På festivalen IV: Immergut, Teil 2

von Mario

Wer über Festivals schreibt, schreibt über Musik, schreibt über Bands. Eindrücke und Ausdrücke. Wer weder Ein- noch Ausdrücke hat lässt das schreiben lieber bleiben. Aber ich habe ja Eindrücke, nur nicht mehr von den Bands. På festivalen IV: Immergut, Teil 2. Was sonst noch so war, oder: Was ein Festival von einem Konzertbesuch unterscheidet.

Man zeltet. Pünktlich um fünf Uhr morgens treffen sie sich, der Halsschmerz, die Kühle einer sternenklaren Nacht und der Morgentau. Zwei Stunden Schlafsackgewälze später, als die ekelhaft feuchte Morgenluft endgültig ins Zelt und bis auf die Haut gesickert ist, gebe ich auf und mache mich auf den Weg. Der Kaffeestand hat noch in der Nacht geschickt und geschäftstüchtig vom abgezäunten Bühnenareal zum Campingplatz gewechselt. Das „Menge milchiger Wärme für meinen geschundenen Hals“ zu Euro Verhältnis ist bei einem Latte Macchiatto am günstigsten, außerdem werde ich dann nicht so aufgedreht. Also nach drei dann doch. Wie ich diese klamme Kühle hasse! Also rumtrotten, in Bewegung und warm bleiben. Gegen acht das erste Mal die Duschen gecheckt, die sind kalt und bleiben es.

Nur vereinzelt wanken Leidensgenossen und Frühaufsteher zwischen den Zelten – überall Einweggrills, Campingstühle, Pappteller mit und ohne Essen drauf, Plastikbecher und leere und volle Flaschen. Spießig? Vielleicht. Aber große Teile der Festivalbesucher zahlen anscheinend 40€ dafür, sich auf dem Campingplatz zu besaufen und dabei ihre neu gekaufte Campingkomplettausrüstung zu ramponieren. Morgen werden sie Türme aus Fahrrädern, Campingstühlen und Zeltteilen bauen – wenigstens werden sie die nicht anzünden, aber auch nur weil der Regen bis dahin alles durchnässt hat. Interessante Typen sind das, die hier mehr Zeit auf dem Campingplatz als auf dem Festivalgelände verbringen. Für die einen, gerade irgendwas um die 16 geworden und aus den umliegenden Ländereien, ist das hier die extended version einer Sturmfreiparty – weit genug von den Eltern, nah genug an der vertrauten Tanke. Dann gibt es Gruppen von Pfadfindern in der Midlifecrisis, Mitte 20 und damit wohl vom heimatlichen Stamm wegen Altersschwäche verstoßen, leben sie sich hier auf dem Festival voll aus. Da wird ein Feuerloch gegraben das jeder Datschabaugrube Konkurrenz machen würde und dann junges Bäumchen um Bäumchen, fachmännisch mit der eigenen Axt gefällt, den Flammen geopfert. Grillen kann man darüber nicht mehr, ist ja auch verboten aber von einem zwei Meter tiefergelegten Sonnwendfeuer stand nichts in den Festivalregeln. Und wieder Andere sind so indie, dass sie ihre Verachtung für den „Mainstreamfestivalbesucher“ nur noch durch extensives techno- und schlagerhören ausdrücken können. Regelrechte Wettbewerbe der Trash Top 100 entwickeln sich, so feiert der Steppenwolf. Zynisch? Nein, begeistert!

Und G8 war. Wollte eigentlich schreiben man hat nicht viel mitbekommen, aber so latent war doch immer was. Ein paar wirklich jugendliche Jugendliche – maximal vierzehn, klein und schmal – die Jungs mit den ersten zerrissenen Hosen und Mädels mit Chucks und Palästinensertuch. Und daneben und über den Bahnsteig verteilt acht bis zehn Polizisten, wohl die kleinen Demonstranten auf dem Weg in die große Stadt beaufsichtigen. In voller Demoausrüstung: Grüner Kampfanzug, Arm- und Beinschienen, Körperpanzer, Helm und schwere Stiefel. Riesen Männer sind das und zwei Frauen auf die die kleinen Demonstranten schüchtern schielen. Später in der Schlange vor dem Einlass zum Bühnenareal meint einer von den indieschicken Herren zu einer sehr indieschicken Dame: „Das wär schon was, da dabei sein“, Sie darauf „Bringt doch eh nichts“, er darauf: „Naja, so ein bisschen Action.“ Idiot. Und ganz später, fast daheim, auf einem Rastplatz zwischen München und Berlin, Blaulicht in der Ferne und dann rauscht er vorbei, ein Riesenpulk aus Wasserwerfern und Mannschaftswagen, Wasserwerfern und Mannschaftswagen, Wasserwerfern und Mannschaftswagen und noch mehr Mannschaftswagen. In den Krieg. Oder nach Rostock wo die Vierzehnjährigen sicher gerade die Riesenmänner und Frauen niederringen. Immer 100 auf einen.

Da fällt mir tatsächlich noch eine Band ein: Someone still loves you Boris Yeltsin. Nette Jungs mit netter Musik. Das Festival auch. Danke.

Metadaten:

Einen Kommentar schreiben.



XHTML: Folgende Tags sind erlaubt: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>