| Klangraum I: Malmö |

von Flo

Die Füße fest auf einem Stück Malmöer Pflaster, vielleicht aber auch von einem Poller ins Becken der stillgelegteren Teile des Hafens baumelnd, einen Moment innehaltend, spürt man um sich den ganzen Raum. Ich glaube allerdings, das ist an jedem Ort so.

In Malmö bedeutet es, wenn man nach den festen Definierungsposten dieses Platzes spürt: Den Weg bis zum an Sonnentagen fliegend hoch und pastellblau-leicht hängenden Himmel ermessen. Die ganze Zeit den Wind, der unter seinem hohen Bogen hindurch bläst, in den Haaren ertragen. In das Land hinein dutzende Kilometer flachen Landes zu spüren. Und die Seile der Trägerbrücke. Der Faden, der die Stadt an den europäischen Kontinent knüpft, der Güterzüge durch riesige Gleisfelder schickt. Pendler aus dem sich langsam neu verputzenden hässlichen Entlein Malmö in die dänische Hauptstadt zieht.

Damit ist der Raum aufgespannt in Höhe, Länge und Breite. Licht braucht jeder Raum zusätzlich: Malmö ist sogar sicher zur Hälfte Licht. Im frühen Sommer, wenn sich von halb vier morgens bis um Mitternacht oft schon wärmende Sonnenstrahlen über die Straßen legen, das Wasser in den Kanälen glitzern lassen. Im Winter, wenn es um halb drei dunkel wird, die Wolken fest über der Meerenge sitzen, die Straßenlaternen über Malmös langsam erwachenden Clubvierteln im Wind schaukeln und die Lichter des Verschiebebahnhofs im Nebel verschwinden.

Eine Dimension bleibt übrig: Man ahnt die Wirkung von Zeit immer eher indirekt. Malmö war lange Hafen- und Arbeiterstadt – bis kein Hafen und keine Arbeiter mehr gebraucht wurden; die großen Fabrikhallen zur Messe umgewidmet wurden, die Lager im Süden zu Konzerthallen; aus einem rauen, rohen Nachkriegs-Hamburg ein gentrifiziertes Freiburg am Meer wird. Werden soll. Noch bröselt genug Teer aus den Gehwegen, an denen die Industriebrachen liegen.

So fühlt Malmö also an. Melancholische Flächen grauer Wintermonate, helles Kaufhauslicht, verspielt funkelndes Sonnenglitzern unter hohem Himmel. Hochhäuser, Fabrikhallen, junge Kneipen. Zwischen dem strahlend weißen Turning Torso, der sich als Bote einer High-Tech-Zukunft aus dem neue Westhafen erhebt, der akkurat aufgeräumten Innenstadt und ihren Einkäufern, dem Kanal – und den Plattenbauten am Stadtrand, den Brachen im Hafen, den Überlebenden einer raueren Malmö-Zeit. Und so erstaunlich: So klingt es auch.

Es glitzert sommerlich: Ljudbilden & Piloten nehmen kleine Umgebungsgeräusche auf, die sich mit pluckernden Akustikgitarren und sachten elektronischen Beats in ein selbstgenügsam fröhliches Funkeln aufbauen: Ein Tag am Kanal, das Gesicht in die Sonne, die Backsteinbauten der Arbeiter- und Hafenzeiten, plaudernde Menschen auf den Straßen. Verspielt, winddurchweht, die eine Seite Malmös.

Und klingt wie ein trüber Tag am Meer: The Radio Dept. Aus dem benachbarten Lund, die auf Synthie-Teppichen, so dick und glatt wie die Wolkendecke an einem Januartag (oder in einem schönen Moment auch einmal so tief wie die Dämmerung an einem stillen Sommerabend) die bittersüßeste Melancholie erzählen: Desillusioniertes Glück, verträumtes Sehnen. Klinkertristesse in einem reichen Land, unter dem blauesten Himmel, oder den regnerischsten Wolken. Regen ist schließlich auch ein Wohlstandsproblem. Punky’s Dilemma aus Malmö tun etwas ähnliches, allerdings mit Gitarren. Mikael schreibt ihre Songs.

