…einer, sie schützen.

von Flo

Vor dreihundertfünfzig Jahren erklärte einer, warum es allen vernünftig ist, ihre Rechte an einen abzugeben: Sicherheit vor den anderen war das Schlüsselwort. – Die Erklärung funktioniert noch immer, nur nach einer Erklärung wie in Hobbes’ens Leviathan fragt keiner mehr: Die Angst spricht für sich selbst.

Fest im Griff hat uns fast immer eines: Das, was wir haben; wir wollen es nicht hergeben. Niemand sein Fahrrad oder das Wohnungsinventar. Und die, die sie haben auch nicht die Macht in der Gesellschaft. Die einen kaufen sich Vorhängeschlösser; die anderen haben es schwerer. Denn während ein gekauftes Fahrrad nun mal gekauft ist, ist Macht in unseren Systemen immer nur geliehen – Beim Hantieren mit Vorhängeschlössern an ihrem Eigentum werden die Verleihenden misstrauisch.

Subtiler muss es also sein. Thomas Hobbes, das „Monster of Malmesbury“, hat dem absolutistischen Herrscher im 17. Jahrhundert ein Konstrukt geschmiedet, dass aus einer vorübergehenden Leihgabe ein glückliches Verschenken gemacht hat. Sein Argument, vor fast einem halben Jahrtausend: Niemand ist sicher, solange nicht alle bis auf einen wehrlos sind. Einer muss entscheiden können wer die Gefahr, und wie sie zu bannen ist. Auch die willkürlich ausgemachte Gefahr, die „Gefährder“ haben sich dem zu beugen – besser schließlich, wenn alle von einem als wenn jeder von jedem bedroht werden zu können. Thomas Hobbes’ Herrscher, der allmächtige Leviathan ging unter. Weil die Revolutionäre der folgenden Jahrhunderte lieber von sich selber, dem Prinzip, dem Gesetz, regiert wurden, als von der Willkür eines Einzelnen. Vielleicht auch, weil faktisch nichts so gefährlich scheint, wie die Übermacht einer Seite.

Allein, das Gesetz, das allen Freiheit lässt, erst einmal denken, tun und planen zu dürfen was sie wollen, ist auch Gefahr. Wie das Freiheit eben immer ist. So schön wie schrecklich: Niemand darf weggesperrt werden, weil er gefährlich aussieht oder etwas anderes denkt – er muss schon erst gegen das Prinzip Gesetz verstoßen. Einer (und das heißt: wir alle) muss nun, sehen wir, wieder in Verwahrung gebracht werden können, bevor er Unheil anrichtet. Schließlich werden die Gefahren, die Schäden für alle größer; sehen wir nur einmal imaginäre Flugzeuge in reale Atomkraftwerke fliegen. Der Staat muss den (noch) Unbescholtenen bedrohen können, bevor alle anderen Schaden nehmen. Das fühlt sich sicherer an, das klingt überzeugend genug. Das heißt auch wieder: Dass wir mit unserer persönlichen Freiheit für das subjektive Sicherheitsgefühl aller bezahlen müssen. Es gibt willkürliche Raster für all jenes, was gefährlich sein kann. Ob es ein dunkler Teint, ein falscher Glaube, oder die Fähigkeit gerade, systemkritische Sätze zu formulieren ist. Und der Leviathan, das große Wesen, dessen Teil wir sind, ist wieder legitimiert.

Allein: Wer glaubt Hobbes’ Leviathan konnte die Taschenmesser der Meuchelmörder des 17. Jahrhunderts einsammeln? Und der Überwachungsstaat des 21. Jahrhunderts das Waschmittel und die apothekerischen Ingredienzien, aus denen Hobbyterroristen ihren Sprengstoff brauen könnten? Wer glaubt an Sicherheit durch Zwang, und an schlupflochfreie Welten, die nicht enggestrickt wie ein 1984 oder eine „schöne neue Welt“ sind? Sicherheit entsteht nicht aus zugeschlagenen Türen – die wollen gestürmt werden. Sondern aus offenen. Wenn Vorhängeschlösser vor das Konzept der Willkür gehängt werden, ist es mindestens Zeit für ein Sturmklingeln.

Metadaten:

Einen Kommentar schreiben.



XHTML: Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>