Leben, Laster, und Leidenschaft

von Matthew

Zeitgenössische Beobachtungen mit dem zwinkerndem Auge ;)

(F�r grassierenden Ethnozentrimus wird im Voraus um Entschuldigung gebeten)

Folge 1: Anglizismen Und Mobile Kommunikation

“First Kless passengers will be s�aft et se Sitz tu, wie wiss ju a blessant dsch / leises Rascheln und Murmeln / ach scheisse … dsch- guhd buy!”

Willkommen im angehenden 21sten Jahrhundet. Eine Wunder-volle, aufregende und rundum angenehme Zeit zu leben, wenn auch auf sehr andere Weise als man vielleicht vermuten w�rde. Besucher aus anderen Epochen werden zweifellos einige Merkmale von menschlicher Kultur wiedererkennen – Steuern, unausstehliche Mitmenschen und Warteschlangen – aber was wohl keiner h�tte vorraussagen k�nnen ist das explosionsartige Wachstum von Wichtigkeit und wie es unser Leben ver�ndert hat. Schon seit einiger Zeit wissen unsere Wissenschaftler �ber das Ph�nomen der “Pers�nlichen Wichtigkeit”, eine �therische Substanz die sich von abgestorbenen Gedanken und heuchlerischen Komplimenten ern�hrt, bescheid. Auch das kaum Verfallsprozesse eintreten und deshalb unvorstellbar ENORME Mengen and Wichtigkeit sich hinter den zerrbrechlichen Webf�den unserer Realit�t aufstauen wurde lange billigend in Kauf genommen. Erst heute werden aber die holistischen Auswirkungen deutlich, und sie sind wahrhaft erschrecken: Jeder Mensch ist in dieser Zeit mittlerweile so wichtig, dass das gesamte Universum ohne ihn in sich selbst zusammenbrechen w�rde.
Pers�nliche Wichtigkeit ist bekanntlich immer darauf bedarft (die allgegenw�rtige Reproduktionsmaxime gilt auch f�r abstrakte Gegenst�nde), noch mehr Wichtigkeit zu produzieren, und bedarf daf�r, auch das d�rfte allen bekannt sein, drei Vorbedingungen: Die M�glichkeit anderen zu sagen wie Toll man ist (aktiv), die M�glichkeit das einem gesagt wird, das man Toll ist (passiv), und die M�glichkeit das dieser Austausch von weiteren Personen bemerkt wird (die sich dann fragen d�rfen, was dieser Mensch denn vor uns�glicher Zeit so ausserordentlich Toll-es gemacht hat, dass er sich seitdem verpflichte f�hlt, sein ganzes Leben im Dienste der Menschheit zu opfern, um dar�ber zu berichten (kumulativ)). “Toll” bedeutet “Tachyonic Oscillation of Life and Libido”, den ultimativen Seinszustand den es anderen selbstlos n�her zu bringen gilt, und dieser wirkt umso befriedigender, je mehr das soziale Umfeld daran teilhaben kann, ja kann sich wie beschrieben erst durch dieses Umfeld �berhaupt entfalten und vermehren (ich sehe schon, unsere Besucher aus der Zukunft w�rden hier gern auf Egosaturationspunkte und die kritische Masse der �berheblichkeit hinweisen, aber wir m�chten Sie h�flichst darum bitten dies nicht zu tun – wir wollen doch nicht den temporal Benachteiligten vorschnell das Ende verraten ;) .

Doch das soll nur die Bahnhofsansage auf der Reise durch unsere Zeit sein. Ganz praktisch gesehen bedeutet das alles, das im 21. Jahrhundert der zunehmde Bedarf besteht, m�glichst oft m�glichst vielen Menschen sein Toll-sein n�herzubringen. Hier st��t der nat�rliche Mensch nat�rlich bald an seine nat�rliche Grenzen, nat�rlich. Vor allem zwei Probleme gibt es hier zu bew�ltigen. Zum einen das (zwischen Babel und Babelfisch) allgegenw�rtige Problem des Sprachverst�ndnisses, zum zweiten das technische Problem, wie man denn jederzeit mit jemanden kommunizieren soll der so weit entfernt ist das er nicht wissen kann, wie �beraus Toll man ist (nichts �ber die grazile Gehweise, die Sch�nheit der Figur, und die farbenfrohe Vielfalt der �-Ei-Sammlung), und es vermutlich auch nicht wissen will (tiefste �berzeugung bedarf ersteinmal Nachdruck).

