Schwedische Gardinen: Revolution

von Mario

Eine Affenkälte. Und der Fahrtwind, fröstelnd betrachtet Rinnthanen seine Finger. Zwischen tiefrot und hellblau schwankend gibt ihre Farbe einen scheußlichen Kontrast zum Hellbraun des Lenkrades. Resigniert lässt er die Fenster wieder hochfahren. Sofort ergreift der dicke, träge Alkoholgeruch den Anderson mit jedem Atemzug dampfend in den Innenraum seines Autos entlässt wieder Besitz von Rinnthanens Geruchssinn. Ihn ekelt. Seit 20 Minuten fahren sie nun, drei Mal hat er die Fenster geöffnet, resigniert und halb erfroren wieder geschlossen. Immer in der vagen Hoffnung diesen Gestank endgültig los zu sein. Ein Blick zu Anderson, der kauert in Embryonalstellung auf seinem Beifahrersitz und leidet. Blutunterlaufene Augen öffnen sich, starren Rinnthanen verzweifelt an, fokussieren auf die vorbeihastende Landschaft hinter ihm, trudeln, torkeln und schließen sich stöhnend wieder. Soll Rinnthanen etwa Mitleid haben? “Soll ich etwa Mitleid mit dir haben, Kamrat?” Seufzend dreht Anderson sich weg.

***

“Das Dossier – du hast es nicht gelesen oder?” Langsam beginnt die Schwärze sich zu drehen, wickelt sein Gehirn langsam, geduldig und Schlaufe für Schlaufe ab und seinen Kopf darin ein. “Ist eigentlich dein Job.” Es ist weich und schwammig und irgendwie könnte es schön sein. Wären da nicht das Drängen seines Magens sich nach außen zu stülpen und die irren norwegischen Death Metal Schlagzeuger die ihre schweißnassen Haare rythmisch schüttelnd Schlagzeugsolo auf Schlagzeugsolo in die dröhnende Leere von Andersons Schädel jagen. “Hörst du mich? Kamrat? Kamrat?!” Stöhnen. “Du müsstest referieren können, dass der Tote ein höherer Beamter ist…” Und Rinnthanen. “Dass er in der Fersehverwaltung gearbeitet hat.” Ach Rinnthanen, armer korrekter Rinnthanen, siehst du nicht wie ich leide? Ein reuiger Sünder, der auf dem Beifahrersitz deines Mitteloberschichts Skodas kauernd, still um Gnade fleht. “36 Jahre alt. Ein Aufsteiger.” Wie die ausgemergelten Gestalten auf katholisch, mittelalterlichen Gemälden auf die Reformation hofft, die ihn vor Übelkeit und Fegefeuer bewahrt!? “Die Familie ist informiert.” Die Reformation, nein, die Revolution! muss in den Köpfen passieren. In Andersons Kopf zuerst, bitte.

Rinnthanen und Anderson

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