De Chelonian Mobile

von Matthew

I’ve seen things you people wouldn’t believe.
Attack ships on fire off the shoulder of Orion.
I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser gate.
All those moments will be lost in time, like tears in rain.
Time to die. –
Roy Batty, Replikant, Blade Runner (1982)

Die Bedeutung des Moments, des Augenblicks, verblasst. Die Natur kriecht langsam in ihr plexiglasversiegeltes Versteck. Kunst durchdringt unser heutiges Leben wie noch nie zuvor, und überlagert oft die Realität. Eine Realität, so wie es scheint, die immer öfter den Anforderungen einer technisch-ökonomischen Rationalität schleichend angepasst wird. Wohin mag uns dieser, sich zuspitzende Prozess führen? Und was macht ein Kunstwerk wahrhaft unsterblich? Die Antwort auf diese sehr unterschiedlichen Fragen vereinigt sich in einem Filmmeisterwerk, dass dieses Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiern darf.

Bladerunner ist eine dystopische Vision in der fortentwickelte Technik alles machen kann und will, außer massive soziale Disparitäten zu mindern. Natur ist nur noch als fetischartiges, biogenetisches Ersatzprodukt erfahrbar. In der ewigen Smog-Nacht des Metropolis-artigem Los Angeles findet sich zunächst ein aus dem Film-noir entliehenes Motiv: ein einsamer, mit Selbstzweifel erfüllter Detektiv nimmt widerwillig einen zweifelhaften Auftrag, dass ihn nicht nur an einer Reihe zwielichtiger Orte und Gestalten führen soll sondern auch, natürlich, zum dramatisch unklaren Verhältnis zu einer femme fatale.

Doch eigentlich geht es um nichts Minderes als was es bedeutet, Mensch zu sein. Denn der Auftrag von Detektiv Decker (manchmal dümpelhaft aber insgesamt sehr passend gespielt von Harrison Ford) befasst sich mit dem „vorzeitigen Ruhestand“ von 5 gefährlichen, flüchtigen Replikanten: Biogenetisch perfektionierte Roboter, auf anderen Welten als Sklaven verwendet, auf der Erde wegen grausamer Verhaltensausrutscher verboten. Körperlich, geistlich, sogar im Sinn für Ästhetik ihren Schöpfern ebenbürtig oder überlegen; nur durch ihre verkürzte Lebensdauer und den versperrten Zugang zu Emotionalität lassen sie sich von dem Menschen unterscheiden. Aber wie es scheint lassen sich auch Gefühle von rein rationalen Wesen entwickeln (Titel der Buchvorlage: „Do Androids Dream of Electric Sheep?“), und so zieht sich durch die diversen dramatischen Konfrontationen die Frage, wer am Schluss denn menschlicher sei: Mensch oder Replikant?

Es sind die kleinen Details, die diesen Film auch mehr als einmal sehenswert machen; liebevoll eingewobene Anspielungen wie die exakte Nachstellung der berühmten „Unsterblichen“ Schachpartie von 1851, die gezielten biblischen und metaphysich/religiösen Andeutungen, oder auch schnell übersehenes wie Stadtbewohner mit Gasmasken, leuchtenden Regenschirmen und eigener Mischsprache. Leider ist teilweise einfach zu viel auf einmal in das Werk integriert, so dass die eigentliche Geschichte, trotz eindruckvollster künstlerischer Umsetzung und inhaltliche Hintergedanken, oft darunter leidet. In der ursprünglichen Fassung sollte hier (gegen den Willen des Regisseurs Ridley Scott („Alien“)) eingesprochene Voice-overs mit einer Art roten Faden Abhilfe leisten, dennoch ist vom Gesamteindruck definitiv die „Director’s Cut“-Fassung ohne Zwangskommentar und mit alternativen Ende vorzuziehen. Ausdrücklich zu erwähnen ist der vorzüglich getroffene und, in eigener bescheidenen Meinung, einfach wahnsinnig gute Soundtrack von Filmmusikvirtuose Vangelis. Blade Runner wirkt insgesamt zwar etwas Hollywood-befangen, weist aber dennoch eine gute Synergie zwischen Darstellung und Dargestelltem auf, wie sie in diesem Genre erst mit Matrix wieder stattfinden sollte – möglicherweise der einflussreichste Film der 1980er schlechthin, aber in jeden Fall gelungene Höchstkunst.

Ist der Mensch nicht doch letztendlich ersetzbar? Replizierbar? Ab welchen Punkt ist Existenz schützenswert? Inwiefern sind wir mehr als nur biogene Maschinen? Inwiefern sollten wir mehr als solche sein? Sein wollen? Diese Fragen (sowie die teilweise sehr gewaltigen Bilder) hängen dem Zuschauer lange nach. Vielleicht sind die postulierten Entwicklungen überhaupt nicht möglich: angesichts der ungeheueren Komplexität des menschlichen Gehirns ist die Entwicklung einer konkurrierenden künstlichen Intelligenz noch sehr fraglich (zumindest bishin zum magischen Blade Runner-Jahr 2019), und so sind theoretische Überlegungen, wie man ihr gegenübertreten sollte, vielleicht vollkommen unnötig. In Bezug auf Forschungsethik im Allgemeinen und unser Selbstbild im Bezug auf Technik und Natur ist das wiederum anders: Es bleiben unangenehme Fragen, denen man nicht so leicht aus dem Weg springen kann. Hoffentlich träume ich heute Nacht nicht von elektrischen Schafen.

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