Flucht ins 22. Jahrhundert

von Matthew

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x x x x x x x x x x x x x x x x x x x x = 100x

Hundert. 100. Ist nicht wirklich viel, wenn man es mal für sich betrachtet. Hundert Spielzeugautos, hundert Mikadostäbchen, hundert Tage, hundert Cent… was einem als Kind noch wie ungeheuer viel vorkommt, entpuppt sich doch schnell als Nichtigkeit. Was ist denn schon hundert?

Hundert Jahre sind aber wieder etwas ganz Anderes. Hundert Jahre, dass ist Pi mal Daumen die weiteste Reichweite eines einzelnen menschlichen Lebens, und übt dementsprechend eine wiederkehrende Faszination auf uns aus (trotz einem höheren Grad der Abstraktion hat sich das „Jahrhundert” gegenüber dem „Großvater” als Zeiteinheit durchgesetzt, obwohl sie etwa die gleiche Zeitspanne haben. Spätestens seit fünf Großvätern und Gregor den XIII. ist das Jahrhundert zwar die deutlich intersubjektivere Messspanne, aber das ist nun wirklich eine andere Geschichte). Wir wollen wissen, was uns in dieser Zeit widerfährt, wollen wissen, wohin die Entwicklungen während unserer Lebenszeit uns führen – und was darüber hinaus passiert. Ein Gedankengang als logischer Schlussfolgerung unserer Neugier, Phantasie, dem Wunsch nach Sinnorientierung, der gar die Kaschierung unserer Sterblichkeit darstellt?

Hundert Jahre alt ist nun auch die Kurzgeschichte The Machine Stops von E.M. Forster (Englischversierte können sie hier nachlesen, unbedingt zu empfehlen!), die einen heute noch augen-öffnenden Blick in die Zukunft warf. Im Gegensatz zu den eher amüsanten Vorhersagen von fliegenden Autos und Versklavung durch Außerirdische, die man sonst damals von unserer Zeit machte, ist das wahrhaft Aufrüttelnde an dieser Dichtung, dass davon vieles im Keim schon vorhanden, wenn man aktuell um sich blickt, besonders dann, wenn man das Internet regelmäßig nutzt, oder sich den unendlichen Möglichkeiten des technisch-verbesserten Konsums, oder der technisch-verbesserten Wahrnehmung, hingibt.

“Well?”

“I want you to come and see me.”

Vashti watched his face in the blue plate.

“But I can see you!” she exclaimed. “What more do you want?”

“I want to see you not through the Machine,” said Kuno. “I want to speak to you not through the wearisome Machine.”

“Oh, hush!” said his mother, vaguely shocked. “You mustn”t say anything against the Machine.”

“Why not?”

“One mustn”t.”

“You talk as if a god had made the Machine,” cried the other.

“I believe that you pray to it when you are unhappy. Men made it, do not forget that. Great men, but men. The Machine is much, but it is not everything. I see something like you in this plate, but I do not see you. I hear something like you through this telephone, but I do not hear you. That is why I want you to come. Pay me a visit, so that we can meet face to face, and talk about the hopes that are in my mind.”

She replied that she could scarcely spare the time for a visit.

“The air-ship barely takes two days to fly between me and you.”

-E.M.Forster, “The Machine Stops”

Einige Sachen, das wird deutlich, kann man einfach nicht vorhersehen. Auffällig ist auch, dass sich die meisten Zukunftsblicke auf rein auf technische Veränderungen stützen. Und der Mene Tekel Tenor der sich durch sie alle zieht warnt stets vor den gleichen Folgen: Vereinheitlichung der Menschen und des Lebenswandels, Ohnmacht gegenüber den Fortschrittsprodukt / dem System, Entfremdung von der eigentlichen Sinneswelt.

„The car approached and in it she found armchairs exactly like her own. When she signaled, it stopped, and she tottered into the lift. One other passenger was in the lift, the first fellow creature she had seen face to face for months. Few travelled in these days, for, thanks to the advance of science, the earth was exactly alike all over. Rapid intercourse, from which the previous civilization had hoped so much, had ended by defeating itself. What was the good of going to Peking when it was just like Shrewsbury? Why return to Shrewsbury when it would all be like Peking? Men seldom moved their bodies; all unrest was concentrated in the soul.”

