Taschensuche

von Christoph

Ich hole überraschend meinen Anorak aus dem Schrank. Nachdem das Wetter den Sommer zur Pause gezwungen hat, hoffen wir alle wieder auf ein kurzfristiges sun is shining, und dass überhaupt alles wieder besser wird.
Voll Vorfreude auf das, was mir da gleich aus dem Schrank entgegenkommen mag gehe ich beschwingten Schrittes die Türe öffen, wartend auf den Tascheninhalt des Regenschutzes:

Taschentücher, Flyer, Batterien, Telefonnummern, Kontoauszüge, lange Haare (nicht meine), Stofffetzen, Plastikknöpfe (vom MP3-Player), Kleingeld, Tesa, zerlegte Stifte, Minen, dunkle Tintenflecken, Eintrittskarten, Büroklammern, Schlüsseln, Kinogutscheine, Bierdeckel. Sponsoringgeschenke. Ein Tagebuch, nur mit dem Unterschied, dass mein Gedächtnis sich weigert, zu manchen Gegenständen die passende Verbindung herzustellen. Gewissermaßen ein Tagebuch in Bildern. Aber bisweilen nicht mein eigenes.
Bei so manchem Gegenstand überläuft ein rätselhaftes Woher? mein Gemüt, manch anderes corpus delicti dagegen ruft ein angenehmes Beigefühl hervor. So mancher Wiederankömmling erinnert an Negatives, Verdrängt-vergessenes. Zu fast jedem der wieder gefundenen, aufgetauchten, entdeckten Dinge entfährt ein – mehr oder weniger passender – Kommentar: von „Ja, wo kommst du denn her?“ (Tesa) bis „Ja, dich hatte ich schon lang vermisst“ (Kleingeld) ist alles vertreten. Des Finders liebste Begegnung ist allerdings mit einem – aufgrund seiner naturgegebenen Form ist diese eher selten – Schlüssel. Dessen verwendungszweckgemäße sägeblattähnliche Breitseite hinterlässt in diversen Taschen Spuren seiner Fluchtwege. Meistens sind das Ziel dieser Eskapaden Gegenden, die vom Besitzer des Kleidungsstückes nur mit schwerem Gerät oder brachialer Gewalt eröffnet werden können. Umso größer ist die Wiedersehensfreude, wenn sich der Schlüssel seinen Weg zurück in die Tasche gebahnt hat. Oder vom Besitzer durch gewisse Knettechniken dorthin zurückverfrachtet worden ist, eine Tätigkeit, bei der man sich bisweilen leicht grenzdebil vorkommt.
Auch des Finders liebster Freund sind – je nach aktuellem Kontostand – kleinere und (vorzugsweise) größere Geldscheine. Diese tauchen bisweilen – mit Telefonnummern, Abrechnungen oder banalen Zeichnungen verziert – wieder aus den abgelegtesten, vergessensten oder übersehensten Kleidungsstücken hervor und versetzen den wieder entdeckenden Eigentümer in mehr oder minder große Freundentaumel. Selten mit Vorsatz dort abgelegt, meist nach irgendeiner langen Nacht einfach vergessen. Sehr zur späteren Freude, jedenfalls.

Also dann, bis nächstes Frühjahr. Auf eine ergiebige Jackentascheninhaltsjagd.

Metadaten:

Ein Kommentar.


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