To watch a band go.

von Flo

Ein Samstagabend im frühen Sommer, 18 Uhr, die Sonne steht hoch, aber bereits ein wenig milde über dem weiten Asphaltfeld einer ehemaligen Kaserne. Vor einem etwas provisorischen Einlass stehen schwarz gekleidete Securitymitarbeiter; sitzen Jugendliche in einen nicht zu arbeitsamen Abend und verteilen Festivalbänder an Neuankömmlinge. Aus der Halle dringt dumpf Musik; die Band Astra Kid verabschiedet sich an diesem 17. Juni 2006 aus ihrem metaphorischen Leben.

Der Weg bis zum Halleneingang – 150 Meter welliger, oft geflickter Teer – ist keiner durch Gedränge; man sitzt hier und dort, unterhält sich, und sieht der Nebenbühnenband beim Aufbau zu. Und so recht will sich das Bild vor der Hauptbühne, auf der Astra Kid – vier Monate nach ihrem offiziell letzten Konzert – unter dem Pseudonym “astrocats” ein allerletztes Mal zu Gange sind auch nicht ändern: Kein Gedränge, man steht hier und dort, unterhält sich, und sieht der Hauptbühnenband sozusagen beim Abbau zu: Ein letztes Konzert. Und, ja, ein kleiner “Mosh Pit” aus örtlichen Gymnasiasten vor der Bühne. Die Band spielt “Monokultur” aus ihrem letzten Album, bei dem einen immer ein wenig das Gefühl beschlich, die Worte des mitsingtauglichen Refrains ergäben sich aus dem Willen etwas mitsingbares zu schreiben, und nicht länger der mitsingtaugliche Refrain sich aus dem Aufschreiben der richtigen Worte. Und dann sticheln sie ein wenig auf der Bühne, und ein wenig Publikum johlt, und es ist nicht ganz klar, ob es dort oben nur ein Gag ist, zum Auflösungskonzert, oder nicht doch Ernst.

Tomtes Thees Uhlmann war mehrere Jahre Deutschlands Lieblingsindieautor, unter anderem, weil er sich so unverhohlen an “Konzerte erinnert, die schon lange zu Ende sind”, in Songs, Booklets und Tourtagebüchern. Das wurde eine Mode, und stilprägend für Festivalbegleithefte und Rezensionen; der zitierte Song als die Beschreibung des Augenblicks, und umgekehrt, und all das als etwas persönliches, aber in Chiffren für alle verständliches… Schreibt man einen Artikel über Astra Kids letzten Auftritt, so tut man wahrscheinlich gut daran, es einmal gleich zu tun. – Man könnte da denken an den Sommer 2003, als die Band auf dem gleichen Festival spielte, damals in einem Festzelt; und kurz vor dem Beginn des Auftrittes ein Platzregen einsetzte, das Wasser in dicken Vorhängen die Eingänge herunterrann – das war damals in unserer Kollegstufenzeit, und Astra Kids Abiturientenindie traf mitten in unsere Herzen. Könnte man sagen. Wir lernten singen: “Das Leben kann doch gar nicht schöner sein/Entgeltloses Arbeiten und auch kein Führerschein”. Und sprangen begeistert zu “Es ist” und “Heute ist ein schlimmer Tag”; all die Songs vom “Planet der Affen”-Album: Melodiöse, knarzige Gitarren, nicht gerade hochtrabende aber authentische Texte über das Kleinstadtgymnasiastenleben, und eben der stets mitsingbare, ernste Empfindungen relativierende und greifbar machende Refrain.

