Bekenntnisse eines Suchenden

von Matthew

Bekenntnisse eines Suchenden

Ein Subjektives Wortfresko

Die Zeit zwischen Ende Advent und Neujahr ist ein Höhepunkt, an dem die Welt wie wir sie kennen verschwindet. Stattdessen – wenn man Glück hat, und sich die Zeit nehmen kann, sie zu finden – erscheint eine neue Welt aus Eis und Weiß, so alt wie die Sterne selbst, ein Ort, an dem die Zeit nie Einkehr gefunden hat. Eine Glaskugel innerhalb des restlichen Universums wo der einzige Wandel dass ewige Schneien ist. Die Welt der vermeintlichen Zufälle, die am Ende doch alles zusammenführen, als wären sie geplant gewesen. Wenn da bloß nicht die Sache mit den Geschenken wäre…

17. Dezember – Noch keine Geschenke, aber es ist ja noch Zeit.

Eine Woche bis Weihnachten. Weihnachten ist für mich ausschließlich der 24. (nicht etwa der 25. oder gar 26. Dezember) und wird es auch immer bleiben, auch wenn die amtliche Wirklichkeit für den größten Rest der Welt eine andere ist. Das ist der kindliche Zugang, der bei so vielen Sachen mit dem heranwachsen schwindet, aber in unerwarteten Stellen doch bleibt. Weih – nachten: diese außerordentliche Nacht, naja und „weih“ halt, hat vielleicht was mit Geweih zu tun, oder „wei“s hoit so ist (bayrische Weihnachten waren damals etymologisch sehr spekulativ). So hat man sich erklärt, und so ist es geblieben.

19. Dezember – Noch keine Geschenke gekauft, bis auf einen kleinen Igel aus Holz vom Christkindlsmarkt für die Schwester, der zählt ja nur als halbes, aber – ist ja noch Zeit

Über den kindlichen Zugang geht’s auch im Film „Der Goldene Kompass“. Die Umsetzung ist recht Nett, auf jeden Fall bildgewaltig, und man muss ihn nicht so still für sich verabscheuen weil er dem Buch nicht gerecht wird. Die Liebe zu dieser Geschichte ist gleichzeitig Schmerz, denn mehr als jedes andere Bücherreihe bin ich hier über die Aussagen des Autors unsicher. Obwohl feinsinnig Religions- und Gesellschaftskritik betrieben wird, ließe sich die philosophische Auflösung im dritten Teil so interpretieren, das Kinder nicht ganz vollwertige Menschen sind, die erst mit der Entwicklung von Sexualität der kosmischen Ordnung teilhaft werden … oder auch ganz anders. Und im Film sind die Fragezeichen noch weniger zu hinterblicken: ist der tolle Eisbär für die (schauspielerisch außerordentlich gut besetzte) kleine Lyra doch etwa hauptsächlich in seiner Beschützerrolle ein Objekt der erwachenden sexuellen Begierde? Sind die Daemonen, die wunderbaren manifestierten Seelen außerhalb des Körpers, nur clevere aber hinterlistige Anspielungen auf das Anima/Animus-Konzept, also auch nur Sexualität an sich? Ist das ganz nur ein Aufklärungsversuch mit bunten Metaphern? Denn falls ja, bereue ich es, ihn mit 10 oder 11 Jahren als reinen Fantasyroman gelesen zu haben, ohne diese Seite verstehen zu können und sie ganz anders aufgefasst zu haben! Oder verfalle auch ich der Kindheitsnostalgie?

Diese Überlegungen sind für heute zu anstrengend, sie führen zu nichts – das nächste mal fröhne ich doch lieber das komplett sinnfreie 2. Installment der überblähten Alien vs. Predator Reihe, um die zyklischen Reflexionen auszutreiben. Eine gute Freundin bekannte mir heute, dass sie die Predator-Figur irgendwie erotisch findet. Dieser muskulöse Körperbau („und so“). Ich kann das nicht nachvollziehen (und denke nur, dass unsere Forschungsgruppe zu „Konstruktion von Männlichkeit“ im Lichte dieser Entwicklungen bzgl. männlicher Ästhetik unbedingt ihren Interviewleitfaden ändern muss). Die Predator sind meinem Schönheitsempfinden nach eines der hässlichsten Phantasiegebilde die je ein „Schöpfer“-Geist zusammenwürfelte – nicht direkt abstoßend, aber durch und durch unschön. Aber Phantasiegeschöpfe darf man attraktiv finden, ohne beziehungsstörende Implikationen auf die reale Welt zu werfen – das kann man verstehen. Oder will man nur nicht weiter die aufgemalten Erklärungen stören – wer weiß, welch dunkle Geheimnisse sich darunter verbergen? Am Schluss sagt sie noch, also diese Dreadlocks, am Predator, die findet sie ja eigentlich doch nicht schön. Ich seufze, und gebe auf. Man sollte sich zumindest im privaten vielleicht doch weniger Gedanken über Nichtigkeiten machen. Aus oberflächlichen Ästhetikdiskussionen halte ich mich zukünftig raus.