Ersteres lies sich auf verbl�ffend einfache Art und Weise l�sen: man besinnt sich auf den kleinsten linguistischen Nenner. Soll heissen, eine Sprache sprechen die in Grundz�gen einfach zu lernen ist, mit der man viele fremdsprachlich unbedarfte Personen erreicht die sonst f�r Toll-e Geschichten unzug�nglich w�ren, und die einige ihrer Nutzer f�r Prahlereien bereits bestens ausgebaut haben. Also Englisch. (Neben der etwas frechen soziokulturellen Referenz – in diesem Fall liegt sowohl semantisch als auch syntaktisch eine tief in der Sprache verwurzelte Ich-bezogenheit vor). Das bei der durchaus begeisterten und �berschwenglichen Anwendung durch Nichtmuttersprachler auch etliche Fehler vorkommen, bleibt ohne Belang, denn schliesslich ist die Personal Importance (PI), wie wir sie jetzt nennen werden, bei allen so astronomisch hoch, dass sie jenseits aller F�higkeit zur Fehlerbildung sind (siehe auch: Deutsche Bahn, deutsche Popstars). Im Zweifelsfall ist die Sprache falsch! I look very good out! I must it me once more overlay! I can say what I William, because I so important am! The what important is is my Pee! I mean PI! PI ist non plus ultra baby! Rechne doch mal einen Kreisumfang ohne PI aus, hmm? Und selbst DU hast eine PI-Nummer, wenn du am aktiven Finanzleben teilnimmst! Baby! Baby!! Baby!? H�rst du mich �berhaupt, Baby?!
Enter Mobile Telecommunication Technology! Sie l�st unser zweites Problem. Durch geschickte logistische Ausbauung vorhandener Radiotransmittertechnologie mit parzellierter �bertragungsaufsplittung �ber ein hexagonales Tesselationsmuster (so wie es in Taxiverb�nden seit Jahrzehnten gehandhabt wird) ausgehend von vernetzten, festinstallierten Bodensendemasten und bisweilen mit Einsatz von Satellitentechnik* (*in diesem Zeitalter k�nnen wir uns mit etwas Aufwand unvorstellbar weit in jede r�umliche Richtung bewegen. Nur nicht dorthin wo es uns bis jetzt immer am leichtesten “fiel”: nach unten. Da ist nach h�chstens 11 km schluss.) kann man mit einigen Leuten, mit Sicherheit aber mit allen Reicheren als man selbst, weltweit jederzeit Reden! Tolle Sache!

Sammlung Urbaner Kampfkeulen (Ende 20stes- Anfang 21stes Jhd.) aus dem Anthropologischen Museum Neu-Berlin
Sammlung Urbaner Kampfkeulen (Ende 20stes-Anfang 21stes Jhd.) aus dem Anthropologischen Museum Neu-Berlin
Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/d/d6/Mobile_phone_evolution.jpg

