Und ewig grüßt einmalig.

von Flo

Die Sonne hat ein Einsehen und bewahrt Deutschland vor der Blamage: Nein, das ist nicht das Land des Regens und der Sommerkälte, wie zum Beispiel die Musiker der kanadischen Broken Social Scene neulich auf einer Festivalbühne meinten. Im Gegenteil, seit Tagen breitet sich ein stahlblauer Himmel über die gewohnten Städte von Emden bis Berchtesgaden – der Hochsommer hat sich hereingestohlen, und verwandelt die Vorstadttristesse der Metropolenzentren in eine träg-schöne Idylle: Beton trocknet in der Sonne, Unkraut wuchert am Wegesrand, Brunnen sprühen Wasserstaub über fröhliche Menschen, man trägt Sonnenbrille, und in weiten Feldern wogt das Korn, das Tanngrün bewahrt die Waldeskühle…

Das ist Deutschland wie die ganze Welt es jetzt sehen darf, englische Nationalspieler jammern über die Hitze; das verheißt gutes: Ein großes Fest ist auf dem Weg.

Nachts, sagt man sich, jeder Nachts, sei die Leopoldstraße gesperrt und Sieger und Verlierer torkelten sieges- oder biertrunken über die Straßen, schwenkten Fahnen, und fielen einander in die Arme.

Das… also, das weckt den starken Wunsch im Zuhörer, Teil von etwas zu sein. Vielleicht ist es nicht das Ideal der Jugendbewegung, deren Teil man hier wäre, aber: Man hätte es gesehen und gefühlt, die ganze Welt war hier und hat das gleiche gesehen, und kurz hat man sie berührt. Vielleicht riecht sie nach Schweiß und Bier, aber man hat sie berührt. Wäre es nicht ein Verlust, hätte man es nicht getan?

Man könnte rebellieren und verneinen, aber etwas sagt: Doch, ein Verlust! Berühr es, die Nächte sind lau, und die Tage lang, und schau jedes Spiel, damit du mitreden kannst. Wäre es nicht ein Verlust, nicht das gesehen zu haben, was die ganze Welt sieht? Doch, schon! Und es spricht kein Lemmingtum, glaube ich, sondern eben nur der Versuch… teil von etwas zu sein.

Aber… Die Stadien aus den Übertragungen sehen alle gleich aus, kein Münchner Olympiastadion, und dem Westfalenstadion haben sie die Kurven zubetoniert, und während Australien und Japan spielen wartet die Arbeit getan zu werden, und als Italien und Ghana an der Reihe sind, warten meine Gedanken nicht darauf, dass Spiel das Mittelfeld verlässt, sondern verlassen es von sich aus. Die Nächte werden vertan, mit Arbeit, Musik oder Internet, und das Fanfest schreckt mit seiner Ansteherei ab: Es gibt ja soviel anderes zu tun, als ab 13 Uhr einen Sitzplatz zu verteidigen, und ihn um 7 wegen menschlicher Bedürfnisse wieder zu verlieren… – Also bin ich wieder einmal Teil von nichts, noch nicht einmal Teil der WM-Verweigerer und auch nicht Teil von dem Deutschland, dass da im Fernsehen gezeigt wird. Dass doch immer etwas anderes war… Etwas greifbareres: Supermärkte, Radwege im Sommer, Regionalzüge, Fußgängerzonen und gewohnte Leidenschaften. – Hätte man nicht im Parkstadion spielen können, wo Generationen ihre Getränke auf den Beton verkippt haben? Statt in immergleichen dreirangigen Konsumtempeln, deren Eintrittskarten sich ohnehin niemand leisten kann und wird. Wahrscheinlich nicht – denn all das entzieht sich der Realität. Die Spiele in turmhohen Hallen, und mythischen Fänfeste auf der Leopoldstraße.

Am meisten Teil war ich, als ich nicht Teil war: Das Eröffnungsspiel auf einer schwedischen Schäreninsel, eine Großleinwand im Inselpub, und der Gedanke: 3 U-Bahnstationen von diesem Stadion steht mein Zuhause. Und es bleiben die Kings of Convenience, die meinen: Things seem so much better when/They’re amplified by the distance: Vielleicht kann man nie näher sein, als in der Ferne.

Metadaten:

2 Kommentare!


    Fatal error: Call to undefined function is_wpuser_comment() in /www/htdocs/w008468a/fallenlegen/_fl1/wp-content/themes/wearemagazine_2/comments.php on line 30