2008 bis 2108.

von Christoph

Über Visionen, Arztbesuche und erlebbare Erfolge in einer kurzfristigen Welt. Einige Wünsche für die nächsten 100 Jahre.

Die Themen, die uns im neuen Jahr beschäftigen, sind die gleichen wie die, die wir im alten Jahr hinterließen. Ob nun Datensammelwut, Managergehälter oder Nichtraucherschutz – die Angelegenheiten im politischen Berlin und den Nachrichten bleiben gleich. Das hat nun einerseits den Vorteil, das man sich kaum umstellen muss und einfach auch die Titelseite der Zeitung von vor zwei Wochen wieder veröffentlichen kann, andererseits hält die Thematik uns auch davon ab, sich mit den wirklich großen Themen zu beschäftigen, die eine Konzeption über eine Wahlperiode oder eine Stimmungsbogen hinaus nötig erachten ließen.

Dass es in Deutschland zu wenige Kinder gibt und langfristig die Bundesrepublik – zwar vorerst nicht flächenmäßig – kleiner wird, das ist nun nichts Neues mehr. Jeder weiß es. Doch – wo sind die Visionen, die das Problem lösen können? Nun kann man hier mit Helmut Schmidt argumentieren, der verkündete, wer Visionen habe, der solle zum Arzt gehen, doch die Problematik liegt tiefer. Ob es nun um die globale Erwärmung (die im Übrigen für Deutschland massive Auswirkungen haben könnte) oder den „Rohstoff Bildung und Wissenschaft“ in Deutschland geht: Man hat den Eindruck, es fehlten in der großen Politik die langfristigen Planungen und die großen Ideen, die eine Epoche tragen.

Stattdessen beschäftigt sich ein riesiger Apparat mit Mindestlöhnen, Bahnstreiks und Gammeleiskandalen und übertüncht somit in hektischer Betriebsamkeit und ausschweifendsten Diskussionen seine Unfähigkeit, eigene Langzeitplanungen zu entwickeln. Das Denken wird – wie auch in fast allen anderen Bereichen des Lebens – auf eine kurzfristige Erfolgsorientierung hin zentriert. Ob das nun Quartalsdenken genannt wird oder als Denken in Wahlen bezeichnet wird, ist eigentlich Nebensache. Tatsache ist: Die langfristige Orientierung von Projekten und Ideen verkommt zu einer Spinnerei, wird abgetan und setzt sich in der Kurzlebigkeit nicht durch: Der direkt mess- und erlebbare Erfolg ist deutlich einleuchtender und greifbarer als einer, der derzeit nicht im selben Umfange Ergebnisse produziert, unseren Kindern und deren Kindern aber dafür Möglichkeiten gibt, die wir selbst nicht mehr erleben werden.

Das Denken in langen Zeiträumen ist nicht leicht: Man muss sich selbst einer Idee unterordnen und den Erfolg für den eigenen Einsatz streicht dann vielleicht ein anderer ein – das ist für die Alphatiere, die in den Entscheidungsstrukturen so weit nach oben gekommen sind, nicht einfach und läuft auch dem gesamten Grundkonzept, das ihnen diese Positionen zugedacht hat, zuwider. Es ist die partielle Unterordnung des eigenen unter die Gemeinschaft, welche dadurch eine Eigendynamik entwickeln kann, die um vieles größer als die Summe ihrer Einzelteile ist. Nur so werden wir es schaffen, die Herausforderungen der kommenden 100 oder 150 Jahren einigermaßen in den Griff zu bekommen. Sie allerdings komplett zu bewältigen, mit Erfolg aus ihnen zu lernen, setzt ein solch großes Umdenken voraus, das es derzeit kaum realistisch erscheint.

Bild: http://flickr.com/photos/blackcustard/ veröffentlicht unter creative commons Lizenz.

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