer Tür, dann wären wir neidlos, es gäbe keinen Unterschied.

Kein Unterschied, kein Problem, alle Ampeln grün, Lebensziel erreicht, mal abgesehen von der Langeweile. Und wo wären wir da? Naja, wo wohl, am Lagerfeuer mit unserem Holzstöcken und fänden es geil. Alle überall gleichzeitig („Uuuund alle zusammen…!“). Ohne irgendeinen Idioten, dem plötzlich einfällt, er will zwei Holzstöcke, wäre das System fehlerhaft. Die Natur ist eine Katastrophe aus genau diesem Zwiespalt: Vorwärtskommen, aber nach Möglichkeit alle gemeinsam zur gleichen Zeit. Und das geht nun mal nicht. Der Rest ist das Wunder daran. Damit ist die Struktur des Lebens erklärt, warum die Menschen sich mit ihren Holzstöcken und Bomben die Köpfe einschlagen und mit noch bigger bombs coole Kohle machen, um sich mit noch mehr Geld den nächsten absoluten Kick kaufen zu können, da ihnen sonst langweilig wird. Die Krux allerdings ist, dass genau das notwendig ist, um dem Leben einen Sinn zu geben, eine Vorstellung zu finden, die dem Verstand sagt, das könnte dein Glück sein. Unverbindliche Preisempfehlung und leider nicht mehr originalverpackt, aber immerhin wie ein Leben nach dem Piepton, wo du die Ansage machen darfst.

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