Trust your senses.

von Mario

In London brennt gerade* ein Busdepot, eine Rauchsäule steht über der Stadt und wohl nicht nur die Händler an den Börsen befürchteten kurze Zeit einen Terrorakt. Mittlerweile gehen die Behörden von einem Unfall aus. Seit den Anschlägen vom 7. Juli 2005 auf die Londoner U-Bahn leben die Engländer, und speziell die Londoner, mit der Gewissheit jederzeit wieder Opfer eines Anschlages werden zu können. Wie gehen die Regierung, die Stadt und die Menschen damit um? Das sollte mir ein guter Freund, der letzten Sommer sechs Wochen in England war, beantworten.

Stefan, du warst diesen Sommer während eines Praktikums in London und England. Erzähl mal ein bisschen etwas über Land und Leute.

Das ist eine sehr allgemeine Frage (lacht). Vorweg möchte ich sagen, dass es eine sehr schöne Zeit war. London ist eine unglaublich vielfältige und schöne Stadt und die Leute sehr hilfsbereit und aufgeschlossen. Das gleiche gilt für die weiteren Teile von England, die ich besucht hab. Ich denke aber du willst auf etwas anderes hinaus, oder?

Eigentlich nicht, meine Frage zielt schon genau in diese Richtung: Sind die Engländer nach den Anschlägen zu verschlossenen und ängstlichen Menschen geworden? Spürt man eine andere “Stimmung” als beispielsweise hier in München?

Nein, das würde ich nicht so sehen. Teilweise sogar im Gegenteil: Die Tube kann einfach noch so voll sein – und die Leute sind dennoch freundlich und hilfsbereit. Das habe ich in München schon anders erlebt. Eine andere Stimmung? Ich habe keinen Vergleich zum “Vor-Terror-England”, aber es ist schon auffällig – und für uns Deutsche mit Sicherheit befremdlich – wie man immer wieder an die terroristische Bedrohung erinnert wird.

Inwiefern erinnert?

An jedem noch so kleinen Provinzbahnhof kommen ständig Durchsagen, die darauf hinweisen das jedes herrenlose Gepäckstück von den Sicherheitskräften zerstört wird. Das kennt man hier nur von großen Bahnhöfen und Flughäfen und nicht vom Westerhamer** Bahnhof. Des Weiteren gibt es Plakate in der Tube, die dazu (einen) Auffordern jedes verdächtige Verhalten zu melden. Schlagwort ist “Trust your senses”.

Das ist allerdings recht deutlich. Gibt es auch latentere Formen der Erinnerung, Dinge die einem erst auf den zweiten Blick bewusst werden?

Da fällt mir spontan nur ein, dass es einfach keine Mülleimer auf Bahnhöfen gibt. Aber das stammt – soweit ich weiß – bereits aus der IRA Zeit.

Also keine verstärkte Polizeipräsenz – in der Zeit direkt nach den Anschlägen sah man ständig Polizisten mit Maschinenpistolen – Personenkontrollen oder Ähnliches?

Es gibt schon sehr viel Polizei, definitiv mehr als in München. Allerdings sind die Polizisten sehr zurückhaltend. Man fühlt sich also nicht bedroht, oder so. Auffällig sind zudem die ernormen Ausweiskontrollen bei der Einreise, ich musste meinen Ausweis bestimmt 5mal vorzeigen vom Lufthansa Schalter angefangen.

Interessant wie sich der sprichwörtliche englische Gentleman sogar in Krisenzeiten behauptet. Weniger gentlemanhaft soll das Ausmaß an CCTV in England sein, wie war dein Eindruck?

Oh ja, das ist so eine Sache für sich. Man könnte bestimmt hunderte von Spielfilmen mit mir in der Hauptrolle aus dem gesamten Material schneiden, das sich in den 6 Wochen angesammelt hat. Fakt ist, dass man gefilmt wird, sobald man einen auch nur annähernd öffentlichen Platz betritt. Also praktisch sobald du das Haus verlässt. Für mich war das eine sehr unangenehme Erfahrung, aber bereits nach 3-4 beginnt man es zu ignorieren.

Was ist dein Fazit zu England und den Engländern?

Ich mag das Land und ich mag die Leute. Aber dennoch würde ich nicht längerfristig da wohnen wollen. Ich kann das auch schlecht begründen. Vielleicht weil ich nicht so gerne vor der Kamera stehe…

…und überwacht werde? Was hältst du von dem englischen Umgang mit der potentiellen Bedrohung durch Terroristen? Kann oder muss man das rechtfertigen?

Meine Meinung ist, dass in England die Balance zwischen Freiheit auf der einen und Sicherheit auf der anderen nicht mehr gegeben ist. Die Waage neigt sich gefährlich in Richtung Überwachungsstaat. In dieses Bild passen auch die Speicherung von Telefondaten sowie der Pass mit Fingerabdrücken, der demnächst eingeführt werden soll. Ich hoffe, dass wir in Deutschland von derart rigiden Maßnahmen (insbesondere CCTV) verschont bleiben.

Das ist ja dann doch eine recht handfeste Begründung.

Vielen Dank für das Gespräch.

* Interview geführt am Montag den 12.11.2007   ** Ort zwischen München und Rosenheim

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