BILDliches Wissen

von Christoph

Ich weiß, dass Prinz Harry eine fast-Ehefrau hat, ich weiß, dass einer von BroSis kürzlich einen Millionenbetrag geerbt hat. Ich weiß, dass Paris Hilton und Britney Spears sich letztens gestritten haben. Und das, obwohl ich bild.de nur über den Umweg bildblog.de kenne. Dennoch: Fast jeder hat solches Wissen: Bunte, Stern und BILD-Wissen . Ist bei “Wer wird Millionär” hilfreich, führt sonst aber auch zu besorgten Nachfragen. Manchmal ist es mir peinlich, so etwas zu wissen – genau so wie es mal in der Schule irgendwann eine Zeit gab, wo man manchmal befürchtete, als Streber abqualifiziert zu werden, nur weil man zufälligerweise mal was gelernt hatte oder einfach Bescheid wusste.
Es gibt Leute, die können problemlos die Platzierungen während des Grand Prix Eurovision Song Contest von 1986 aufzählen. Und werden doch manchmal schräg angesehen. Nun könnte man hier im Stile von “Neon” eine Sammlung peinlichen Wissens aufmachen, damit anfangen, um Einsendungen zu bitten und unter allen selbigen eine Modestrecke zu verlosen. Oder so ähnlich. Aber darum geht es nicht.
Die meisten betrachten Bildung als den Schlüssel zum Erfolg, als Mittel zur persönlichen Bereicherung. Unser Staat leistet sich unzählige Bildungsinstitute, Schulen, Hochschulen. Wer einen akademischen Titel trägt, gilt als intelligent und ist zumindest meist gebildet. Aber doch, es gibt eine Art Wissen, die nicht dem Bildungsideal entspricht, nirgends gelehrt wird und doch – sehr selten – reich machen kann: Günther Jauch fragt dann nach dem Jahr, in dem Stefan Raab beim Grand Prix dabei war und sinnentleert nach “Wadde hadde du denn da?” gesucht hat. Die gesellschaftlich nicht als Zeichen von Belesenheit gewertet wird, sondern als Ausdruck einfachen Denkens. Aber ist es vielleicht nicht gerade das, was – zwischen Kant’schen Theorien über die selbstverschuldete Unmündigkeit und Mozarts Symphonien – das Wissen menschlich macht? Das einem auch mal Raum für das zwischendrin gibt? Wenn man den Rest einfach nach einem langen Tag nicht mehr hören kann? Wenn man abends sich hinsetzt, den Kopf leer vom problematisieren, dekonstruieren, symbolisieren und dabei das große Ganze aus den Augen verliert. Manches Wissen wird sofort mit überlegenem Intellekt verbunden, wer die Köchelverzeichnisnummern aller Mozart’schen Werke aufzählen kann wird sicher nicht belächelt werden. Wer dagegen Dieter Bohlens Nummer-Eins-Hits mit zugehörigen Daten aufzählen kann, der darf sich des Spotts seiner Mitmenschen fast sicher sein.

Das eine ist sicherlich – absolut betrachtet – keine größere geistige Leistung als das andere, aber der von der Gesellschaft aufgestellte Wertekanon stellt das eine deutlich über das andere. Wir glauben aufgrund langer Geschichte von universitärer Bildung an ein klassisches Bildungsideal, was sich in dem Magister Artium, dem “Meister der (sieben) Künste” immer noch wiederspiegelt. Die Wurzeln dieses Bildungsideals liegen im Mittelalter – einer Zeit, die wir in der sonstigen Betrachtung als ziemlich rückständig empfinden. Ob diese Betrachtung richtig ist, das darf dahingestellt bleiben, nichts desto trotz wäre es vielleicht an der Zeit, sich dem Thema offener zuzuwenden. Ein Ansatz, der wieder zur eben erwähnten Gesellschaft führt.
Doch nicht alles ist auf diese allgegenwärtige Gesellschaft abzuschieben. Es liegt auch an uns, was wir für wichtiges Wissen und für unwichtiges Wissen halten. Dabei sollte man sich trotz aller Tradition und allen “Universitas”-Gedanken auch mal mit etwas “anderem” Wissen beschäftigen dürfen.

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Ein Kommentar.


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