Schmetterling und Taucherglocke

von Mario

Möglicherweise war Jean Dominique Bauby davor ein Arschloch. Möglicherweise musste er das als Chef der französischen Elle sein. Möglicherweise ist das gar nicht so wichtig um “Schmetterling und Taucherglocke” zu sehen. Den Film der auf dem Buch basiert, das Jean Dominique Bauby danach blinzelnd diktierte. Danach – nach dem Schlaganfall den er während einer Autofahrt mit seinem Sohn erlitt. Blinzelnd – weil er danach bis auf das Augenlied gelähmt war und nur durch ein – für ja – oder zweimaliges – für nein – Blinzeln kommunizieren konnte. Durch dieses winzige kommunikative Nadelöhr nun diktierte Jean Dominique Bauby einen ganzen Roman, einen Roman über sich und sein Leben in der Taucherglocke des Locked – In Syndroms.


Bild: PROKINO Presseservice

Der Film beginnt mit dem Erwachen aus dem Koma in der Perspektive Jean Dominique Baubys. Es folgt der erste Schock: Jean Dominique Bauby kann sich nicht bewegen, nicht sprechen, nicht bemerkbar machen, nur zuhören und -sehen und blinzeln. Ebenso der Zuschauer – er ist mit der Kamera in Jean Dominique Baubys unbeweglichem Körper gefangen und erlebt große Teile des Filmes aus dieser Perspektive. Und während uns die Stimme aus dem Off mit ihren Anekdoten und die Bilder die dazu erscheinen viel über den starken Charakter dieses Gefangenen und die großartige Ironie die er im Umgang mit seinem Schicksal entwickelt erzählen, so ist es doch die starre Kamera – und starr bleibt sie fast immer, auch wenn sie die Perspektive Baubys kurz verlässt – die diese Bilder einfängt und so das Off illustriert. Die das Eingesperrte, das Hilflose und manchmal auch Tragikomische seiner Situation auf unheimlich starke Weise erlebbar macht.

Wie auch der ganze Film dem Jean Dominique Bauby nach dem Schlaganfall unheimlich nahe kommt. In kleinen bitteren, süßen und bitter-süßen Momenten der Erinnerung wie an eine Rasur seines hilfsbedürftigen Vaters – damals ein kleiner, ein unbedeutender Moment in einem bewegten Leben, aus der Statik des Eingeschlossenen auf tragische Weise unerreichbar. Der Betrug an der Ehefrau und die zu kurzen Erlebnisse mit den eigenen Kindern. Ein Strand an der französischen Atlantikküste, der Wind und die Kinder die immer wieder im Blickfeld auftauchen und verschwinden. Und wieder eine Kamera die stoisch ruhig bleibt, dem lachenden Kindergesicht nicht nach schwenkt, sonder verharrt und verliert. Immer wieder werden der Verlust und die Sehnsucht spürbar, der Verlust in den Bildern aus dem Jetzt, die Sehnsucht in den erinnernden Rückblenden und tagträumenden Sequenzen.

Und doch wird die tragische Schwere immer wieder durchbrochen, und das ist was Jean Dominique Bauby wohl zu so einem besondern Menschen, sein Buch zu einem besondern Buch und diesen Film großartig macht: die manchmal fein mitschwingende, manchmal offenere Ironie, die sich bis zur ironischen Distanz zur eigenen Figur und Situation steigert. Ein leichtes Lächeln, ein ironisches Augenzwinkern von Zeit zu Zeit und einmal sogar ein dröhnendes Lachen brechen das Tragische und offenbaren den unglaublichen Willen Jean Dominique Baubys zu kämpfen und dem Schicksal, wenn schon nicht körperlich so zumindest geistig ein Schnippchen zu schlagen. “Schmetterling und Taucherglocke” ist ein großartiger Film.

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