Die Unerklärlichkeit der Chance

von Flo

Es war 17 Uhr als Kate Mosh den tröpfelnden Regen mit ihren “Breakfast Epiphanies” aus dem Innenhof NW II der Bayreuther Universität spielten und einen Kissogram-Auftritt später, als gegen 18 Uhr schwarze Wolken aufzogen, und der Wind die Sonnenschirme nicht länger bog, sondern brach – da hatten Kante noch nicht einmal ihr Equipment auf die Bühne getragen. Offensichtlich, so schien es, waltete hier jemand an den Wetterhebeln, der die Vorliebe der Band für die düstere Vorahnung teilte, und dieser ein Bild verlieh, mit einem kleinen Weltuntergang über Bildungsbauten aus den 70er Jahren.

Und gleichsam wie die Protagonisten in Kantes “Zombi” nicht nur “Leichen, die noch atmen” sind, sondern auch Skelette von Häusern im Enstehen, so schien es zunächst, als sei der musikalische Abend zu einem Ende gekommen, ehe sich in zwei Stunden Umbaupause an einem Provisorium der Abbruch in eine Besserung wandte, ein Regenbogen über den Fenstern auftauchte, nur um wenig später der hereinbrechenden Dunkelheit Platz zu machen.

Zwei Stunden und eine hereingebrochene Mainacht brauchte es also, ehe die Band Kante in einem Uniflur, vor einer Pinnwand der Fachschaft-Physik und einer Wartehallenuhr in der kompletten Dunkelheit zu den Instrument griff: Aug in Aug mit dem Publikum, denn Bühne gab es keine: Nur ca. 300 Konzertbesucher in einem verklinkerten Foyer und die fünf Hamburger, durch ihre Mikrofonständer getrennt von ihren Zuhörern. Die Hamburger Schule an ihren Wurzeln. So richtig sehen konnte man aus den hinteren Reihen freilich nicht, was hier vor sich ging – aber es war nicht schwer zu begreifen. Drei Einstiege braucht es, bis sich der Sound für den Opener des neuen Albums die richtige Bahn brach – aber dann gab es kein Halten. “Der Himmel ist fleckig, die Wolken monströs, ein Sturm ist im Kommen, es könnte jeden Moment losgehen” – fast beschrieben sie hier die Ereignisse von vor zwei Stunden – womöglich traf diese Voraussage aber auch eher auf ihren eigenen Auftritt zu: Ein Sturm ist im Kommen.

Kante waren gefühltermaßen seit jeher diesen einen kleinen Schritt vom menschlichen Abgrund entfernt, überall spukte die dunkle Vorahnung, die leichte Paranoia – aber zumeist eher als dunkle Linie in einem weitläufigen, kühlen Klanguniversum. Vielleicht, man mag es nicht ausschließen, lag es nur an der Enge, daran, dass die Band nicht über Wellenbrecher in einen kühlen Vorsommerabend hineinspielte, sondern umringt von Studenten in einem nicht ganz fünf Meter hohen Eingangsraum stand. Dass hier nicht mehr die Distanz zu hören war, sondern die absolute Unmittelbarkeit.
Das Schlagzeug rumpelte über die eigene Verstärkung hinweg, die Gitarren klangen dem Sound nach ein wenig nach Übungsraum – aber es war die richtige Geschichte, die erzählt wurde, an diesem Ort, und sie duldet keinen Aufschub: “Ich habe die Dunkelheit gesehen” drängt Sänger Peter Thiessen dem Zuhörer ans Ohr, und es nicht die kalte Vorahnung, sondern eine Gewissheit, die zu neuen Taten auffordert. Getragen von der Musik, die in einem Tempo zieht wie die der Broken Social Scene, und im Aufbruch den melancholischen Blick behält – die Dunkelheit gesehen zu haben, glaube ich, das erfordert Schlüsse, Entscheidungen, Ortswechsel. Verlust und Hoffnung.
Immer wieder kündigt die Band “noch ein neues Stück” an – und es tut der Freude keinen Abbruch, die nächste Wendung nicht zu kennen, man kann auch so lauschen, die Musik ziehen und zerren lassen, und textlich das Gefühl zu erlangen: Hier wurde die Mühe gemacht zu denken, Gedanken an die Oberfläche zu zerren, und den unbequemen Wahrheiten ins Gesicht zu sehen – die Eltern, “die immer alles waren” nicht länger zu respektieren, weil sie sich nicht mehr helfen können, “die Wahrheit zu wissen”, was passieren wird, in jeder neuen Beziehung die man eingeht.