Diese Technik lie� sich hervorragend in die portablen Selbstverteidigungsger�te einbauen, die Ende des 20. Jahrhunderts sehr gefragt waren. In einer Welt, in der die traditionellen Orientierungsm�glichkeiten dekonstruiert worden waren und es an Bezugspunkten fehlte, ja gar die bestehende Ordnung an jeder Ecke vom Zusammensturz bedroht schien, war zumindest die Gewissheit, jemanden zumindest ordentlich Hauen zu k�nnen, f�r viele sehr befriedigend. Die obige Abbildung zeigt im linken Feld einige fr�he Exemplare dieser modernen Kampfkeulen, die bereits mit der neuen Kommunikationstechnik ausgestattet wurden. So konnten nicht nur neue Heldentaten im urbanen Dschungel vollbracht, sondern auch nahezu gleichzeitig in alle Welt weitererz�hlt werden. PI steigt! Wie die Graphik zeigt wurde aber schnell auf eine effizientere Kampftechnik umgestiegen: aktuelle Modelle sind viel kleiner, haben bunte Lichter um den spontan auftretenden Aggressor zu blenden, und geben in diesen Fall gr�ssliche T�ne von sich, die den Schurken kurzzeitig in einen schmerzerf�llten Bet�ubungszustand versetzen. Auf der r�ckw�rtigen Seite des Ger�ts befindet sich ein Apparat, der in dieser kurzen Zeit der Verwirrung in der Lage ist auf Wunsch die Seele des Kontrahenten zu stehlen. Danach dient das Ger�t als ballistisches Projektil, dass nicht unwahrscheinlich bei guter Handhabung vom Unmenschen eingeatmet wird. So erstickt dieser elegant an seiner eigenen Seele. Nach einem solchen Sieg ist es �blich, ausgelassen zu feiern, und sich beim n�chstgelegenen Schnellimbiss eine DOPPELTE Portion K�se zur Lieblingsspeise, “Totes-Tier-in-Semmel”, zu bestellen.

Wie nennt man nun so ein wunderbares Ger�t, das die Menschen aller Welt verbindet, die Kriminalit�tsrate drastisch senkt und die K�seproduktion am laufen h�lt? Selbstverst�ndlich ein Englisches Wort, aber welches? “Cellular” oder “Cell”, nach dem parzellierten Funknetz? “Mobile”, weil auch das organisierte Verbrechen daran gefallen funden hat? Volksgruppe D hat einen Sonderweg gew�hlt – sie nennen das Teil “Handy”. “Praktisch/N�tzlich/Handlich”. Nun, da fast jeder so ein “Praktisch” besitzt, und die meisten ohne ihr Praktisch niemals das Haus verlassen, hat sich der Begriff durchgesetzt, und darf nicht als Zeichen von Ignoranz gegen�ber den Unterschied zwischen Adjektiv und Namenwort aufgefasst werden; vielmehr ist es ein bewusster Versuch, Sprache zu dekonstruieren (und so bewusst kritisch herrschende Normen stets zu hinterfragen, im Sinne einer aufgekl�rten, kommunikativen Reflexion zum Wohle der Menschheit). Wirklich!
Dekonstuierte Sprache ist ein gute Stichwort, um sich ein weiteres Merkmal dieser neuen Technologie n�her anzusehen: Die elektronische Kurzmitteilung. Man dr�ckt so lange auf das Praktisch, bis der gew�nschte oder unerw�nschte Empf�nger eine sehr sehr kurze geschriebene Nachricht. Zu welchen linguistischen H�hen uns diese herausfordende Methode treibt werden wir sp�ter noch erfahren. Vorerst eckt eines an: der Name.

Sie nennen es “SMS-verschicken”. SMS steht f�r “Short Message Service”: Teeservice f�r Kurze Masseure. Bei aller Lieber zur Dekonstruktion und ihren Vorz�gen – sagen, dass man jedesmal ein ganzes Service verschickt, ist nun wirklich unangemessen. Volksgruppe D – das k�nnt ihr besser! Wie steht’s denn mit der langj�hrigen Tradition die ersten paar Buchstaben zu nehmen und daraus ein sch�nes neues Wort zu basteln! Elektronische Kurzmitteilung… das erg�be Ekumi, oder nur KuMi. Wird zwar anfangs vielleicht noch mit “Kuhmist” verwechselt – aber das wird doch der ganzen Sache schon eher gerecht! Meine Damen und Herren, wir verstehen uns als progressive Reiseleitung die einen unmittelbaren Bezug zu ihrer Materie hat, deswegen bitten wir um kurz um Ihre Geduld – wir verschicken nur kurz ne KuMi:
@VolkgruppeD lissnup foolz plz stop uzng T w0rd SMS uz KuMi insted kthxbi vg me xoxox2u

Und so kam es, dass die Menschen schneller miteinander kommunizierten als sie merken konnten, dass sie sich eigentlich nichts zu sagen hatten. N�chstes Mal im 21. Jahrhundert: Mobile Kommunikation und Menschliches Paarungsverhalten

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