20. Dezember – Noch immer keine Geschenke, nur ein kleiner Igel aus Holz: es wird langsam knapp.

„Do they know it’s christmastime at all?“ … ich fühlte mich immer den dummen Kommerzpopmusikern überlegen („There won’t be snow in Africa this Christmas“: kann man symbolisch Sinngehalte noch gröber pervertieren?), und führte gern das „Antwortlied“ von afrikanischer Seite an, „Do they know we’re Muslim?“. Aber beim genaueren überlegen wusste ich über die religiösen Strömungen in den verschiedenen afrikanischen Regionen nur Schemenhaft bescheid. Hat man dann noch dass recht so ausgelassen zu kritisieren? Eine kleine Recherche zur sollte diese seelischen Qualen besänftigen. Das Lied bezieht sich demnach auf Äthiopien, ein recht außergewöhnliches Land, in dem kommunale, verstaatlichte Strukturen überwiegen, Land nicht besessen sonder nur gepachtet werden darf, und das das ursprüngliche Herkunftsland der Kaffeebohne ist. Ebenso ist es eins der ersten christlichen Länder wenn nicht das erste christliche politische Gebiet, was bei den vielen historischen Spätnachtsendungen auf 3sat und Arte zur Verbreitung des Christentums, die in Dezember so in Mode sind, niemals aufgegriffen wurde. Was hat denn Weihnachten als Gesellschaftsfest eigentlich noch mit Religion zu tun, muss man sich anhand solcher Lieder fragen. Auch ob, und hier blieb die Recherche unschlüssig, man Weihnachten in eins der neueren Abzweigungsreligionen des Christentums feiert: Rastafari, in Jamaika „im Exil“ erschaffen („liberation before patriation“: nach Äthiopien (= gelobtes „Zion“) soll erst nach aufheben ihrer sozialen Missstände in „Babylon“ (= der schlechten westlichen Welt) aufgebrochen werden), von dem man im Alltag nicht viel mehr weiß als dass deren Anhänger irgendwas mit Marijuana und Dreadlocks zu tun haben. Aufschlussreich ist eigentlich, wie so oft, der Name: nach Ras (Kopf/Anführer/Graf) Tafari Makonnen, später Kaiser Haile Selassie von eben Äthiopien, der für die Rastafari als Messias gilt (deswegen: wird Weihnachten auf den 23. Juli 1892 verlegt?), selbst als Orthodox-Äthiopischer Christ wohl nicht dran glaubte. Ein Mann mit außerordentlich weitgreifender Macht als Einzelperson, als stiller, aber einflussreicher Weltpolitiker, Religionsoberhaupt von zwei Religionen, weltweit hoch angesehen … bis zur katastrophalen Hungersnot in seinem Lande 1985, dass im Laufe einer internationalen Hilfsaktion auch dieses Lied inspirierte. Schnee gibt es in Äthiopien übrigens durchaus in einigen Bergregionen im Winter, wobei die Bevölkerung selbst recht gut ohne auskommt: in der Landessprache gibt es zwar ein Wort für festen Niederschlag, nicht aber für Schnee.

22. Dezember – Noch immer keine Geschenke zum vergeben. Ja, einen Igel halt. Geschäfte machen in drei Minuten fürs Wochenende zu. Es ist zu spät.

Kurz vor Weihnachten Geburtstag zu haben hat seine guten und schlechten Seiten. Zumindest sind alle in Schenkstimmung. Heute traf das letzte und durchaus wunderbare Geschenk ein: ein afrikanisches Daumenklavier, ohne europäische Normierung, ein Klang wie Regentropfen auf die durstige Seele.

Geschenke bekommen ist nicht ohne Schwierigkeiten, wenn man sie direkt überreicht bekommt: es ist einerseits eine Enge soziale Bindung, die daraus resultiert, andererseits weiß man erst hinterher zu würdigen wie schön und bedeutsam dieser Akt ist; im ersten Moment ist man meist von Erwartungen verblendet oder schlichtweg überfordert. Wozu gibt man Geschenke? Seit wann und warum? Meine Theorien haben noch Lücken, da könnte man doch schnell Wikipedia fragen, um doch noch einen netten Was–Ich–Alles–Weiß! – Effekt herbeizuzaubern. Aber heute mag ich Wikipedia nicht, mag Wikipedia auch nicht verwenden, ohne ganz zu wissen, warum. Es ist ein schleichendes Gefühl, aber diese Schnellrecherchen ohne eigene geistige Leistung wirken auf die Dauer etwas unvollständig, hohl, leer, unehrlich sogar. Es trennt das Wissen – die vielen Zahlen, Daten, Fakten – von der Erkenntnis.

24. Dezember – 01:22 – Noch keine Geschenke, nur der kleine Holzigel. Aber Zeit spielt keine Rolle mehr. Zeit ist unwichtig.

Erkenntnis ist was ich will in diesen magischen Tagen. Eine befreiende Erkenntnis, in der man sich auf sich selbst zurückbesinnen kann. Auf Kindheit, auf Vorlieben, auf Religion, auf das reale soziale Umfeld – frei von dem was einem Tag für Tag vor das geistige Auge geführt wird, der Adventskalender der Verblendung; frei von Bildern, die nach Aufmerkamkeit verlangen und schreien: ich bin die Wahrheit! Nein, was ich machen muss ist meine Augen schliessen, in das warme Dunkel meiner Gedanke mich ein-spüren, die alte Kassette mit dem wunderbaren Klangspiel, die rein aus versehen noch drauf war, mit Natur – Instrumental – Synthesizer – Musik: Musik die schillernd schimmert auf dem ausgeleierten Magnetband, und dessen Namen ich nie erfahren werde, aber die so schön ist wie nichts Anderes – der geheime Nachtwald meiner Sehnsucht. Und für ein paar Tage werde ich auf Abenteuerreise in mir gehen, ihn entdecken und erforschen. Nicht dass man nach einem so hektischen Jahr sich selbst vergisst.

Bild: http://flickr.com/photos/articnomad/ veröffentlicht unter creative commons Lizenz.

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