Reality?

von Matthew

An der Tramstation saßen neben mir zwei Jungs, sie können nicht viel älter als elf oder zwölf gewesen sein.
“Hey du, wenn du in ner halben Stunde daheim bist, reden wir dann über ICQ oder Trillian halt? aber ohne Gina und so, nur wir beide.”
“Nee du mann ich bin dann offline -”
“Ey mann alter!”
“- nee du ich will surfen ohne mit den andern zu chatten, also bin ich im ICQ offline, kannst ja auch machen, können ja trotzdem reden -”
“Du meinst invisible?”
Und als ich den wunderschönen Samstagmorgen betrachtete, sprudelnd vor Energie und Möglichkeiten die es wahrzunehmen galt, dachte ich mir: Was ist denn passiert? Ich bin nun wirklich nicht soviel älter, dass ich mich nicht an diese unübertreffliche Zeit der Jugend erinnern könnte, obwohl der Rückblick natürlich gefärbt ist und auch ich mich mit dem Internet auskenne, aber damals… schien mir die Welt so groß, so viel zu entdecken, so viel, dass ich nicht wusste, dass mir gar nicht in den Sinn gekommen wäre an so einem Tag meine Zeit auf diese Weise zu vergeuden. Diese Zwei, kaum ihre frühe Kindheit hinter sich, verschwendeten anscheinend jetzt schon lieber ihr Leben in einer starren, glanzlosen virtuellen Welt anstatt sich mit der wirklichen auseinanderzusetzen! Es machte mich etwas stutzig, und ich merkte dass meine Hände zitterten.

Nachdem ich also mein Pepsi ausgetrunken hatte, griff ich in meine Tasche nach meinem Frühstücksschnapps. Nach vier, fünf Schlückchen horchte ich nochmal auf, und merkte dass meine beiden kleinen Nachbarn immer noch über ihren virtuellen Unsinn diskutierten. Ich rülpste laut. Ihr Gerede hörte schlagartig auf, sie wirkten erschreckt, verstört. Ich lachte. Ihre Tram kam und ging, und ich rülpste ihnen nach. Das tat gut! Meine Hände zitterten aber immer noch. Als die Flasche halb leer war, hörte auch das auf. Und dann kam endlich mein Freund Graogrim. Das stetige, langsame auf und ab seiner Flügel irritiert mich zwar immer noch etwas, dafür habe ich mich an seine lila Fresse mittlerweile ganz gut gewöhnt.
“Hey, alter Sack du, ich muss dir von diesen – Kindern von heute erzählen, wissen einen Tag wie heute gar nicht zu… äh … schätzen, genau, die in ihrer verfluchten scheißphantasiewelt…”
Ich erzählte. Und Graogrim nickte.

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