Verkannt

von Matthew

Es gibt Leute, die kein Problem haben, jeden auf der Straße anzusprechen, für die Kommunikation so natürlich ist wie atmen, die die Maxime „Ask, and you shall receive“ im Blut verinnerlicht haben, und auch niemals einen Grund sähen, es anders zu machen.

Und dann gibt es Menschen wie mich. Sitzen Tage, Wochen, Monate vor einem leeren Brief, wählen eine Nummer dutzende Male, nur um gleich aufzulegen, gehen am ominösen Eingang im letzten Moment doch noch vorbei, drei, vier, fünfmal, scheuen sich davor einzutreten. Wenden sich innerlich hin und her, wenn es darum geht, auch nur einfachste Worte mit jemanden zu wechseln.

Warum? Rational ist das doch sicher nicht. Eine ureigene Angst vor dem Anderen, was passieren könnte, wenn man mit ihm in Verbindung tritt. Das Ausmaß der Reaktion kann eigentlich doch gar nicht so schlimm sein, um diese grundsätzliche Vermeidung zu rechtfertigen, oder?

Und es ist nicht so einfach es zu Verstehen. Es ist mehr als eine Angst vor Repressalien, etwa von Autoritätspersonen – den Umgang mit großen Bürden, mit einem harten Los, kleine Lebensschlenker zum Schlechteren scheinen die Zurückhaltenden auf bewundernswerte Art gemeistert zu haben. Was nicht heißen soll, das sie nicht verwundbar wären. Aber an Stärke fehlt es ihnen, gegen den etwaigen Anschein, wahrlich nicht.

Auch nicht an Verständnis dafür, dass die meisten menschlichen Interaktionen harmlos sind, keine Gefahr darstellen – nun ja, hier scheidet sich der Geist wohl doch von dem der Norm. Was von ihm aus in diese Welt durchblitzt, ist das akute Bewusstsein, dass jeder Moment in der Zeit nur einmal passiert. Alles, was danach kommt wird verändert, aktiv abgeändert, und dieser Moment wird unwiderruflich so gewesen sein, wie es war. Im ewigen Stein geschrieben, das eigene Vermächtnis. Vielleicht ist es eher die Angst davor, diese Skulptur mit einer unnötigen Blessur zu versehen. Denn jede unbekannte Situation ist ein Meißelhieb ins Schwarze, Blind, ohne Wissen, wo er einschlagen wird. Wenn man drüber nachdenkt, scheint es einem eher unwahrscheinlich, dass das Kunstwerk dadurch zum besseren verändert, näher zur Vervollständigung gebracht wird. Vielleicht arbeitet man lieber in den bekannten Gefilden des Lichts, anstatt zu riskieren, dass ein Teil abbröckelt oder zerstört. Man könnte ja auch die Statue eines Anderen treffen.

Das ist wohl die Essenz, das, was die Schüchternen miteinander verbindet, die, die nicht verkannt werden wollen. Es ist dieses Bewusstsein um die Einmaligkeit des Lebens – und vor allem der Wunsch andere nicht zu verkennen, nicht deren Kunstwerk ausversehen an kritischer Stelle zu treffen. Denn das zu reparieren, ist schwer oder auch schlichtweg unmöglich. Deswegen tastet man sich nur langsam vor, Millimeter um Millimeter, tastend, wendend, intuitiv spürend, wo man vorarbeiten kann und wo vielleicht nicht. Dass man dabei bisweilen über das eigene Sicherungsseil fällt ist fast schon vorherbestimmt. Meine also nicht, wir hätten nichts zu sagen, wenn wir Stumm aber Aufmerksam in der Ecke stehen und nur beobachten, tu uns nicht für hohl ab, wenn wir nur immerzu nicken und freundlich lächeln. Wir wollen dir nur den Respekt geben, den du verdienst. Wir wissen noch nicht genau, wo wir ansetzen sollen, dürfen; wir wollen nicht den falschen Schritt tun, wollen dich nicht verkennen. Und das ist sehr wichtig. Es ist vielleicht nicht der beste, effektivste, der richtige Weg. Aber es ist unserer. Verkenne ihn nicht.

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