The Witch of Portobello

von Matthew

Personalisierung und Personenkult gehören schon lange zum weitläufigen Repertoire der Menschheit, sich das große, fremde Universum durch kleine geistige Kunstkniffe greifbar zu machen. Gottheiten, Heilige, Genies, Idole, und all die anderen Prominenten und Pluripotenzen – sie existieren als solches in diesen Kategorien, um abstrakte Vorstellungen zu manifestieren. Ob Athene, Einstein, St. Antonius, Monroe, Kennedy, sogar Bohlen: ihre Bedeutung ist weniger ein Resultat der Zuschreibung ihrer Eigenschaften, sondern vielmehr unser Bedürfnis – unser Bedürfnis, verstehen zu wollen.

Könnte sein, dass wir zunehmend besser in der Lage sind, die Welt aufzufassen für das, was sie wirklich ist; oder unsere zunehmend horrend unterschiedlichen Lebenserfahrungen erlauben es nicht mehr, dass sich einzelne übergreifend zentrale Persönlichkeiten herausbilden. Deutlich ist hier aber ein Rückgang zu an dieser sonst immer so präsenten Aufladung eines einzelnen Individuums zu spüren. Superman ist tot, und die nächste Generation will sich nicht so in den Mittelpunkt stellen. Oder kann es nicht: auch wenn heute noch einzelne Namen bekannt sind, so stehen sie immer für mehr als sie selbst. Das Pop-Sternchen oder die Filmdiva für die enorme Menschenmaschinerie dass sie aufzieht und auf uns loslässt, der Nobelpreisträger für die hunderte von internationalen Wissenschaftlern die am Projekt arbeiteten, ja selbst die historisch autonom auftretenden Figuren der Politik mag man in lichten Momenten nicht ganz die volle Verantwortung ihrer eigenen Handlungen zusprechen (und der Blick geht hier sicherlich nicht auf den noch-Präsidenten gewisser vereinigter Staaten. Sicherlich. Nicht).

An sich kann man diese Entwicklung durchaus begrüßen. Keine Massendiktatur durch das Individuum, soziale Kraft über Ego, oder im Sinne der Neuen Aufklärung: wenn der Mensch dem Menschen gleichgestellt wird, der Eine mit gleichem Wert wie der Andere, so ist die gesellschaftsübergreifende Hervorhebung ein ungerechtfertigtes Element der Besserstellung, Macht, Herrschaft. Denn die Prämisse ist letztendlich: wir, in der haargenau selben Situation wie X, hätten auch haargenau so gehandelt wie er/sie/es. Durch die Hervorhebung der Gruppe wird also auch das eigentlich wesentliche hervorgehoben: nicht das Individuum, sondern die (soziale) Situation. Wer braucht schon Helden.

Also eigentlich eine feine Sache, wenn man den Anspruch hat, Augenwischerei zu vermeiden oder zumindest offen zu legen. Hört sich das für Sie trotzdem irgendwie etwas trist an? Der Romantiker in Ihnen wehrt sich? Nun ja, wir leben in vielseitigen Zeiten: einige dieser wirklich eigenständig genialen, unabhängigen Persönlichkeiten gibt es noch. Der Fokus auf den Einzelnen existiert in der Kunst zwar nicht mehr so stark, aber weiterhin, und so gibt es sie vereinzelt doch noch, die ganz Großen.

Nehmen wir mal das Beispiel Paolo Coelho. Ein faszinierender Mensch mit faszinierender Biografie durch die Wirren der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und mit Sicherheit einer der herausragenden Figuren, die im Jetzt unscheinbar, im Rückblick aber hervorstechen wird.

