Schwedische Gardinen: Höghus

von Matthew

Neuer schwedischer Stadtkern“In Schweden hat man keine Bombenteppiche benötigt, um seine schöne Hauptstadt zu zerstören, nein. Das hat man auch so geschafft, verfluchte ‘Modernisten’!” knurrte er, die Fünfzigerjahrebauten betrachtend, die ihrerzeit große Teile des historischen Kerns ersetzt hatten. Teile seines Gehirns hatten mittlerweile den Versuch unternommen, sich nach ihrem ausgiebigen Feierabend zurückzumelden, es wollte ihnen aber anscheinend nicht richtig gelingen. Abgesehen von der einen oder anderen gehässigen Bemerkung über die Umgebung interessierte sich Anderssons glasiger Blick nur noch für seinen Handrücken. Der Volvo fuhr weiter, vorbei am Rosentag, dem Außenministerium, der Oper, direkt zum kleinen Pressezentrum der Polizei von Stockholms Lön.

Auf einer der unzähligen kleinen Schäreninseln der schwedischen Ostküste kreisten die Möwen über den kargen Strand aus Steinen. Und wie die Natur die Dinge haben will, segelte ein kleines, weißes Geschenk des Himmels von einer herab. Auf eine Hand, die auf dem Rand eines kleinen Motorboots ruhte. “Merde,” sagte der Besitzer der Hand, und lud die letzte Kiste mit der Aufschrift [ +sj s ] auf die vorgesehene Lagerfläche. “Merde alors!”

Bis Slussen hatte er noch Hoffnung gehabt. Als er aber die undefinierbar weiß-gelbe Flüssigkeit am Mundwinkel bemerkte und der unverwechselbar scharfe Geruch von Magensäure sich dem bereits überwältigenden olfaktorischen Cocktail hinzufügte, sackte er innerlich in sich zusammen. Diese Fähigkeit, den einzigen Hundehaufen auf dem gesamten Parkplatz zu treffen… Rinnthanen hatte sich während seiner Zeit mit Andersson schon an einiges gewöhnt. Hin und wieder aber, trotz aller Bemühungen, konnte er nicht anders als unglaubend über den Widerspruch, der diese Person war, staunen. Nicht zu glauben dass dieser Mann mal führender Inspektor bei der Rikskriminalpolisen gewesen sein soll. Angeblich hatte er sogar Verbindungen zum nationalen Nachrichtendienst Säkerhetspolisen gehabt, wobei Andersson alle Anfragen diesbezüglich grundsätzlich nur mit einem abweisenden Zähnefletschen beantwortete. Aber sonst wären sie wohl kaum hier, inmitten der aufgeregten Kamerablitze und dem eifrigen Gemurmel der Journalisten. Erik Rinnthanen, in makellose gebügelter, strahlender Uniform – und Gunnar Andersson. Auch in Rinnthanens Uniform. Der Zweituniform, versteht sich. Viel zu eng für Andersson, versteht sich. Zumindest war es eine Gnade, dass die Fernsehtechnik noch nicht so weit gereift war, um Gerüche zu übertragen.

“Meine Damen und Herren,” begann die sonore Stimme der Stockholmer Polizeisprecherin, und pausierte, um Stille in die vor der kleinen Bühne versammelten Journalistenmeute einkehren zu lassen. “Am gestrigen Nachmittag wurde gegen vierzehn Uhr auf der Schäre Uto, Gemeinde Haninge die Leiche von Staffan Hagtorp tot aufgefunden.” Falls jemand ihre kleine Supramortisierung des Toten wahrgenommen hatte, liessen sie sich zumindest nichts anmerken. Andersson rülpste leise.

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