“Im Großen und Ganzen sind alle meine Songs inspiriert von Stadtumfeldern und den jungen Menschen, die in der Stadt leben. Die Dinge, nach denen sie sich sehnen, Ausgeschlossenheit, Dinge die sie nicht erreichen, und die Enttäuschung. Ich webe Melancholie gerne über die Bilder der Stadt ein… Wenn man aus dem Club nach Hause geht und alles vorbei ist; schön auf eine etwas traurige Weise…”

„Side Effect Of Violence“, der Song vom Klangraum-Mixtape, ist allerdings inspiriert vom Heimweg von der Arbeit über Föreningsgatan, im Dunkeln ein oft gekreuztes, zweispurigens, ampelgebremstes Lichtermeer, auf das Mikaels Wohnzimmerfenster gerichtet ist. „Es geht um die Niedergeschlagenheit, Müdigkeit, Verbrauchtheit die man dann manchmal fühlt – aber man spürt wohl auch ein Fünkchen Hoffnung?“ Als seinen Malmöer Lieblingsplatz nennt Mikael Bergsgatan, Möllevången. Wo die Clubs stehen: Das funkelnd neue Debaser, das aus Stockholm hierher fillialiert ist, die Kneipen, oder auch das trotzige Kulturbolaget. Familjen produzieren die intelligent-verschmitzte elektronische Euro-Disco für ersteres. Mono Stereo machen 60ies-Rock, der klingt wie die Geschichte des alten “KB”, des Backsteinbaus in dem schon die Größen der Rockfrühzeit gespielt haben. Rock’n’Roll und Utopien. Und deren Musik manchmal diesen paranoiden Unterton trägt, weil der Proberaum in einem verlassenen Industriegebiet liegt. Meint die Band. Und sagt, dass die dunkelsten Monate die inspirierendsten sind.

Für Fredrik von den Bands The LK und Fredrik, von denen zweitere so klingen, als würde man frühsommers draußen mit den Alternativen Malmös auf Kristianstadsgatan sitzen, auch in Möllevången, dort wo im alten Scherbenviertel jetzt die Clubs sprießen, die vielen Zuwanderer die meisten und besten Falafel Nordeuropas verkaufen: Akustikgitarren, Backstein, sachte Fröhlichkeit, ein Hauch Folklore aus der weiten Welt, und elektronischer Schimmer im Beat, ist Malmö eine Stadt der Gerüche, schreibt er mir: “Wenn man sich durch die verschiedenen Stadtteile bewegt, fühlt man deutlich wie sich die Luft vor der Nase verändert. Fang auf dem Möllevångstorget an, wo sich der erdige Geruch des Gemüsemarkts mit den Resten des freitäglichen Nachtlebens vermischt. Dann geht man weiter durch die feuchte Luft von Folkets Parks Springbrunnen, durch den Falafeldunst am Falsterboplan und rauf nach Sofielund, wo Pågens gigantische Bäckerei alle mit falschen Hoffnungen auf frischgebackenes Sötbröd täuscht. Danach Norra Grängesbergsgatan, wo sich die Gerüche von Autoreifen und Motoröl mit Leder und stehendem Wasser vermischen. Genau hier proben 85% von Malmös Bands.” Und natürlich höre man das alles in der aufgenommen Musik: “Wenn du bei 3:22 in Alina’s Place genau hinriechst, riechst du einen regnerischen Frühlingsmorgen im südlichen Malmö.”

Wichtig ist die Stadt Malmö auch für Solander, die ebenfalls just dort, im östlichen Hafen, proben. Wichtig auf eine andere Art. – Ob sie sich einer Musikszene zugehörig fühlen, frage ich, und die Antwort, überraschend, ist klar. „Ja, absolut! Und die ist äußert malmöspezifisch!“ Wenig Konkurrenzdenken, Vit Päls, eine Kooperation von Mitgliedern aus 10 Bands, einen gemeinsamen Proberaum, das neue Label „Evil Twin“, und auf allen Alben kreuz und quere Gastauftritte. „Nachdem ich von Göteborg nach Malml gezogen bin hat sich das alles einfach so ergeben“. „Die Stadt kocht“, meint Sänger und Gitarrist Fredrik. „Es gibt so viele kleine Auftrittsmöglichkeiten, Festivals, alles verändert sich. Die Stadt fordert mich auf, überall dabei zu sein. Das fließt sicher in die Musik. Ich merke es nicht, aber es ist da“.

Grönsaker, Frukt, Zigarrette: Nachts in Möllevången.

Grönsaker, Frukt, Zigarrette: Nachts in Möllevången.

Das Mixtape zum Klangraum Malmö gibt es hier. Mit teilweise exklusiven, verspielten, melancholischen und eskapistischen Tracks von Ljudbilden & Piloten, The Radio Dept., Punky’s Dilemma, Mono Stereo, Fredrik, Solander und anderen.

Titelfoto: flickr.com/photos/reinvented/

Bild 1,2: flickr.com/photos/kapten/

Bild 3: flickr.com/photos/jonathanmorgan

Bild 4: flickr.com/photos/damace/

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