Das letzte Ziel: Tromsö.

von Flo

An welchen Ort ich mich auch begebe, nach einer Weile beginnt ein Erfühlen der Umgebung, das mit den Fassaden der Häuser und Wahrnehmung klimatypischer Flora nichts zu tun hat: Was bedeutet ein Platz für Menschen, welche Wege führen hindurch? Sind es Kilometer flacher Bebauung, die um ein Zentrum kreiseln, führt von hier eine Straße durch Felder an einen größeren Ort; könnte man ihn heute noch erreichen? Was denken Menschen, die hindurch reisen? – Paris, der verschachtelt wuselnde Bau, das ständige Ziel zwischen den Kopfbahnhöfen fühlt sich anders an, als ein fortwährend fahrtfensterbetrachtetes Dorf am Lichterband der Autobahn zwischen Linz und Wien, oder ein Luftkurort, wo die Straße vor dem Wald endet, und nur in der Ferne die Bundesstraße zu hören ist…

Deswegen ist das Reisen auf dem Landweg von Bedeutung – man spürt, wohin man sich begibt, und in welchem Kontext es steht. Irgendwann wird gerade das zu schwer: Vom Norden Kontinentaleuropas sind es 2 Inseln und 3 Brücken bis in den Süden Schwedens, und weitere 8 Stunden bis nach Oslo, nach deren Hälfte sich die Autobahn vor Strömstad verliert, und schwere Felsblöcke und klares Wasser den Weg, ab und an die Serpentinen, säumen. Oslo selbst, die Hauptstadt Norwegens, scheint fast ein übergroßes Dorf, auf dessen kleinen Hafen Schiffe um die Landzungen zutreiben, und Leuchtreklamen in einer selten verstandenen Sprache kaumgehörte Neuigkeiten verkünden.

vor Oslo, im Morgengrauen.

Vor Oslo, im Morgengrauen. Foto: Flo.

Vom Flughafen dieses Zentrums an Rande benötigt die Reise zwei Stunden weiter nach Norden, Flug über Wolken, Fjorde, kahles Land, einzelne Lichter; zwei Stunden; so weit wie Rom – Berlin. Und dabei stand man schon am Rande der Zivilisation. – wenn das Flugzeug mit einem Ruck aufsetzt, türmen sich die Schneewehen; ein kastiger Volvobus wie ein Sowjetfabrikat wird einen abholen und durch Tunnel, über unterirdische Kreisel, unter dem eiskalten Sund hindurch hasten. Die Nasen an den Scheiben plattgedrückt nur „Sentrum“ und „Flygplatsen“ den Weg weisen. Wie weit weg muss hier alles sein?

An der Oberfläche drücken sich kleine, holzvertäfelte Häuser neben etwas größere aus Stein; selten höher als zwei Stockwerke. Beheizte Bürgersteige lassen das Eis vor dem nördlichsten Burger King der Welt und den Outdoorshops antauen, und wo sie es nicht tun, rutschen Senioren mit Spikes unter den Schuhen und schneebekettete Autos die abschüssigen Straßen hinunter, deren flache Horizonte an kanadische Holzfäller- und Goldschürferromantik erinnern. Die einen rutschen leise, fluchen nur, wenn die Tüte des Vinmonopolets in Gefahr gerät, die anderen rattern, rasseln und scheppern fortwährend eisenstarrend durch die Stadt.

Foto: Flo.

Es fällt mir schwer, nicht alles an diesem Ort mit seinem Standplatz in der Welt zu verbinden. Das seltsame Understatement einer Stadt, die wohlhabend und arbeitsam genug ist, komplett untertunnelt zu sein, deren Universität allein ein frei zugängliches Gangnetzwerk quer durch den Ort errichtet hat, die Minusgraden mit beheizten Bürgersteigen trotzt, deren Bettler in Münzgeld in der Stunde mehr verdienen als deutsche Hilfswissenschaftler – und an deren Häusern überall der Putz platzt, und Busse wie Radlader aus dem Kalten Krieg durch die Anhöhen kreuzen. Vielleicht, weil man eh keinen zum Verweilen auffordern kann? Entweder man ist hier, oder eben nicht. Wo wochenends in eben jenen Bussen laut Tanzmusik gespielt wird, und Trauben hoffnungslos besoffener Menschen vor eintrittsbelegten Kneipen stehen und rutschen, 1.500 Kilometer vom nächsten Club, dessen Namen man auf dem Kontinent kennen würde. Und die Schiffe, die durch das eiskalte Wasser ziehen, und eine knappe Woche unterwegs wären, nur um Bergen zu erreichen, den regnerischsten Ort der Welt, 1 guten Breitengrad nördlich von Stockholm und St. Petersburg.

Eine Insel in einer Meerenge, und umher Kilometer von Nichts – Nirgendwohin könnte man sich von hier auf den Weg machen, nichtmal ein Wegweiser, der den Namen einer anderen Stadt anzeigen würde beruhigt mein Gemüt, und der Sund schlägt keine Meereswellen. Er ist nur kalt, klar und uralt.

Mehr als andere Städte Aufenthaltsorte sind, vorübergehend, ist Tromsö eine Wahl: Weg könnte man nicht, aber vielleicht will man das auch gar nicht, wenn die Hügelkuppen weiß wie blanke Eisberge stehen, sich die Nordlichter durch die Wolkendecke schieben, oder die Sonne nie untergeht, und all das weitgehend unabhängig von dem existiert, was an all den anderen Orten geschieht; eine Party eine Party ist, und ein Berg ein Berg, eine Straße die Verbindung zwischen zwei Häusern – und man sich all das ausgesucht hat.

Foto: Flo.

Austauschstudenten in Südschweden fahren ständig umher, habe ich erlebt, nach Malmö, nach Kopenhagen, Stockholm und Göteborg, und die Güterzüge in der Nacht sind hier schon fast an der Grenze zur nächsten Etappe Welt angelangt.

Austauschstudenten in Tromsö, habe ich gelernt, lernen stricken. – Ich wünschte, mein Herz wäre so ruhig.

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