Wahrhaft menschlich.

von Matthew

Es ist ein nobles Ziel, die Menschen und Menschheit immer auch als Zweck, und nicht nur als Mittel zu sehen, ein aufgeklärter homo noumenon zu sein (frei nach Kant): Jemand, den diese Welt zwar genauso verwirrt wie alle Anderen auch, der aber den anstrengenden Pfad der praktisch-vernünftigen Menschlichkeit nicht scheut und die damit verbundenen Irrungen auf sich nimmt. Nobel sicherlich, aber – praktisch – unpraktisch. Umso schöner dann, wenn die Spannungen und Belastungen des alltäglichen Lebens wegfallen, wenn Sinne nicht von Mittel betäubt, sondern durch reinen Zweck in der Menschlichkeit beflügelt werden. Damen und Herren: Musik, die wahrhaft menschlich ist.

Große Worte, die einem großen Gefühl nicht gerecht werden können. „Schöne Worte sind selten wahr, und wahre Worte selten schön“ – so sagt es uns nicht nur der chinesische Philosoph Lao Tze, sondern auch Mulo Francel, Bläsermultitalent und Frontman des magnetischen Instrumental-Quartetts Quadro Nuevo. Erst wenn die Worte wegfallen kann dieses grandiose Gefühl sich entfalten, und uns dort hinziehen wo alles unwichtige verblasst, und nur die tiefste innere Regung verbleibt. „Wildes Temperament getrieben zwischen östlichen und westlichen Winden, zwischen verzehrender Sehnsucht und genussvoller Erfüllung. Zwischen dem Bitteren und dem Süßen,“ heißt es auf ihrer (sehr gut gemachten) Webseite: und das ist es auch.

Es ist etwas anderes. Manch einem bedarf es schon einiger Überwindung, allein den Akkordeonklang aus den Fängen der Assoziation mit sogenannter „Volksmusik“-imitation zu befreien, und überhaupt, Jazzkonzert ist ja noch ok, aber Tango und anderes altes Zeugs noch dazu? Doch was überzeugt, ist die gnadenlose, beneidenswerte technische Perfektion. Mehr als nur die „richtigen Töne“ zu erwischen: es wird die Bassklarinette zum Didgeridoo, der Kontrabass zum Schlagzeug, der rechte Fuß spielt Psalter mit, und es entsteht eine virtuose Klangkulisse, in der einzelne Damen in der zweiten Reihe zwei Stunden lang nahezu durchgehend kopfschüttelnd dem Staunen verfallen. Viel mehr aber als nur beeindruckende Beherrschung der Instrumente, schwindet die Grenze zwischen Mensch und Werkzeug völlig: der Mensch wird selbst zur Musik, ohne Mittel und Zwischeninstanz. Und wenn diese vier, die Anfangs angeblich nur der purste Zufall zusammenbrachte, miteinander einstimmen, dann ist das reinste Menschlichkeit. Das könnte in jeder Sekunde jedes Tages so sein, und doch niemals unpassend, denn diese Musik ist so, wie das Leben sich anfühlt.

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