Tacheles

von Matthew

[Zu Berlin:] – “Ein fruchtbares Gelände für sumpfige Typen, seit 750 Jahren.”

Wolfgang Neuß (1923-89), dt. Kabarettist u. Schauspieler

Berlin ist die einzigartige Stadt, die auch nach Jahren eingehender Bekanntschaft immer wieder für Überraschung sorgen kann. Überraschungen, die dazu fordern, nochmals genauer über sie nachzudenken und in ein anderes Licht zu rücken – manchmal in ein dunkleres, aber meistens ein helleres Licht.

Kunsthaus Tacheles ist, wie der Name schon sagt, zwar ganz und gar ein Kunst-Haus, aber zugleich der natürlichste, unverfälschteste Ort in Berlin². Der jahrhundertalte Bau aus Stahlbeton stand in den 1990ern fernab seiner Glanzzeit als Kaufhaus als faktische Ruine kurz vor dem endgültigen Abriss. Eine Besetzungsaktion durch die Künstlerinitiative Tacheles führte letztendlich zum Erhalt des Gebäudes (mit einer wirklich schillernden Vergangenheit) unter der Berufung auf Denkmalschutz. Fernab davon seit diesem Zeitpunkt als totes Denkmal vor sich hin zu verfallen aber, ist das Tacheles heute ein kollektives, selbstbestimmtes Kunst- und Veranstaltungszentrum geworden. Ein lebendiges, dynamisches Etwas, das die Gegenwart neu definiert, aber die Vergangenheit seiner Stadt nicht leugnet. Mauergefühl und Avantgarde im einen: nicht nach oktroyierten, überlegten Maßstäben rekonstruiert sondern einfach nur da, weil es wirklich so ist.

Das Bewusstsein, etwas verändern zu können, den Glauben an soziale Veränderung und vielleicht, so cliché es auch klingen mag, einer besseren Welt – das scheint bei klarer Nacht mit hellem Mond vom Balkon des Tacheles aus, von farbfrischen Graffiti umgeben auf die Ruinen einst goldener Zeiten blickend, wieder möglich zu sein. Die Gegensätze die diese Stadt immer prägten sind hier widerspruchsfrei vereint, und mehr als das, man muss sich fragen warum man sich die Hoffnung für die Welt so leicht mit vorgeschobenen Problemen und Kritikpunkten hat ausreden lassen. Man blickt hinaus und sieht eine Generation die sich von so Vielem befreit hat, vor Potenzial strotzt und dennoch befangen, desillusioniert, jaded, nahezu fatalistisch sich dem ungeschriebenen Schicksal freiwillig fügt. Die sich auf keine Richtungen mehr festzulegen traut und nur noch nach trial-and-error im Dunkeln tappt. Die sich in zweideutigen Mehrdeutigkeiten verstrickt und nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Tacheles kommt aus dem jiddischen und bedeutet ursprünglich soviel wie „Ziel“. Vielleicht ist es wieder Zeit, Ziele deutlich zu machen. Es muss ja nicht nur eines sein. Es wäre womöglich die Entfesselung einer emanzipierten Freiheit, befreiter Träume, neuer Zwischenmenschlichkeit. Vielleicht ist es Zeit, tacheles zu reden – Zeit, unverblümt tacheles zu leben.

²Natürlicher sogar als die fast rustikal wirkende Ska-Polka Nacht in der nächstbesten Eckkneipe, inklusive dem obligatorischen, unerklärlich just in diesem Moment von Nationalstolz beflügelten Katalanen („I not Spanish! I’m from Katalan!“), der einen fast passablen Robotertanz zu russischen Volkliedern aufführen kann – mit gemimten Kastagnetten, natürlich³.

³„Du bist verrückt mein Kind, du mußt nach Berlin.“

Franz von Suppé (1819-95), eigtl. Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppé Demelli, östr. Operettenkomponist

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