Von Griechenland erzählen.

von Mario

Ein, zwei Mal im Jahr, da packt es die Menschen: Mit Sack und Pack, den halben Hausstand und doch die falschen Klamotten im Gepäck, reisen nein rasen Abertausende den Alpen, der Erholung, dem Meer, dem Urlaub entgegen. Und zwei Wochen später wieder zurück. Was diese Urlauber von Reisenden unterscheidet ist eine grundsätzlich verschiedene Idee der Fahrt zum Zielort. Während der Reisende kein Ziel im engeren Sinn kennt, es höchstens als Wendepunkt der Reise gen Heimat wahrnimmt, ein Punkt unter vielen Punkten auf der Landkarte, an welchen man Zeit verbracht und Impressionen gesammelt hat, versucht der Urlauber diese Fahrt oder den Flug zwischen dem Heimat- und dem Zielort so kurz wie irgend möglich zu halten. Sei es um die wenige Urlaubszeit optimal zu nutzen, sei es um mit dem Schwung der Raserei ein Quäntchen Erholung mit in den tristen Alltag zu retten.

Ob Reisender oder Rasender, was beiden bleibt sind Anekdoten. Anekdoten wie die des tapferen, kleinen Matrosen. Den Asiaten am Strand. Dem verschwundenen Busfahrer. Vagelis, dem Menschenfänger. Dem multilingualen Secondhand Buchladen. Donoussa, einem stillen Paradies auf Erden. Und Kakerlaken in Athen.

Bild: Mario, heller Röntgenstreifen Athener Flughafenpersonal.

Mit dem Flugzeug nach Athen, auf der Fähre den Sonnenuntergang genießen, schlafend Santorin erreichen und dort erholt die Insel unsicher machen, so war der Plan. Nur wer keine Einzelkabine bucht, schläft im Aufenthaltsraum und muss ein wachsames Auge auf seine Habseligkeiten werfen. Aber ich heldenhaftes Männchen werd mein Weibchen schon bewachen, einzig das ständige Kommen und Gehen der anderen Passagiere und der latente Geruch nach Erbrochenem – ich habe Schnupfen und kriege davon nichts mit – lassen sie nicht schlafen. Aber es gibt ja noch einen zweiten Raum, der wundersamerweise leer und dessen Tür nach meinem Dafürhalten offen ist. Gerade sind wir umgezogen, meine Begleiterin entschlummert und ich in meine Lektüre vertieft, da betritt der tapfere kleine Matrose die Szene. Ich wecke die Dame und ein erstklassiges Exempel moderner Völkerverständigung entspinnt sich: Not here. Why? Not here. Why? Not here. Okay, but why? Not here. W – h – y? Not- okay. Unter strengem Blick umgezogen, den Dialog notiert und die restliche Nacht seekranke Luft genossen.

Mit Augenrädern groß wie Bullaugen und – zu mindest in meinem Fall – einer Nase deren durchdringendes Rot jeder Rettungsboje zur Ehre gereicht hätte gehen wir an Land. Der Blick wandert den monumental aufragenden, steilen Kraterrand empor – und wird jäh wieder zu Boden gerissen: Zwei, vielleicht auch drei Dutzend der Inselbewohner versuchen uns mit netten Schildchen ihre Unterkunft näher zu bringen. Wir laufen Slalom – Danke, Thank you, Merci wir haben schon was – und schließen die Freundschaft eines besonders hartnäckigen Zeitgenossen, der uns in der Ortschaft noch des Öfteren mit seinem kleinen Moped auflauern wird und partout nicht glaubt, dass wir bereits vergeben sind. Vor unserer Unterkunft treffen wir einige Handwerker, die, so versichert der Vermieter uns “Will be finished in two hours”. Und am nächsten Tag auch. Und am nächsten Tag auch. Und am nächsten Tag auch. Liebevoller als jeder Wecker begleitet uns also rhythmisches Klopfen aus dem Bett, ins Bad und zur Tür hinaus.

Bild: Mario.

Wenn man schon früh aufsteht, kann man sich auch die Insel anschauen: Der Red Beach ist mittlerweile in allen Inselführern als eindrucksvoller und einsamer Geheimtipp beschrieben und so liegen wir wie die Sardinen vor der prächtigen Kulisse roter Klippen und beobachten vergnügt eine Gruppe Asiaten die im Gänsemarsch den steilen Weg über die Klippen zu uns herabsteigen. Mit Hut, je nach Geschlecht Hemd oder Bluse, kurzen Khakihosen, langen Tennissocken und Turnschuhen bekleidet, sammelt sich die Gruppe zu einem kurzen Vortrag um den Fremdenführer, befühlt dann vorsichtig mit der flachen Hand das Meer, sammelt anscheinend wahllos fünf Steine ein und verschwindet.

Und dann waren wir ja auch noch in Oia, dem griechischsten Dorf auf ganz Santorin. Hier gibt es ja überall weiß getünchte Häuser, aber die in Oia sind ein wenig weißer. Hier geht überall die Sonne unter, aber nur in Oia kann man ihr aus einem alten Kastell dabei zusehen wie sie im Meer versinkt und dabei den Ort in roten Flammen aufgehen lässt. Schön – fanden die restlichen 100 Urlauber, die das doch recht klein geratene Kastell füllten wie die Athener U-Bahn zu Stosszeiten, auch. Zurück geht es mit dem Bus – bis auf freier Strecke der Busfahrer aussteigt und im Dunkel der Nacht verschwindet.

Wie es weitergeht auf Santorin, warum wir nach Donoussa wollen und nach Naxos fahren, wer Vagelis ist und wie wir doch noch auf Donoussa landen und fast nicht mehr wegkommen, das erzähle ich nächste Woche.

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