Abseits.

von Christoph

Über Perspektiven, Fotos und Jugendsünden. Und dem Verschwinden einer Welt.

Die Zeit der Jugendsünden ist vorbei. Was sich anhört wie ein Sprayer-Spruch an einer abseits in der Dunkelheit gelegenen Betonunterführung ist inzwischen soziale Realität. Wenn ein Bundesdatenschutzbeauftragter mit dem Gedanken spielt, Personalentscheidern die Eingabe des Namens in eine Suchmaschine ihres Vertrauens zu verbieten, dann bedeutet das viel.

Die Schlagwörter der Generation sind „proaktive Entwicklung“ und Selbstdarstellung. Die „perfekte Karriere“ von heute beginnt mit dem Kurs „Basteln für Fortgeschrittene“ im Kindergarten und führt über die Wahl der Fremdsprachen am Gymnasium und die der Leistungskurse direkt an eine Elite-Universität. Von dort aus rotiert man ein wenig an andere Elite-Universitäten, vernetzt sich währenddessen optimal mit möglichen späteren Aufsteigern und trinkt gemeinsam Alkohol: Wer gemeinsam trinkt, hat später ein höheres Nettoeinkommen. Fotografieren lassen sollte man sich dabei allerdings nicht, denn jedes im StudiVZ oder den Konkurrenten heute veröffentlichte Bild lässt sich nicht mehr tilgen und könnte sich eines Tages als Bumerang erweisen: Wenn die Bildzeitung damit aufmacht, dann waren lange Jahre professionellen Selbstverkaufs vergebens.

Einhergehend mit dieser Entwicklung ist eine Veränderung des Erwachsenwerdens: Kinder werden früher erwachsen – allerdings nicht im Sinne eines Einstieges in das Berufsleben, sondern einer bedachten Entscheidungsfindung mit ihren zahllosen und unberechenbaren Konsequenzen. Damit wächst auch der Einfluss der Eltern auf die spätere womögliche Karriere der Kinder – und der Druck: Wer möchte sich später von seinem Kind anhören: „Weil ihr mich damals Latein habt wählen lassen, sitze ich nun nicht auf dem Siemens-Chefsessel“. Vielleicht trägt auch diese Angst vor den Konsequenzen dazu bei, auf eigene Kinder zu verzichten.

Anderseits wollen alle, die die Hürde des Kindes zum Erwachsenen hinter sich gebracht haben, möglichst lange möglichst nahe an dieser Grenze bleiben: Wenn ein Magazin sich selbst den Beititel geben darf „eigentlich sollten wir erwachsen sein“ dann sagt das über die Gesellschaft einiges aus. Doch auch dieser Zustand ewiger Jugend, der das Altern konsequent ausblendet, trägt dazu bei, auf eigene Kinder zu verzichten: Wer mit Kinderwagen durch die Innenstadt schiebt, der wohnt nicht mehr im Designer-Loft und mit dem Karriereaufstieg ist es dann auch vorbei.

Es wird nach vielen Anreizen gesucht, die Attraktivität des Status „Eltern“ zu verstärken: Kindergelderhöhung, besser KiTa-Ausstattung, Vätermonate und diverse andere Projekte. Doch – es gibt wenig Wege aus der Misere, solange das Grundsatzproblem nicht gelöst wird: Kinder bekommen darf kein Hemmnis für die Weiterentwicklung sein. Aber das Problem an dieser Stelle anzupacken tut weh: Man muss sich mit den derzeit wohl mit einflussreichsten Größen anlegen, die es gibt. Große Wirtschaftsunternehmen haben weniger ein Interesse an Eltern mit Kind und der damit einhergehende Verlust an Flexibilität ist kaum hinzunehmen. Gut ausgebildete Singles sind da deutlich willkommener. Und ob eine Quittung für dieses Verhalten folgt, scheint ungewiss: Die Zahl der Menschen weltweit steigt weiter. Wenn also der schrumpfende „Westen“ sich weiterentwickeln will, darf er nicht länger warten: Die Zeit spielt gegen ihn. Irgendwann ist er einfach verschwunden. Weg.

Bild: http://flickr.com/photos/jonowales/ veröffentlicht unter creative commons Lizenz.

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