Vid himlens utkant/Auf der anderen Seite.

von Flo

Filme als ein Fenster: In andere Welten, im Sinne von Landschaften, Umgebungen. Und im Sinne des Blickes aus der Perspektive anderer Menschen, eigener Welten – ein Ideal, für das, was auf Leinwänden und Bildschirmen passiert und über reine Unterhaltung hinausgehen soll. Fatih Akin erfüllt es nur zur Hälfte… Zumindest aber nicht sofort, und hat am Ende dennoch ein schlüssiges Ganzes konstruiert.

Der Film als Fenster in eine andere Umgebung, er funktioniert schnell: Hitze flirrt hinter der Windschutzscheibe über Schwarzmeerlandschaften, ein Bus wird am Ende der Welt repariert, und die Kamera steht mitten in einem Dialog in türkischer Sprache, der einen verunsichert zurücklässt – selbst hätte man nicht antworten können; wäre fremd gewesen. Und steht doch mitten darin. – Dann im Umschnitt Deutschland, so deutsch wie man es nicht in Erinnerung hatte, wenn man in einem schwedischen Kino sitzt: Pastellfarbene Häuser; hinter Kleingärten, Häusern mit dicken Teppichen rauscht eine Autobahn; an den Universitäten gilben die Plastikverschalungen der 70er Jahre. Und in beiden Welten schwimmen die ihr zugehörigen Darsteller meist wie Fische. Fatih Akin kennt das hier und das dort, und seine Städte und Landschaften leben vor der Kamera – stark ist die Existenz der beiden „anderen Seiten“ zu spüren, und dennoch sind beide normal.

Im Mittelpunkt des Filmes stehen Grenzgänger dieser Welten. Nejat, junger Germanistikprofessor türkischer Abstammung, sein Vater Ali; die in Bremen lebende Prostituierte Yeter; und später ihre vor politischer Verfolgung aus der Türkei fliehende Tochter Ayten, deren deutsche Freundin Lotte, und ihre Mutter. Schnell verflechten sich ihre Leben, manchmal ohne es zu spüren – und meist sind diese Verflechtungen von außen erzwungen, erscheinen zumindest unhinterfragt, für den Moment unbegründet: Yeter wird Alis Angebot gegen Bezahlung mit ihm zusammen zu leben annehmen, da ihr fanatische Muslime die Niederlegung ihres Gewerbes nahelegen; Nejat nach Yeters, durch Ali verursachten, Tod unbeirrt deren Tochter suchen ohne zu wissen dass diese nach Deutschland aufgebrochen ist, und dafür in Istanbul bleiben; Lotte ohne Bedenken die in Deutschland obdachlose und völlig fremde Ayten aufnehmen und ihr später nachreisen, um ihr zu helfen, und Lottes Mutter ebenso scheinbar grundlos skeptisch bleiben, ihre Tochter von Ayten fernhalten wollen – und immer wieder sich alle einander um Haaresbreite verfehlen, nicht einmal von ihrer gegenseitigen Bedeutung erfahren; nicht aus Pech, sondern weil es so vorbestimmt war, durch Handlungen von außen vorgegeben.

Das Gerüst des Filmes steht praktisch nackt da, und man wundert sich – gleichzeitig platziert der Film in seinem letzten Abschnitt, nach Yeters und Lottes Tod unbemerkt eine diffuse Botschaft in die Köpfe der Zuseher, die, man meint es zu ahnen, der Grund für die Unwichtigkeit der eher offensichtlichen Konstruktion ist.

Langsam erhalten die Figuren Konturen und Gründe für ihr Handeln; wenn Lottes Mutter den Tod ihres Kindes betrauernd auf dem Fußboden eines altmodischen Istanbuler Hoteles liegt, die Lichter der Stadt vor dem Fenster, wenn Ayten, aus dem Gefängnis frei, und sich ihrer Mitschuld an Lottes Tod bewusst, am Geländer eines Schiffes lehnt, und sich von ihrer politischen Sache losgesagt hat, die all jene Ereignisse begonnen hatte. Nejat in einem großartigen Moment von arbeitendem Altbauholz, dem abendlichen Leben Istanbuls und dem fühlbaren Denken der Figuren mit Lottes Mutter am Fenster steht, und von seinem Vater erzählt, und schließlich bei Trabzon am Strand sitzt, und geduldig wartet, dass eben dessen Schiff im Hafeneingang auftauchen wird. Ali, Wochen vorher, alleine über den Bosporus blickt, spielende Kinder einige Meter entfernt. Oder schließlich Lottes Mutter das Tagebuch ihrer Tochter liest, und ihre eigenen Motive wiedererkennt, zuguterletzt das tut, was ihre Tochter wollte: Ayten aus dem Gefängnis helfen.

In einem schwer erarbeiteten Schwenk drehen sich die Dinge richtig: Es geht wieder um Menschen. Das mag mehr bedeuten, als nach was es klingt.

Fotos: Kerstin Stelter / corazón international / Pandora

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