Zentral für sein Werk ist „Der Alchemist”, ein Leuchtfeuer-Buch das eine neue, vereinigende Lebensphilosophie entwickelt, ohne sich dabei in ideologische Geflechte zu verlieren und sich vom Menschen an sich zu entfremden. Coelho versteht wie kein zweiter sein literarisches Schaffen in das neue Medium Internet einzubinden; hier kann man auch seine ständige Erneuerungsversuche nachvollziehen. Auf seinen Webseiten und seinem Blog (das oft auch anspruchsvolle Kurzgeschichten umfasst) entfalten sich spannende Neuerungen in Interaktion mit seiner viven Leserschaft, dessen Anblick überaus lohnend ist, aber eigentlich soll es hier um sein neuestes Werk gehen: Die Hexe von Portobello (hier auch kostenlos bis 11. März online zu lesen (!!)).

Eine Hauptperson, die kein einziges Wort spricht: nur durch Erfahrungsberichte ihres nächsten Umfeldes erleben wir die Geschichte von Sherine alias Athena. Auf der Suche nach ihrer Herkunft stößt sie gegen die Grenzen der stillen Annahmen, die unsere Zeit bestimmen, forscht von Beirut nach Dubai nach den Leerräumen in Leben und entdeckt dabei die göttliche Kraft in den Tiefen unserer Seele steckt. Sie beginnt auch Anderen ihren Weg jenseits der dogmatischen Sucht nach Zufriedenheit aufzuzeigen, und als ihre anziehende Lehre sich zum Kult entwickelt, entfaltet sich langsam das Unglück.

Gerade an der doch innovativen Erzählweise und Umsetzung bröckelt, spaltet sich interessanterweise das bisherige Bild des Autors. Handwerklich deutlich komplizierter, anspruchsvoller, durchdachter, inhaltlich mit komplexen Details wie es in dem Umfang bisher in seinen Texten noch nie der Fall war, stellt „Die Hexe von Portobello” ohne Frage eine bedeutende Weiterentwicklung des Autors als Schriftsteller da, aus einer literaturtechnischen Perspektive ist das Ganze von einer anmutenden Schönheit durchzogen. Auch sind inhaltlich, philosophisch gute Ideen dabei: Aphorismen, die das Herz berühren, Beobachtungen, die das aussagen, wovon man immer dachte, es gäbe keine Worte dafür.

Was aber nach zunehmend stört ist die persönlich fixierte Überstilisierung der Heldin, die zwar sucht, aber von vornherein eigentlich vollkommen ist. Gesagt wird, dass eine Weltanschauung sich ändert – und doch ist die Hauptperson am Anfang so gleich, wie am Ende. Über Charakterentwicklung wird nur geredet, schön geredet, aber sie findet eigetnlich nicht statt. Und hier merkt man als Coelho-Dauerleser erst, dass es in jedem Roman von ihm bis jetzt so war. Nur hatte man in allen anderen Büchern die unmittelbare Perspektive, besseren Zugang zur inneren Gefühlswelt der Person. Und sah neben dem göttlichen Kern, dem jeden Zuteil ist und der sich nicht ändert, neben dem Mächtigen, auch ein verlorenes Kind, das in die weite Wüste sieht und voll Unsicherheit frägt: Was soll ich tun? Wer bin ich? In „Handbuch des Kriegers des Lichts” schafft er es gar teilweise, den Leser und dieses Kind zu vereinen, ohne unsere Situation trivialisiert wird – ohne Vorbehalt können wir in ihn hineinschlüpfen, und uns dadurch selbst erkennen, uns es ist, als ob man diese Geschichte nur über uns geschrieben hätte. Diese suchende, unsichere Dimension des Menschen, macht diese Romane so liebenswert, so ansprechend. Und gerade dieser Bezug fehlt hier etwas, auch wenn er noch so deutlich angesprochen wird, fehlt, wie Athena selbst. Daran kann auch eine perfekte Umsetzung einer aufregenden Idee leider nichts ändern. Irgendwie brauchen wir unsere Helden noch, diese romantisch hochstilisierten Halbgötter. Aber wir wollen auch sehen, wer sie wirklich sind.

Photographic material copyright by Paolo Coelho.

Used with permission according to creative commons licensing conditions (read more here).

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