-E.M.Forster, “The Machine Stops”

Wenn man selbst den Blick in die Zukunft werfen will (und ich muss zugeben, in meiner Phantasie tu ich das sehr gerne), wirft das Licht am Ende des Zeittunnels doch sehr viele Schatten. Wohin bewegt sich das Leben in 2108? Ist es der Rückzug aus dem wirklichen Leben hin zur virtuellen Scheinwelt, wie in „Welt am Draht” oder „Matrix”? Lebt man in Normenüberregulierten Glaskuppelenklaven, hochtechnisiert, selbstsuffizient abgeschottet von der äußeren Welt, wie in „Flucht ins 23. Jahrhundert” oder „Aeon Flux”? Wird der Fortschritt uns zum Verhängnis so dass unsere Zivilisation auseinanderbröckelt, womöglich durch ein unheimliches Virus das alle zu Zombies mutieren lässt bis auf einen einzelnen waffenbesessenen Helden? („I am Legend”, das zum vierten Mal die gleiche Geschichte filmisch darstellt, und wie alle anderen Verfilmungen irgendwann unfreiwillig selbstironisch wird). Auffällig gerade bei diesen Beispielen ist das sie im relativ konstanten Abstand von 30 Jahren wiederverfilmt wurden, sich als glaubwürdige (nun ja, wenn auch nur bedingt) Zukunftsvisionen gehalten haben.

Ist vielleicht ein Gefühl der Enttäuschung entstanden, dass die großtechnischen Veränderungen nicht eingetreten sind wie erwartet, dass das rasante Gefühl des Fortschritts der einheitlichen Moderne in den 1980ern unterbrochen wurde? Das würde die starre Unveränderlichkeit der Zukuntsvisionen in dieser Zeit erklären. Denn Fortschritts ist was anderes geworden, etwas… Schwammigeres. Hieß es früher „höher, schneller, weiter”, heißt es heute… ja was? Effizienter? Kompakter? Kunstvoller? Es ist auf jeden Fall eine andere Logik. Eine die nicht mehr die nächste große Entdeckung findet, das nächste unbekannte Abenteuer, sondern eher das verstehen will, was schon vorhanden ist. Nur bei unseren Zukunftsträumen sind wir immer noch bei höher, schneller, weiter, und begreifen manchmal nicht, dass wir vor lauter höher, schneller, weiter über RAUM als solches teilweise hinaus sind.

I blame you for the moonlit sky
and the dream that died
with the eagle’s flight
I blame you for the moonlit nights
when I wonder why
are the seas still dry?
Don’t blame this sleeping satellite

Did we fly to the moon too soon?
Did we squander the chance?
In the rush of the race
the reason we chase is lost in romance
and still we try
to justify the waste
for a taste of mans greatest adventure.

Have we lost what it takes to advance?
Have we peaked too soon?
If the world is so green
then why does it scream under a blue moon?
We wonder why
is the earth sacrificed
for the price of its greatest treasure?

And when we shoot for the stars
what a giant step
have we got what it takes

to carry the weight of this concept?
Or pass it by

like a shot in the dark
miss the mark with a sense of adventure?

- “Sleeping Satellite”, performed by Tasmin Archer

Vielleicht müssen wir das erst aufholen, was wir in aller Eile übersprungen haben, denn bei aller Verflechtung mit technischen Möglichkeiten und Produktionsmethoden ist unser sozialer Umgang mit einander nicht bedingter Sklave, nicht Befehlsempfänger des technischen Fortschritts. Zukunft ist kein Schicksal, sondern eine bewusste Entscheidung: wo will man hin? Wo wollen wir alle zusammen hin? Und das ist etwas, worüber – mit Verlaub – wir uns nicht so ganz im Klaren sind. Die Zeit dafür, sich darüber klar zu werden, diese ist jetzt gekommen. Und ist es nicht eine genauso wichtige Frage, das „warum dorthin”, wie das „wie dorthin”? Vielleicht sind wir in hundert Jahren ja auf den besten Weg dorthin, was auch immer „dorthin” sein mag. Vielleicht verstehen wir uns selbst dann besser als heute. Und dann, vielleicht, kehren wir zum Mond zurück.

So weh es dem Abenteurer in mir tut, ich werde woanders anfangen müssen. Cien años de soledad (Gabriel Garcia Márquez) ist ein Buch über hundert Jahre hinweg, dass einen nun hundert Jahre alten Preis gewann, und spricht angeblich wenig über den Fortschritt in dieser Zeit, dafür mehr über den Menschen. Und ich bin sehr gespannt darauf. Nicht auf das Ende, sondern den Weg dorthin mit zu beschreiten.

Bilder: “Hoverboards” copyright by Nathan Castle (“Nathan Castle’s Nude Rollerdisco of Comics”), “Copernicus Crater” copyright NASA Public Image Archives.

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