Blockbildung nur im Stadion

von Flo

Mit Konfettiregen und der einsamen Freude 23 italienischer Spieler in einem plötzlich sehr frankophilen Berliner Olympiastadion endete am 9. Juli die Fußball-WM 2006 in Deutschland. Zuvor endeten bereits einige andere: Die des Zinédine Zidane wenige Minuten zuvor mit dem Gang in die Katakomben, die des Nationalteams der Elfenbeinküste bereits vor Wochen – und fünf Tage war es her, dass zwei Männer namens Grosso und del Piero das langsame Verebben der schwarz-rot-goldenen Straßenfeste und den geordneten Rückbau der deutschen Autobeflaggung veranlassten. Wann die und das ganze Fest in Nationalfarben begonnen hatten? Im Nachhinein nicht mehr so leicht zu eruieren. Und noch viel schwerer zu finden: Die Antwort auf die Frage was hier eigentlich passierte? Und die nach dem richtigen Betrachtergefühl dazu, zwischen Nationalismusferner Masseneuphorie und stillem Befremden.

Vielleicht war es der Ball, den Oliver Neuville am Abend des 14. Juni in das Dortmunder Tor der polnischen Mannschaft grätschte: Jener Ball war schon eine ganze Weile dorthin unterwegs, er tat dies in schnellen Kombinationen und überraschendem Tempo, je länger aber seine Reise dauerte, umso mehr sank vor dem Fernseher der Glaube, dass er seinen Weg finden würde – als er es schließlich tat… War es schwer umhinzukommen für jenen Moment ein wenig Teil dieser wild entschlossenen Mannschaft sein zu wollen, derer gar nicht so holpriger Pässe man sich ausnahmsweise einmal nicht schämen musste; im Gegenteil – Deutschland feierte sich und den Sieg, es musste einfach etwas über dem Kopf schwenken, euphoriehalber. Und so waren sie dann da, und flatterten im Wind: Aberdutzende schwarz-rot-goldene Flaggen über den Fanmeilen, und wahrscheinlich hunderttausende befestigt auf weißem Plastik, eingeklemmt in Autofenster.
Und wer sich selbst in diesen Tagen kritisch beobachtet hat, wird womöglich einen Wandel in der Wahrnehmung festgestellt haben: Ende Mai noch befremdete eine aus dem Fenster gehängte deutsche Flagge zutiefst; bereits vier Wochen später betrachtet man womöglich mit einem Male wohlwollend die feiernden Menschen in ihrem Fahnenmeer, und freut sich ob des Festes…

Nun ist ein beinahe reflexartig empfundenes Befremden nicht zwangsläufig ein nötiges oder förderliches – gleichwohl: Das vor der Fahne als Symbol des Nationalstaatlichen scheint berechtigt. Zu viel Blut hat diese Idee gekostet – die nämlich, dass die eigene Nation den – oder auch nur einer – anderen überlegen sei, oder von höherem Wert.
Deutschland ist in diesem Sinne nicht nur schmerzlicher- und manchmal nervenstrapazierenderweise gebranntes Kind, sondern gerade deswegen auch ein Vorreiter für ein neues Denken, dessen Gefährt dieses Befremden im Kern ist: Es hat die Gefährlichkeit des Nationalstaatsgedankens erfahren, und es geht bewusst vorsichtig mit seinen Symbolen, aber auch mit nationalen Verlangen wie dem nach internationalem Gewicht oder dem nach unbedingter Nutzenmaximierung für das eigene Volk (etwa bei den EU-Finanzen) um… Man mag das als Einschränkung sehen – oder als Errungenschaft. Als ersten bereitwilligen Schritt den nationalstaatlichen Egoismus aufzugeben, und sich in einem größeren Kontext zu betrachten. Den eigenen Club nicht für den besten zu halten, ist schließlich kein Mangel an Selbstbewusstsein, sondern ein Zugewinn an Toleranz.

Und obwohl dies alles richtig, und das verinnerlichte Wissen darüber vorhanden ist, grätschte Oliver Neuville einen Ball in das Dortmunder Tor der polnischen Nationalmannschaft, und es begannen rauschende Feste auf Deutschlands Prachtstraßen, in denen Meere aus Fahnen zu sehen waren, und begeisterte Menschen den Namen ihres Landes skandierten – nebst “Humba tätärää” und “Wir fahren nach Berlin”. Und in all dem Fahnengeschwenke raunten dem kritischen Beobachter nun zwei Stimmen ins Ohr; hier die klugen Mahner “I can’t relax in Deutschland“s, dort die Frau Bundeskanzlerin, die sich über einen “unverkrampften Patriotismus” freute.

Am 30. Juni 2006 hielt der Torwart Jens Lehmann einen Elfmeter des Mittelfeldspielers Esteban Cambiasso – und ich erinnere mich vage, dass wir aufschrien, einander um den Hals fielen und in größeren Gruppen ekstatisch auf Polstermöbeln umhersprangen. Vielleicht gröhlten wir auch einmal “Deutschland, Deutschland” – ich kann mich nicht mehr ganz genau entsinnen…

Was also ist passiert? Haben die Deutschen ihr kritisches Denken verloren, muss man auf der Hut sein vor einem neuen Nationalstolz, als persönlichem Brustschweller und Bremsklotz im europäischen Einigungsprozess? Oder ging es gar nicht um das Land an sich, dessen Symbol die geschwenkte Fahne doch war?

