all das, was wir nicht tun. (1)

von Flo

Eine Dienstagnacht, laue Dienstagsommernacht zu Hause- irgendwo rauscht ein Fluss, und es riecht durch das Fenster nach Kräutern, warmem Gras, Juni außerhalb der Großstadt. Was wäre es für eine romantische Literaturlandschaft, würden der Literatur nicht, widersinngerweise, 15 Seiten im Weg stehen: 15 Seiten damoklesschwertartig über meinen Gedanken kreisende Hausarbeit zu redigieren. Immer die Pflicht im Nacken. Dabei wären es ja: Immer nur kleine Schritte: Der vom angestrengt faulen Aufschieben aller schweren Aufgaben, und dem sich unbehaglich zierenden Perfektionismus dahin, selbigen zu treten, und einfach damit anzufangen. Und dann ein noch kleinerer: “Wie schön wäre es, es sein zu lassen, und in Stille zu scheitern? Weil Perfektion nicht erreichbar ist, und alles weniger nicht reichen würde. Vielleicht.”, denke ich. Der ästhetische Sturz über den schmalen Grat, und verführerisch wartet an seinem Ende der Künstlerschlaf.

Und wie schön definiert man sich über all das, was man nicht tut? Keine gehobelten Späne auf weißen Westen, nur der makellos lächelnde Gedanke -

All das, was man nicht tut… Das geheimnisvoll-schöne Mädchen nicht zu küssen, und keine mögliche Enttäuschung, kein möglicherweise schlechtes Gewissen ob emotionaler Verstrickungen, keine Entzauberung des Fernen, und stattdessen nur ein melancholischer Traum unter dem Arm auf dem Weg nach Hause.

Eine Idee zu einem Text zu haben, und nach drei Zeilen aufzugeben, weil das Ergebnis nicht dem Ziel gleichkäme. Soll man denn den schönen Gedanken mit der mittelmäßigen Umsetzung strafen? Womöglich lässt er sich dann zur Strafe nicht noch einmal fassen. Und wieviel schöner stirbt man in Schönheit als im Scheitern? Wie träumerisch, einer solchen Perfektion anzuhängen, und wie idealistisch: Etwas nicht wegen der Außenwirkung oder dem eigenen Vorteil zu tun, sondern wegen dem eigentlichen Ziel und dem größeren Gedanken sein zu lassen, es in irgendeine Gesellschaft der nie Wirklichkeit gewordenen, nie verdorbenen Realitäten einzureihen. Nicht für das Publikum, sondern nur für die Schönheit der Sache, im Stillen.

Oder alles Praktische ruhen zu lassen, um einfach den Gedanken über all die Unlösbarkeit des Seins anzuhängen? Und wenig später in – nicht verdienten, aber benötigten – Schlaf zu fallen, mitten durch die Geräusche der Sommernacht?

Ja, gut wäre das. Würde man sich selbst genügen, aber es fordert ja immer – man mag das finden wie mal will, oder vielleicht auch anders sehen – : Man selbst. Man selbst: Den Schein! Einen Kuss! Bitte. Anerkennung! Selbstverwirklichung! Und das Publikum! Und: Endlich Sommer ohne Pflicht im Nacken, sie ist ja auch ein gar so warmer Schal, bei den Temperaturen…

Schönheit und Realität sind keine Freunde; eher geschiedene Eheleute: sie wollen sich einfach nicht begegnen, und bestehen trotzdem auf Besuchszeiten ihrer zahlreichen Kinder.

Wasser fließen lassen

(Wasser fließen lassen. “Eine Sommernacht vor dem Fenster” – und all das, was wir nicht tun.)

Foto: Flo

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