MONO

von Matthew

Geniale Bösewichte, Männer die in geheimen Konferenzzentren via Satellit nach Masterplan uns perfekt, unbemerkt manipulieren lassen – das ist ebenso ein modernes Märchen wie „Rufen Sie uns nicht an – wir rufen Sie an!“ oder Richtertalkshows.

Das soll aber nicht heißen, dass man nicht beeinflussbar wäre, zum Beispiel durch Kulturindustrie. Es kommt darauf an wie man Kultur, Literatur, Musik, Kunst wahrnimmt, als Bildungs- oder Unterhaltungskonsument, aus emotionaler oder struktureller Wahrnehmung, aber bei intensiver Auseinandersetzung kommt irgendwann der Punkt, an dem der mehlige Beigeschmack von Einheitsbrei nicht mehr zu leugnen ist, besonders in der Musik, die sich oft zwischen sentimentale Nostalgie und tradierte Illusion verliert.

Gerade aber in der Funktion als reflektierender Autor, als Kulturproduzent, fällt es schwer, trotz der anhäufenden Zeichen, trotz den scharfen Beobachtungen eines Adornos oder eines Horkheimers, sich dem Kulturpessimismus hinzugeben. Man wird nie frei von Einflüssen des weltlichen sein (und warum sollte man es denn sein? „Gedanken ohne Begriffe sind leer“, sagt uns Schachmatttheoretiker Kant, Empirie darf man ruhig leben!). Aber den Glauben an eine Kunst, die nicht ökonomisch überformt ist, kann man vielleicht dennoch beibehalten. So beginnt die Suche nach Idioten, Querulanten und auch subtilere Devianten, die bewusst die vorherrschende Kulturnormen transzendieren und neue Wege bereitet (und nicht nur bei vergangenheitsgerichtete Kritik bleiben, wie ein Horkheimer oder ein Adorno).

Post-Rock. Das verlorene Kind der Postmoderne, das sich von ihr emanzipiert hat aber die grundsätzliche Enttäuschung von Mainstream-Rock und der industrialisierten Kultur weiter mit sich trägt. Der erhobene bildungsbürgerliche Zeigefinger soll hier endlich wieder eingesteckt werden, doch der Kontext ist wichtig, um die Relevanz einer Band einordnen zu können, deren Pfad bei diesem Genre beginnt und sich eine ungeahnte Losgelöstheit erstreckt: MONO (japanisch: Ding). MONO ist das musikalische Erlebnis an sich – eine neue, direkte Emotionalität in der Musik, die Gefühle vermittelt, ohne gezielt vom Denken abzulenken.

Vom Moment an, in dem sie die Bühne betreten bis zu dem, wo sie sie wieder verlassen, fällt kein Wort. Die Gesichter sieht man kaum, im eigenen Haar verhüllt, bewusst wird die eigene Persönlichkeit ausgeklammert. Es beginnt verhalten, melodisch, und steigert sich in unmerklich in kleinen Intervallen zu einem white noise Inferno. Und sie spielen, als hätte es vor ihnen keine Musik gegeben, als hätten sie selbst diesen Lebensbereich erfunden – und alle rationale Kritik wird vorweggenommen. Kinder des Lichts auf einen selbstbestimmten Pfad ins Ungewisse, nicht eingeklammert durch Vorstellungen von „sein“ und „sollen“, aber ebenso wenig willkürlich.

Wie soll man es benennen? „Anschauungen ohne Begriffe sind blind,“ sagt unser erleuchtete Kant, uns so muss man zaghaft die Verbindung zum Tabu gestehen: dass ist in gewissen Sinne Erotik. Das ungefilterte Gefühl, ein immanente Aesthetik, die nicht begründet werden muss. Eine aufregende Umhüllung, die die Seele versklavt, ohne Zwang auszuüben. Eine brennende Ekstase im Herzen, blind und hohl in den Augen des Alltags, aber übermächtig in der Überzeugung des Augenblicks. Es ist erlaubt, und nichts darf dagegen sprechen. Und ich hätte nie geglaubt, dass MONOtonie so schön sein könnte.

„Ein Großteil der Befragten bekannte sich, sogenannte „Thrills“ durch Musik erlebt zu haben: körperliche Reaktionen wie z.B. Lachen, Kribbeln, Schwitzen, sexuelle Erregung, Herzschlagen. Befragte die ein Musikinstrument spielte erlebten öfter Thrills, als jene die keines spielten. Frauen wiesen einen weitaus höheren Mittelwert an Thrills auf als Männer – außer beim Schwitzen und beim Gähnen.“

-Seminarvortrag: „Musik und Emotionen“ (Koleva, Marquardt, Meyer, Neykova), Seminar Musiksoziologie, Universität Augsburg

Pictures used with the friendly permission of Markus Green.

Metadaten:

Ein Kommentar.


    Fatal error: Call to undefined function is_wpuser_comment() in /www/htdocs/w008468a/fallenlegen/_fl1/wp-content/themes/wearemagazine_2/comments.php on line 30