Was die Menschen tatsächlich so euphorisierte, in den Tagen der WM, war wohl nicht der Glaube an die Überlegenheit ihrer Nation, sondern das Erleben des Gemeinsamen. Alle in diesem kleinen Münchner Raum, der sich in ein Tollhaus verwandelte, und alle später auf der Prachtstraße ganz in der Nähe hatten das gleiche zu feiern, das gleiche Ziel, die gleiche Freude. Man konnte über die Straße gehen, und mit einer gewissen Sicherheit vermuten, dass die Menschen dort das gleiche Spiel gesehen hatten, und dass sie ein paar Tage später wieder das selbe tun werden: Gespannt im Kreise ihrer Freunde oder Bekannten vor dem Fernseher oder einer Leinwand stehen und stumm oder laut den Ball auf die eine Seite des Platzes wünschen. Ungeachtet ihrer politischen Präferenzen, ihrer Hobbies oder ihres Lieblingsvereines: Nur der Gedanke: Dieser Ball in dieses Tor. Keine Religion, kein Glaube an die eigene Übermacht, keine Verachtung für die anderen: nur das eigene, leicht ungläubige Hoffen, nun, als ein Bewerber unter vielen, nach Berlin fahren, und eine unglaubliche Nacht vor dem Fernseher und auf der Straße verbringen zu dürfen. Wie oft ist so etwas zu erleben?

Ein Fest aber wäre kein Fest, behielte man all die quälenden Konventionen und Fragen des Alltags im Hinterkopf. Kein gefährlicher Schritt, solange man das Denken vorher erledigt: Geht man tanzen, so denkt man auch nicht den ganzen Abend über sein Outfit, man tut es vorher. Und täte man es doch, so wäre es mit Sicherheit keine gute Feier. Ich habe keine Fahne geschwenkt und auch keine gekauft, aber ich musste es auch niemandem verübeln der dies tat, und sich sein Handeln vorher durchdachte: Es war das nicht ein Symbol für Heimatduseligkeit, sondern, hoffentlich, Ausdruck der Freude und ein Symbol für das Miteinander. Es war die richtige Unverkrampftheit, um ein Fest ein Fest sein zu lassen: In Mannschaftsfarben herumzulaufen. Und es wäre widersinnig gewesen, die Farbe dieser gemeinsamen Mannschaft von den Straßen zu verbannen; es hätte dem Symbol zuviel seiner überholten, und hoffentlich weiter schwindenden Bedeutung zugemessen.

Die Farbe schwarz-rot-gold war in diesen Tagen wirklich nur die Farbe einer Fußballmannschaft, und die ihrer Fans. Die damit den richtigen Grad an (der ebenfalls oft herbeigerufenen) “Normalisierung” getroffen haben: Sie haben die Fahne ihres Landes genommen, und sie zum Symbol für einen sehr offenen Zusammenschluss gemacht: Den der Sympathisanten einer Fußballmannschaft unter vielen. Und dabei vor der Nationalliebe der Franzosen oder Italiener weitgehend Halt gemacht.

Keine Angst vor der Fahne also – denn warum sollte man ein Vereinswappen fürchten, solange es als solches gebraucht wird? Wahrscheinlich war die Fahne nie so weit von irgendeinem nationalistischen Anspruch entfernt, wie in dem Moment, da sie 500.000 Feiernde auf der Berliner Fanmeile schwenkten. Auch die Angst verlieh dem Bild der Fahne bisher besondere Bedeutung; etwas besseres aber als die Herabstufung als die Farben eines Teams unter vielen anderen, gleichwertigen und unterstützenswerten Teams: Etwas besseres konnte ihr nicht passieren.
Auch wenn diese Herabsetzung nun scheinbar die Konvention bricht, die bisher beruhigender Ausdruck der deutschen Nationalismusferne war, so ist doch festzustellen: Bewahren muss man das freie, immer wieder neu begreifende Denken, nicht die Konvention. Der richtige Gedanke ist, die Teams wechseln zu können, – heute die deutsche Nationalmannschaft, morgen die globale, unorganisierte Gemeinschaft der Theaterliebhaber, Naturschützer oder Biertrinker -, und nicht in Klassendenken zu verfallen, die Nation kritisch zu betrachten und Menschen als Menschen zu verstehen, ungeachtet ihrer Fahne oder ihres Trikots. Die Konvention aber, ein Stück Stoff zu überhöhen und es zu verehren oder in den Schrank zu sperren, eine, die dem Nationalismusgedanken tief innewohnt, die kann nun getrost fallen gelassen werden. Das beweisen zwei Dinge, die verdeutlichen wie beruhigend weit dieses Land tatsächlich noch von einem Merkelschen Patriotismus entfernt ist; dass es tatsächlich nur um Fußball ging, um einen “Verein” von vielen denkbaren, nicht um das Stützen einer “Heimat”, dass doch Menschen und Kulturen anderer Heimaten ausschließen müsste:

Zum einen der Pragmatismus der Deutschen, die Fähnchen nach Ende des Turnieres bald aus den Fenstern zu klemmen, alleine schon, um endlich wieder ohne Umbauten schneller als 60 fahren zu können. – Und zum anderen: Die Reaktion der Mitglieder der anderen, in Bezug auf deutsche Befindlichkeiten sicher nicht unkritischen Teams: Denen die unverkrampft unpatriotischen Deutschen so viel geheurer sind, als die verkniffenen Allemannen, die misstrauisch um die Fahne schlichen.

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