Inmitten von Pop, Product Placement, Selbstvermarktung, fühlt sich das an wie ein heilender Schlag in die Magengrube, und eine gleichzeitig tröstende Hand auf dem Rücken; sich mit all dem zu konfrontieren. Die Abgründe, und die Zweifel die nagen. Die Wahrheit zu kennen, und doch immer weiter zu handeln.Die Unvereinbaren Pole, die Fragen des Lebens.
Auch Instrumentalstücke trägt das Set – weniger im Stile “Baron Samedi”s aus der “Zombi”-Zeit – keine ungewöhnlichen Instrumente, keine fremdländische Couleur. Vielleicht auch nur an diesem Abend nicht, aber, wiederum: Die Stücke tragen sich auch so. Eine farbige Reise aus Gitarrenläufen und warmen Akkordteppichen.
Fünf oder sechs “neue Stücke” ins Set hinein, beginnt die präzise Auswahl an liebgewonnenen Brechern: Zombi und “Die Summe der einzelnen Teile”. “Wir leben von einem Glauben, der unserer Gegenwart vorauseilt”, und ich mag an dieser Stelle nur schreiben, nicht erklären, diese Faszination: Der Auftritt in einer Konstellation, die nie wieder zu finden sein wird, der rundum menschenleere Campus einer architektonisch zweckorientierten Universität in der fränkischen Diaspora, 500 Studenten, – noch 3 Semester bis zum Fallen über den Rand des Erwachsenwerdens – die Praktikumsgesellschaft, die Wellen der Globalisierung, die Studiengebühren, schneller verlaufende Zeit, und: “wir leben von einem Glauben, der unserer Gegenwart vorauseilt”. Die Gegenwart, die gar nicht hier ist, und bald vergangen sein wird; die schwer behoffte Zukunft, die vielleicht gar nicht so sein wird, wie man sich das immer ausmalte. Aber mit etwas Glück wird das hier, für diesen Moment, mehr als die Summer der einzelnen Teile.

Mit “Warmer Abend”, der Symbiose aus Niedergang, Aufbruch, Resignation und Gefundensein ließ die Band die gedecktere Vorahnung zurückkehren, breitete sie wie eine warme Decke über die Zuschauer aus – ein “speziell ausgewählter” Track aus der Prä-Zweilicht-Zeit beendete den Abend. Die Menge verlief sich in den Neonschein der Bierbar, die Bühne für 70 Minuten wurde abgebaut und ihrem Zweck als Vorhof zum Schwarzen Brett zurückgegeben. Erobique und eine exzessive Aftershowparty fanden vom DJ-Pult aus statt; Kante durfte man getrost auf dem Weg gen Norden vermuten – aber was sie und ein Maiwolkenbruch dagelassen hatten, war die Unerklärlichkeit der Chance: Wie ein Veranstaltungsabbruch zum unwiederholbaren Phänomen wird. Es steht zu raten, viele zukünftige Clubgigs zu spielen. Es steht zu raten, die Gedanken an die Universitäten zu tragen. Und es steht zu erwarten, dass gelungene, wuchtig-treibende Aufnahmen dieser Songs Maßstäbe für den deutschsprachigen Indie setzen: Nach Tomte kehrt der Zweifel zurück, und beruhigt die Gedanken mehr, als es jede Sicherheit könnte.

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