Das Flüstern.

von Flo

Musik ist Propaganda, Aufputschmittel, Information, Selbstdarstellung: immer beschäftigt mit Aufgaben und Zwecken, wie ihre Hörer – oder einfach nur da. Wie Winter Took His Life’s warme, akustische Schwedenräume.

Was immer Menschen tun, trägt, wahrscheinlich, Teile ihrer Lebenswelt in sich – natürlich auch Musik, eine der menschlichsten Kunstformen. Eines der markantesten Charakteristika unserer Zeit mag sein, dass alles einen Zweck zu erfüllen hat – und so macht auch Musik Sinn und Zweck. Einiges an Halbzufriedenheit erwächst aus diesem Umstand, für die noch nicht einmal Reißbrettcharthits mit dem sehr offensichtlichen Zweck des Broterwerbs herbeizitiert werden muss: Armadas britischer Independent-Bands zielen genau auf den Tanzboden, fabrizieren Musik, die über die liebgewonnenen 70er Jahre-Mechanismen für 5 Clubstunden die nordische Coolness ausheben soll, und zwischen Ambient und Elektro spannt sich ein ganzes Genre entspannender Frickelkunst für den Feierabend. Nichts davon ist verkehrt, gleichwohl funktioniert all das eben nur bedingt: In diesem Moment, und für das richtige Ziel. Spricht nur bedingt offen mit dem Hörer: Eben das, was zum gemeinsamen Ziel führt.


Foto: Mattias Delmo

Unbedingtheit ist eines der Worte die fallen, wenn man die Musik Winter Took His Lifes beschreibt. Es geht um: Eine Akustikgitarre, die Stimme einer jungen Frau und ein paar Augenblicke, die diesem Leben unterwegs begegnet sind; nicht viel mehr meistens. Nicht ungefiltert, sicher etwas weichgezeichnet, aber unbedingt vorgetragen – eine kleine, warme Umarmung. Der Zeitgeist und seine Mitteilungen verlieren ihre Bedeutung, diese Konstellation kaum: Unter warmes Lampenlicht geduckte Pickings, eine Stimme von nebenan, nicht absichtlich niedlich, kein übertriebener Soul – auch morgen noch gültig.

Wolf Wondratschek, deutscher Lyriker, schrieb vom „Flüstern am Ohr des anderen“, das einer der schwersten Stiche für einen zurückgewiesenen Liebhaber ist – wohl weil Flüstern Privileg ist und Nähe, Mitteilung etwas Wertvollen… Geflüstert wird viel auf „You Know What It’s Like To Be Alone And Shut Down“, dem Album Winter Took His Lifes. Im übertragenen, seltener im akustischen Sinne. Nicht in Phrasen oder von perfekten Welten – in den besten Momenten des Albums beobachtet Susanna Brandin, die Stimme hinter dem langen Pseudonym, genau, stehen Augenblicke auf der Kippe: Der vergehende Sommer und die mit ihm still zurückgelassene Liebe in „Lucky Star“, die Ungewissheit im Fortgehen in eine fremde Stadt in „I’m Done Trying“, die gelebten Ereignisse und noch nahen Menschen einer gerade vergangenen Konzertreise in „Boston“, oder das Suchen und Loslassen in „When You Said You Headed Home“.

- Viel ist von Trennung die Rede – aber immer bleibt eine Hand gehalten, und der Blick für das Vergangene weich; in den Menschen, von denen die Rede ist und den Dingen die sie tun magisches, das Leben voll mit versprochenen Wundern, aber nicht einfach: Es geht viel schief. Es war trotzdem schön. Und da finden sich Bilder für die beschriebenen Momente, ein Stück Winterschweden: Nachdenkliche Menschen an Fenstern, Suchende in der Stadt, das Gefühl nach dem Fehler, die niedergeschlagenen Blätter des Baumes am Sommerhaus, und einer, der sie aufhebt. Während die Gitarre das übertragene Flüstern in der wohnzimmerkompatiblen sonoren Lautstärke illustriert: Das hier könnte echt sein. In diesem Moment passieren.

Alles was einen Zweck haben muss, existiert nur unter Vorbehalt – wie beruhigend es da ist, zu hören von den bedingunglos gehaltenen Händen, gesungen in einer Art, die als warme Umarmung auch in ein paar Jahrzehnten noch gültig sein wird.

Ein Vorteil unserer Zeit allerdings, und des Internets, dem Zweckträger des Verkaufs: Winter Took His Life, ein kleines Acoustic-Projekt auf einem noch kleineren Göteborger Label ist überall zu hören, weit über die Schären von Bohuslän hinaus: Auf Myspace und zu bestellen. Glasfaserkabel tragen Geschichten.

Metadaten:

Einen Kommentar schreiben.



XHTML: Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>