Dann ein Tag im gleichen Sommer, ein Tag vor dem ersten Interrailurlaub, die Band spielte im Münchner Orangehouse. Bei ungefähr 40 Grad Raumtemperatur und vor 20 Zuschauern, vier davon meine Freunde, und als das Intro von “Heute ist ein schlimmer Tag” Gitarre und Bass in der Melodie zusammenwob, bekam ich an der Bar stehend ein kleines euphorisiertes Hüpfen zwischen Halsansatz und Magen, das den Restkörper zur gleichen Bewegung zwingen will und sonst in dieser Form nur durch britische Rockmusik ausgelöst wurde. Es folgte ein Auftritt als Vorgruppe der Stereophonics in der Elserhalle, bei dem ich nicht nachvollziehen konnte, wieso man auf all die fantastischen Melodien verzichtete, und stattdessen das stereophonische Publikum mit den härteren Brettern des Nachfolgeralbum “Müde, ratlos, ungekämmt” vor den Kopf stieß – vielleicht, weil in diesen neuen Songs die Abiturientenlyrics einer weniger angreifbaren, studentischen “Ikea-Küchen-Zeilen”-Prosa gewichen war. Schließlich noch ein Auftritt im November des gleichen Jahres, zwei Tage vor meiner Musterung, der ich bereits gebührend entgegenlitt, wiederum im Orangehouse, diesmal besser besucht, und als Sänger Pele fragte, wer aus dem Publikum aus meinem Heimatort sei, johlte der halbe Saal; im wesentlichen die gleiche Hälfte die später als Zugabenforderung “ob Star, obskur oder unbekannt” (das “Entgeldlose Arbeiten”…) laut intonierte, und der Band ein, glaube ich, ehrliches Lachen abrang. Gleichwohl es nicht schwer war, die Band damals zum Lachen zu bringen.

Danach lassen die Erinnerungen an Strahlkraft nach. Vielleicht lebte man sich einfach auseinander, ließen die vergehenden Schulzeiten die Begeisterung für den “Planet der Affen” verblassen, und waren die Vorstellungen von studentischem Leben unterschiedlich; vielleicht war das Pulver der Band an Melodie und authentischen Texten auch tatsächlich verschossen, oder es kriselte so merklich unter den Mitgliedern, dass die Auftritte litten. Eine Menge an Einflüssen wirken in einem Konzert auf Band und Zuschauer, wer vermag schon die richtigen herauszufiltern.

Nun steht die Band jedenfalls ein letztes Mal auf der Bühne; und die verbalen Bälle die sie einander zuspielen sind hart, “Striche in der Landschaft”, wie man angesichts des im Hintergrund auf Leinwand laufenden WM-Spieles Ghana – Tschechien geneigt ist zu sagen, und die Ansagen ein wenig unfokussiert und schlecht gelaunt. Sie spielen ein “Rhythmuskäfer” in einer Mando Diao’schen Fassung, ein Klingen Bringen, dass ob seiner Irrelevanz ein wenig schmerzt, und nur in den Zwischentönen trifft – “wortlose Blicke, blicklose Worte” -, schließlich “Heute ist ein Schlimmer Tag” in soangekündigter Noise-Rock-Variation, die den Song der Melodie beraubt, die mich vor 3 Jahren euphorisiert hat, und, immerhin, in “Außer Kontrolle” und “Morgen sagen wir” einen würdigen, programmatischen, aber auch aufatmenden Abschluss.

Die ca. 80 Gymnasiasten vor der Bühne, zwei, drei Generationen nach meiner Zeit, sind soweit ersichtlich ganz zufrieden und springen und lachen; und auch der schwindende Enthusiasmus der Band, die kund tut, nur der Veranstalter wegen noch einmal hier zu spielen, und sich der Unhöflichkeit gewahrwerdend, in einem beißend sarkastischen Unterton hinzufügt, es gehe natürlich auch um das fantastische Publikum, bleibt unbeachtet.

Schließlich endet das Konzert wie wohl alle Astra Kid-Konzerte der jüngeren Geschichte endeten: Der Telecasterwurf vom Verstärkerturm hinunter, von Bruder zu Bruder. Das Schlagzeug spielt einen Wirbel, das Licht flackert, es ist 18 Uhr 45, Tschechien – Ghana geht in die Halbzeit, draußen grillen sie Bratwürste im Sonnenschein, der Hallenestrich spiegelt im Licht, und die Nebenbühnenband hat den Aufbau abgeschlossen. Einen Augenblick befürchte ich, diesmal würde die Gitarre nicht gefangen werden.

Ein Tusch, die Gitarre wird gefangen. Keine Zugabe. Astra Kid sind an einem verdienten Ende angelangt.

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